Eine Wissenschaft, die mit den Menschen kommuniziert

Humboldt hatte gewaltigen Einfluss auf Dichter und Wissenschaftler in den USA. Seine Büste steht heute am Central Park. Foto: Alamy Stock Photo
250 Jahre Alexander von Humboldt Leitfigur einer neuen Weltbetrachtung

Humboldt bringt Natur- und Geisteswissenschaft auf exemplarische Weise zusammen. Das entwickelt heute eine starke Anziehungskraft. Es inspiriert Künstler ebenso wie Wissenschaftler. Die Dschungel- und Hightech-Fotografien von Thomas Struth haben etwas Humboldtisches. Es geht ihm, wie er im ersten Band des „Kosmos“ schreibt, um die „tiefere Einsicht in das Wirken der physischen Kräfte“ – und darum, wie sie zusammenhängen. Schließlich: „Alles ist Wechselwirkung“. Er verbindet Emotion und Analyse.

Humboldt kultiviert die berechnende Bewunderung und die bewundernde Berechnung. Eine welterschütternde Theorie wie Charles Darwin, der ihn verehrte, hat Alexander von Humboldt nicht hinterlassen. Er bietet intellektuelle Werkzeuge, offene Denkformen, holistische Ansichten, die sich im Globalisierungsschub des frühen 21. Jahrhunderts als erstaunlich frisch und nützlich erweisen: Nennen wir es den Humboldt-Code.

Dabei gibt es nicht einen, sondern viele Humboldts, viele Projektionsflächen. Man sieht den deutschen Forscher und Denker, der in den spanischen Kolonien zu sich selbst findet, den in Berlin geborenen Autor, der am liebsten in Paris lebt und arbeitet. Man verfolgt den Europäer, der sich bis ins hohe Alter – nach eigenen Worten – als halber US-Amerikaner fühlt. Verwundert schaut man auf den Mann, der so wenig von seinem Privatleben preisgibt und dessen Nachlass noch lange nicht ausgewertet ist. Da sind in der Forschung noch Entdeckungen zu erwarten, wenn nicht Überraschungen.

Berlin mochte Humboldt nicht, er sehnte sich fort

Er soll nicht überhöht werden, aber manchmal ist es wirklich schwer zu vermeiden: weil sich dieser Preuße als globaler Vermittler anbietet und weil von seinem umfassenden Wissen und der Art, wie er es erwirbt, tatsächlich etwas Heilsames ausgeht. Mit seinem durchdringenden Gerechtigkeitsempfinden nimmt er eine historische Sonderrolle ein.

Humboldt verbindet Orte mit Menschen und Menschen mit Reisen, die Erledigung einer Sache geht einher mit zehn neuen Geschäften und Ideen, eine Entdeckung führt zur nächsten Serie von Experimenten. Vieles ist ihm auch missglückt, so viele Reisepläne hat er nicht realisiert. Er verharrt als Schriftsteller, Vortragskünstler und Herausgeber im permanenten Reisemodus. Im Humboldt-Strom.

Berlin mochte er nicht, er sehnte sich fort immerzu. Er galt hier vielen als Fremder und suspekt. Doch im Berliner Winter 1827/28 beginnt für die Wissenschaft und für Alexander von Humboldt eine neue Zeitrechnung. In wenigen Monaten hält er insgesamt 61 Vorlesungen an der Universität, die sein Bruder Wilhelm von Humboldt 1809 in Berlin mitgegründet hat. Anfang Dezember 1827 wechselt Alexander von Humboldt die Lokalität. Die neben der Universität gelegene Singakademie, das heutige Maxim Gorki Theater, wird zum Schauplatz eines einzigartigen Triumphs. Was sich in 16 Vorträgen in der Singakademie bis Ende März 1828 vollzieht, lässt sich als die Begründung der modernen Wissenskultur verstehen.

Humboldt ist Stadtgespräch, zieht Zuhörer aus allen Schichten

Der Saal platzt bei jedem Auftritt Humboldts aus allen Nähten. Der „Kosmos“-Zyklus schafft eine neue Form von Öffentlichkeit. Er zieht Zuhörer aus allen Schichten an, Männer wie Frauen. Humboldt ist Stadtgespräch. Reaktionäre Kräfte wittern öffentliche Gefahr, greifen seine freidenkerische Natur an.

Neu ist damals und faszinierend jetzt gerade wieder, wie Humboldt Zusammenhänge präsentiert, wie Geist und Materie, Natur und Geschichte, Wissenschaft und Kunst und die eigenen Reiseabenteuer in einen mitreißenden Vortrag einfließen. Alles ist erforschenswert. Alles hat seine Bedeutung, jeder Landstrich, jeder Zeitraum, jedes Volk. Flora und Fauna und Mensch kommunizieren miteinander. Und es ist eine Wissenschaft, die mit den Menschen kommuniziert. Das muss die Zukunft sein.

Neue Bücher zu Humboldts Kosmos:

Ottmar Ette: „Das Buch der Begegnungen: Menschen – Kulturen – Geschichten aus den amerikanischen Reisetagebüchern“, Manesse, 416 S., 45 Euro

Ottmar Ette (Hrsg.): Alexander von Humboldt-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung“. J. B. Metzler, 330 S., 99 Euro

Oliver Lubrich (Hrsg.): „Der Andere Kosmos: 70 Texte, 70 Orte – 70 Jahre “, dtv, 300 S., 30 Euro (März 2019)

Oliver Lubrich (Hrsg.): Alexander v. Humboldt, Sämtliche Schriften. dtv, 6320 S., 249 Euro (Juli 2019)

Rüdiger Schaper: „Alexander von Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten“, Siedler Verlag, 280 S., 20 Euro.

Andrea Wulf: „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“, 266 S., 28 Euro (März 2019)

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