Felix Pestemer hat wichtige Augenblicke in der Geschichte des Hauses nachgezeichnet. Wie die Wolfsschlucht-Szene aus Webers „Freischütz“. Illustration: Felix Pestemer
© Illustration: Felix Pestemer

200 Jahre Konzerthaus Berlin Wenn Klassiker zum Comic werden

Nicht mit einer Festschrift, sondern mit einer Graphic Novel wird das 200. Jubiläum des Berliner Konzerthauses am Gendarmenmarkt gefeiert.

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt wollte 2021 ganz groß sein 200-jähriges Bestehen feiern. Doch dann mussten alle Projekte verschoben oder in den Stream verlagert werden, wie die für den 18. Juni angesetzte Aufführung der Oper „Der Freischütz“ in der Inszenierung der katalanischen Kompagnie La Fura del Baus.

Zur Überbrückung der Durststrecke kann nun eine im Berliner Avant Verlag erschienene Graphic Novel dienen, die der Künstler Felix Pestemer zum Jubiläum gezeichnet hat. Der Band bietet Klassik-Neulingen und allen Interessierten einen guten Einstieg in die Geschichte des 1821 eröffneten Baus, kann aber auch Kenner der Historie mit manch kurioser Anekdote überraschen.

Der aktuelle Wartezustand erscheint etwa im Vergleich zum Kriegsende geradezu als Sonntagsspaziergang. Nachdem noch im April 1945, zur Zeit des Ansturms der Roten Armee auf Berlin, Liederabende mit Arien aus Pucinis „Tosca“ oder Rossinis „Barbier von Sevilla“ im damaligen Schauspielhaus gegeben wurden, sorgten Bombenhagel, Feuer und Fassadenkämpfe kurz darauf für starke Beschädigungen, der reguläre Spielbetrieb war bereits im Herbst 1944 eingestellt worden.

Zur Wiedereröffnung erklang "Auferstanden aus Ruinen"

In kultureller Beziehung passierte dann lange nichts mehr am Gendarmenmarkt (der 1950 in „Platz der Akademie“ umbenannt wurde), das Schauspielhaus blieb jahrzehntelang eine Ruine. Erst nach dem Wiederaufbau von 1977 bis 1984, konnte das Kulturleben an diesem Ort wieder aufgenommen werden. Das Haus beherbergte nun mehrere Konzertsäle und diente nicht länger als Schauspielbühne. Im Eröffnungskonzert wurde die DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“ gespielt.

Der 1974 geborene Berliner Comiczeichner und Illustrator Felix Pestemer hat bereits 2019 mit „Im Auge des Betrachters“ (Avant Verlag) eine grafische Erzählung über die Alte Nationalgalerie Berlin und deren herausragende Kunstwerke geschaffen. Auch diesmal gelingt ihm – zusammen mit Annette Zerpner und Jörg Zägel – auf anschauliche Weise, die Geschichte des Gebäudes darzustellen. Seine illustrierte Chronik konzentriert sich auf wesentliche Daten und porträtiert zugleich einige Persönlichkeiten, die das Kulturleben prägten.

Das können realistisch und detailliert gezeichnete Einzelbilder sein, die manchen unvergesslichen Moment festhalten, wie etwa die Wolfsschlucht-Szene während der Uraufführung von Carl Maria von Webers romantischer Oper „Der Freischütz“ im Eröffnungsjahr des Hauses 1821, begleitet von knappen Begleittexten zur Entstehung.

Paganini, Fontane und Gründgens tauchen auf

Die spektakulären Auftritte des „Teufelsgeigers“ Niccolò Paganini dürfen nicht fehlen, wie auch Marlene Dietrichs laszives Debüt (bereits im eleganten Hosenanzug) im Stück „Duell am Lido“ 1925, das den späteren „Blauen Engel“- Erfolg bereits vorwegnahm, bis hin zu Leonard Bernsteins Auftritt im Großen Saal kurz nach dem Mauerfall.

Doppelseitige Tafeln stellen wichtige historische Ereignisse als Panoramen da, wie die Eröffnung 1821, bei der der Architekt Karl Friedrich Schinkel sich beim Eintreffen der Hohenzollern klammheimlich davon stiehlt. Bei der Darstellung der Aufbahrung der Märzgefallenen nach der Revolution von 1848 orientierte sich Pestemer unter anderem am berühmten Gemälde von Adolph Menzel, während die Neueröffnung des Baus 1984 durch Erich Honecker augenzwinkernd in nebelig-trübem Licht dargestellt wird.

Am vergnüglichsten sind jedoch die insgesamt vier Comicteile, die ganz unterschiedliche narrative Akzente setzen. In drei der Episoden stehen bekannte Persönlichkeiten im Mittelpunkt. E. T. A. Hoffmann, Meister des phantastischen Erzählens und Komponist der Oper „Undine“, erlebt 1817 von seiner benachbarten Wohnung in der Charlottenstraße aus mit, wie der Vorgängerbau, das Königliche Nationaltheater, den Flammen zum Opfer fällt, und lässt sich von aufgewirbelten Perücken zu einer grotesken Erzählung inspirieren. Die Episode ist nicht erfunden, sondern fußt auf einem Brief Hoffmanns an einen Freund. Auf den Grundmauern der Ruine erbaute Schinkel sein Schauspielhaus.

Die zweite Comicepisode handelt von Theodor Fontanes Wirken, denn er prägte das Berliner Theaterleben ab 1870 zwei Jahrzehnte lang durch seine Tätigkeit als Kritiker und war bei darstellenden Künstlern berüchtigt für seine scharfen Verrisse. Über die Schauspielerin Marie Barkany als Jungfrau von Orléans urteilte er von seinem Stammplatz 23 im Parkett aus: „Sie kann einfach nicht sprechen, sie kaut alle Wörter“. Aber auch Inszenierungen von Dichterkoryphäen wie Goethe („uninteressant“) oder Shakespeare („stellenweise langweilig“) fielen bei dem „Scheusal“ durch, wie sich Fontane selbst nannte.

Pestemer legt Wert auf Authentizität

Den Schauspieler Gustaf Gründgens wiederum zeigt Felix Pestemer in der Mephisto-Maske in einem ambivalenten Moment seiner Karriere, nämlich 1933, als Hermann Göring ihn in seiner Garderobe besucht und ihm die Intendanz des Schauspielhauses neben weiteren Ehrenämtern anträgt. Für Gründgens wohl ein „Angebot, was er nicht ablehnen konnte“ – auch wenn er wegen seiner Homosexualität erst zögerte.

Felix Pestemer zeichnet ganz klassisch mit Bleistift und Tuschepinsel (für die Graustufen) auf Papier, legt akribisch Wert auf die Authentizität seiner Dekors und Kostüme wie auf architektonische Details. Koloriert wurden seine Bilder mit ausgewählten Farben am Computer vom Grafiker Thomas Gilke.

Die letzte, humorige Comicepisode ist dann den „schinkelnden“ Ost-Berliner Architekten, Restauratoren und Handwerkern gewidmet, die das Schauspielhaus hoch motiviert wiederaufbauten, mit begrenzten sozialistischen Mitteln, aber doch ganz getreu dem Klassizismus, wie ihn Karl Friedrich Schinkel einst im Sinn gehabt hatte.

Felix Pestemer und seinen Koautoren gelingt es auf unterhaltsame und pointierte Weise, die wechselhafte Geschichte einer zentralen Berliner Kulturinstitution auf halb dokumentarische, halb fiktionale Weise nachzuerzählen. 200 Jahre deutsche Geschichte werden dabei locker gestreift.

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