Barbora Bareikyte (links) spielt in "The Castle" eine Schülerin aus einer litauischen Migrantinnenfamilie, die in Dublin lebt. Foto: Festival
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30. Filmfestival Cottbus Mutter, ich mach das schon

Tatkräftige Frauen, gestohlene Pferde und ein abgehalfterter Rockstar: Das Filmfestival Cottbus startet seine Digitalausgabe. Ein Ausblick.

Die Kinos waren vorbereitet, die Programmhefte gedruckt, der Kartenvorverkauf hatte begonnen – und dann kam der zweite Lockdown.

Er fiel zusammen mit dem geplanten Start des Filmfestivals Cottbus, dessen 30. Jubiläum sowohl online als auch in den Kinos der Stadt hätte stattfinden sollen. Anstatt dann alles direkt ins Netz zu verlegen, hoffte man zunächst auf eine Verschiebung in den Dezember.

Bis Ende des Jahres sind über 150 Filme online zu sehen

Doch die Pandemie lässt keine Kinovorstellungen zu. Cottbus gehört mit einer schon seit längerem über 200 liegenden Sieben-Tage-Inzidenz und einem Klinikum im Notbetrieb zu den am stärksten betroffenen Gebieten in Brandenburg.

So wird das Festival, dessen Fokus traditionell auf osteuropäischem Kino liegt, seine mehr als 150 Werke vom heutigen Dienstag an ausschließlich per Stream zeigen. Das allerdings bis zum 31. Dezember, wodurch Interessierte den Vorteil haben, nicht alles, was sie sehen möchten, in sechs Festivaltage quetschen zu müssen.

Programmdirektor Bernd Buder betont bei allem Bedauern darüber, den Zuschauerinnen und Zuschauern kein echtes Kino-Erlebnis bieten zu können, einen weiteren positiven Effekt: „Mit der Streamingausgabe bietet sich die Chance, osteuropäisches Kino in jedes Wohnzimmer in jeden digital angeschlossenen Winkel Deutschlands zu bringen“, sagt er am Telefon. Auch Orte im tiefsten Westen oder solche ohne Kino könne man nun erreichen.

Es ist zu hoffen, dass sich tatsächlich in vielen Teilen des Landes Menschen auf der Website des Festivals zuschalten werden, denn im Spielfilmwettbewerb laufen wieder eine Reihe starker Werke, die man anderweitig kaum zu Gesicht bekommen wird.

Jana (Darija Lorenci-Flatz) versorgt ihre kranke Mutter in "Mater". Foto: Syndicado Film Sales Vergrößern
Jana (Darija Lorenci-Flatz) versorgt ihre kranke Mutter in "Mater". © Syndicado Film Sales

Ein intensives Drama ist etwa „Mater“, das Langfilmdebüt von Jure Pavlović. Es erzählt von Jana (Darija Lorenci-Flatz) die aus Deutschland, wo sie mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt, in ihren kroatischen Heimatort zurückkehrt, um sich um ihre todkranke Mutter zu kümmern. Dankbarkeit bekommt sie von ihr nicht, dafür häufen sich die bösen Bemerkungen. Bald sind beide in ihrer alten Dynamik.

Es ist bewegend zu sehen, wie sich Jana – die Kamera bleibt stets ganz nah bei ihr – langsam aus ihrer Verletztheit herauskämpft und fragile Verbindungslinien zwischen den beiden Frauen entstehen. Dass Pavlovik „Mater“ nicht in Versöhnungskitsch auflöst, gehört zu den Stärken dieses sensiblen Werkes.

Ebenfalls weit entfernt von weichgezeichneten Happy-End-Hoffnungen zwischen Müttern und Töchtern ist Lina Lužytės Coming-of-Age-Drama „The Castle“, das in Dublin spielt. Im Mittelpunkt steht die etwa 16-jährige Monika (Barbora Bareikyte), die davon träumt als Sängerin groß rauszukommen und nicht einsieht, warum ihr ihre in einer Fischfabrik schuftende Mutter Steine in den Weg legt. Die kleine Familie, zu der auch eine suizidale Oma gehört, stammt wie die 35-jährige Regisseurin aus Litauen.

