DDR-Bürger informieren sich am 17.08.1989 vor der deutschen Botschaft in Budapest auf einer Landkarte über den Verlauf der grünen Grenze. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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30 Jahre Mauerfall Offene Herzen, offene Tore

Eine Begegnung mit dem katholischen Pfarrer Imre Kozma, der vor 30 Jahren Tausende DDR-Bürger betreute, die in Budapest auf ihre Ausreise warteten.

Der Dienst am Menschen ist dem katholischen Pfarrer Imre Kozma Berufung. Auch im Sommer 1989, als tausende Bürger aus der DDR in Budapest ankommen. Am 13. August fragt ihn der deutsche Konsul nach der Messe: „Können Sie helfen?“, und Kozma antwortet natürlich „ja“. Bis zum November wird er 48 600 DDR-Bürger unterstützen.

Kozma ist heute 78 Jahre alt. Vor 30 Jahren arbeitete er in Zugliget, beschaulich und bewaldet am Stadtrand Budapests gelegen. Den Posten hatte er 1977 überraschend erhalten, als er schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, noch irgendwo Pfarrer zu werden. Er war nicht regimetreu genug. Wegen öffentlichen Vorlesungen, zu der nach seinen Angaben bis zu 1500 Budapester Studierende kamen, beschattete und verhörte ihn die ungarische Geheimpolizei.

Zugliget war für Kozma ein „Geschenk Gottes“. Er beschloss: „Hier will ich eine Kirchengemeinde aufbauen, die meinen Erwartungen entspricht.“ Die nicht akzeptiert, dass Christen, wie im Sozialismus üblich, ihre Religion nicht außerhalb der Kirche ausleben dürfen. Die Gemeinde ging raus und half Alten, Einsamen und Kranken in der Umgebung.

Nur weil er auf seine Schäfchen bauen konnte, sagte er zu, bei der Unterbringung und Versorgung der DDR-Flüchtlinge zu helfen. „Etwa 30 000 Ostdeutsche waren zu diesem Zeitpunkt in Budapest", sagt Kozma. Sie lebten auf der Straße, in Wohnwagen, Parks, Zelten. Die in Ungarn geborene Adlige Csilla Freifrau von Boeselager spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle in der Unterstützung der Geflüchteten. Schon zwei Jahre zuvor hatte sie begonnen, gemeinsam mit Kozma Hilfslieferungen von Westdeutschland nach Ungarn zu organisieren. Im Februar 1989 gründeten sie den Ungarischen Malteser-Hilfsdienst.

Diese Institution vereinfachte die schnelle Organisation von Unterkünften und Verpflegung. Am ersten Abend, dem 14. August, standen 100 Zelte auf dem Gelände der Zugligeter Gemeinde, in denen 900 DDR-Bürger übernachteten, erinnert sich Kozma. Bald bauten sie drei weitere Lager auf. „Pro Tag halfen 600 bis 700 Freiwillige, es war ein unglaubliches Erlebnis“, sagt Kozma. Das Essen schickten Hotels und Restaurants. „Keiner fragte, ob das jemals zurückgezahlt werden würde.“

Die DDR-Bürger hatten Angst, an ihr Land ausgeliefert zu werden

Weltweit spürten die Menschen: Hier passiert etwas außergewöhnliches. „An einem Tag kamen 62 Fernsehteams“, sagt Kozma. Auch westeuropäische Politiker hat der Pater täglich empfangen. „Europas Geschichte hat in diesen Tagen einen Ruck erfahren, der den ganzen Kontinent veränderte“, sagt Kozma heute. Den 14. August feiert der ungarischen Malteser-Hilfsdienst seit dem als „Tag der Aufnahme“.

Über 10000 DDR-Bürger kamen in den ersten 24 Stunden nach der Öffnung der ungarischen Grenze im September 1989 über Österreich in die bayerischen Auffanglager. Foto: picture-alliance/ dpa Vergrößern
Über 10000 DDR-Bürger kamen in den ersten 24 Stunden nach der Öffnung der ungarischen Grenze im September 1989 über Österreich in die bayerischen Auffanglager. © picture-alliance/ dpa

Die aufgenommenen DDR-Bürger wirkten zunächst ziemlich verschlossen, so Kozma. Viele dachten, dass die Ungarn sie von dort an die DDR-Autoritäten ausliefern würden. „Als sie merkten, dass wir das nicht tun, sprachen sie auch wieder mit uns.“ Kozma selber fürchtete sich nicht: „Ich hatte mich schon an die Verfolgung gewöhnt.“ Die ungarische Regierung war ihm schon friedlicher gesinnt. Seine karitative Arbeit mit der Gemeinde habe sie „schweigend zur Kenntnis genommen“. „Der sozialistische Staat musste sich eingestehen, dass er sich nicht mehr so um die Bürger sorgen konnte, wie er sollte“, erklärt er sich diese Akzeptanz. Zudem waren Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn reformwillig eingestellt.

Ein Telefonat mit Helmut Kohl

Anfang September '89 musste sich jedoch Kozma einmal Rat holen: Der deutsche Botschafter Alexander Arnot bat ihn, ob eine Außenstelle der Botschaft in der Zugligeter Kirche eingerichtet werden könne. Deutsche Botschaft und Konsulat waren durch die dort kampierenden DDR-Bürger nur noch eingeschränkt nutzbar. „Das war eine politische Entscheidung“, schätzte Kozma die Lage ein und rief Helmut Kohl an.

Kohl wiederum habe Rücksprache mit Michael Gorbatschow gehalten, sagt Kozma. „Die Ungarn sind gute Leute“, soll Gorbatschow damals gesagt haben. Das habe Helmut Kohl gereicht – und Kozma reichte es auch. So wurden im Rundgang der Kirche mehrere konsularische Arbeitsplätze eingerichtet, die westdeutsche Pässe ausstellten.

Am 10. September um 19 Uhr traf die ungarische Regierung dann die Entscheidung, auf die mittlerweile 60 000 DDR-Bürger im Land warteten: Ab Mitternacht, 11. September, dürfen sie in ein Land ihrer Wahl ausreisen, egal ob mit ost- oder westdeutschen Papieren. Damit kündigte Ungarn den mit der DDR geschlossenen Auslieferungsvertrag auf. Sowohl Helmut Kohl als auch Außenminister Hans-Dietrich Genscher äußerten sich sehr dankbar für den „Akt der Menschlichkeit“, für den sich Ungarn entschieden hatte.

Heute warnt Kozma vor der Verbreitung des Islam in Europa

Die europäischen Grenzen wurden wegen politischer Entscheidungen geöffnet, aber auch wegen Imre Kozmas Einsatz. Noch immer leitet er den Malteser-Hilfsdienst, mittlerweile eine der größten ungarischen Hilfsorganisationen mit über 230 karitativen Einrichtungen in Ungarn und zahlreiche Hilfsmissionen weltweit von Syrien bis Sri Lanka.

Doch vom damaligen Regimegegner Kozma ist wenig übrig. Zwar half seine Organisation auch 2015 am Budapester Bahnhof Keleti den Geflüchteten, die über die Balkanroute kamen, die Ideen des Paters erinnern heute an die Propaganda, mit der die Orbán-Regierung Hass schürt. Kozma bangt um das „christliche Erbe Europas“. Er warnt gar vor der Verbreitung des Islams, der sich Europa aus mangelnder „seelischer Kraft“ nicht stellen könne. Das erinnert mehr an die Kreuzfahrerzeiten des Malteserordens, als an die Losung der Aufnahmelager von 1989: „Unser Herz ist offen, unser Tor noch mehr.“

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