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Sie ist eine von zwei Regisseurinnen bei den zwölf Filmen, die in diesem Jahr um den mit 25 000 Euro dotierten Hauptpreis konkurrieren. Bernd Buder ist über dieses Ungleichgewicht nicht glücklich und verweist darauf, dass es vor zwei Jahren schon einmal einen paritätisch besetzten Wettbewerb gab. Immerhin: Es gibt diesmal „ein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Identifikationsfiguren“, so der Programmdirektor.

Dabei sind es in dieser Auswahl eher die weiblichen als die männlichen Figuren, die ihre Heimat verlassen und in der Fremde bestehen. Einen besonders heftigen und zudem unfreiwilligen Trip erlebt die 17-jährige Polin Ola in „I never cry“ von Piotr Domalewski: Weil ihr Vater bei einem Arbeitsunfall in Dublin getötet wurde, schickt ihre des Englischen unkundig Mutter, Ola nach Irland, um die Leiche zu überführen.

Dass die junge Frau trotz aller übler Überraschungen und Hindernisse auf ihrer Mission tatsächlich nie weint, wirkt dabei dank des beeindruckenden Spiels von Zofia Stafiej ebenso glaubhaft wie ihre gefühlsgeladene Kurzschlussaktion in der letzten Sequenz des Films.

Die Sichtung der Filme fand größtenteils online statt

Der Prozess, die Werke auszuwählen, die auf dem Festival für jeweils 3,99 Euro zu sehen sind, war in diesem Jahr anders als sonst. Sind Bernd Buder und sein Team normalerweise viel auf Festivals in anderen Ländern unterwegs, saßen sie diesmal zu Hause und nutzten deren Digitalangebote. Dass sei natürlich gut fürs Budget und fürs Klima, so Buder.

Auch habe man noch stärker auf die eigenen Netzwerke zurückgegriffen. „Quantitativ hat der Sichtungsprozess nicht gelitten, qualitativ schon, weil man weniger über den Kontext und die Rezeption eines Films mitbekommt.“ Man brauche einfach ein Gefühl für eine Region und das bekomme man nur, wenn man auch hinfahre.

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Für junge Regisseurinnen und Regisseure sei es unter den derzeitigen Bedingungen besonders schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Einige Debütanten wie der erwähnte Jure Pavlović oder der polnischen Regisseur Piotr Dylewski („Rotten Ears“) sind dennoch im Wettbewerb des Festivals vertreten, das noch 13 weitere Sektionen anbietet, darunter einen tschechischen und einen polnischen Schwerpunkt sowie die Reihe „Von Frust und Freiheit“ mit Nachwende-Filmen.

Zu den bekannten Namen im Wettbewerb zählt der 1968 in Belgrad geborene Oleg Novković, der schon zwei Mal den Hauptpreis – die Lubina – gewinnen konnte. Das letzte Mal ist allerdings bereits zehn Jahre her. Damals zeigt er sein grandioses Episodendrama „White White World“, das in einer Minenstadt angesiedelt war und mit Musical-Elementen arbeitete. Diesmal läuft seine Tragikomödie „A Living Man“, deren Titelfigur ein abgehalfterter Rockmusiker ist. Einmal klimpert er auf einer Gitarre herum, ansonsten streitet er sich vor allem mit seiner Frau, den Kindern und dem Nachbarn – bis eine rauschhafte Nacht alles auf den Kopf stellt.

Funktioniert dieser Film auch auf einem Bildschirm relativ gut, ist es bei dem westernartigen Familienporträt „The Horse Thieves. Roads of Time“ von Yerlan Nurmukhambetov und Lisa Takeba jammerschade, dass seine umwerfenden Cinemascopebilder aus der kasachischen Steppe nicht auf großen Kinoleinwänden laufen werden – dafür hoffentlich zumindest auf einigen Laptops im tiefen Westen.

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