Die amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith (1921 - 1994) Anfang der siebziger Jahre vor ihrem Haus im französischen Montmachoux Foto: Liselotte Erben/Getty Images/Diogenes Verlag
© Liselotte Erben/Getty Images/Diogenes Verlag

100. Geburtstag von Patricia Highsmith Die Obsessionen der Fälscherin

Faszinierende Geschichten, in denen stets das Böse triumphiert: Zum 100. Geburtstag der amerikanischen Schriftstellerin Patricia Highsmith.

Im Dezember 1948 arbeitet Patricia Highsmith als Aushilfe im New Yorker Kaufhaus Bloomingdale’s, in der Spielzeugabteilung. Sie ist 27 Jahre alt, hat zu diesem Zeitpunkt schon diverse Erzählungen geschrieben und auch ihrem ersten Roman, „Zwei Fremde im Zug“, auf dessen Veröffentlichung sie wartet.

Dieser unspektakuläre 8. Dezember im Bloomingdale’s gehört wohl zu einem der wichtigsten Tage in ihrem Leben, auch als Schriftstellerin. Die Frau eines reichen Geschäftsmanns aus Ridgewood, New Jersey kauft bei Highsmith eine Puppe für eine ihrer Töchter, und von der kurzen, nicht länger als zwei, drei Minuten dauernden, geschäftsmäßig freundlichen Begegnung ist die junge Schriftstellerin hin und weg.

Es war ihr, als strahle diese blonde, um einiges ältere Frau ein Licht aus; „schwindelig“ und „sonderbar“ sei ihr zumute gewesen, sagt sie später, „als würde ich ohnmächtig werden, und gleichzeitig fühlte ich mich euphorisch, als hätte ich eine Vision gehabt.“

"Salz und sein Preis" ist autobiografisch grundiert

Als sie abends nach Hause geht, setzt sie sich sofort an den Schreibtisch und schreibt die Grundrisse ihres Romans „Salz und sein Preis“, der dann ein paar Jahre später, 1952, veröffentlicht wird. Es ist die Geschichte der Liebe zwischen Carol, einer etwas älteren, wohlhabenden kinderlosen Frau, und der 19-jährigen Therese, die in einem Kaufhaus jobbt, Bühnenbildnerin werden möchte und ihr Leben gerade als „eine Abfolge von Zickzackbewegungen“ beschreibt.

Highsmith, die sich ihrer Homosexualität bewusst ist, aber zu der Zeit noch überlegt, den Schriftsteller Marc Brandel zu heiraten, hat für ihren Roman das Pseudonym Claire Morgan gewählt. Obwohl ihr in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Leserinnen und Leser auf die Spur gekommen waren, stimmte sie erst 1990 zu, diesen – dann in „Carol“ umbetitelten Roman – unter ihrem richtigen Namen zu veröffentlichen.

Nachdem sie sich öffentlich nie zu ihrer sexuellen Orientierung geäußert hatte, überhaupt ihre Romanhelden fast ausschließlich männlichen Geschlechts waren, konnte man dieses Eingeständnis, „Carol“ (oder eben „Salz und sein Preis“) Anfang der fünfziger Jahre geschrieben zu haben, als spätes Coming-Out interpretieren – obwohl die Schriftstellerin sich weiterhin weigerte, über ihre Beziehungen zu Frauen zu sprechen.

Ripley, das ist sie selbst, könnte man sagen

„Salz und sein Preis“ ist kein Spannungsroman, kein Krimi, ganz anders als „Zwei Fremde im Zug“, nicht nur weil es eine Liebesgeschichte und autobiografisch motiviert ist. Trotzdem finden sich hier vom gemächlich-kompakten Aufbau über den ökonomischen Stil bis zur fast schlicht anmutenden Sprache alle Ingredienzen, die Highsmith in den folgenden Jahren zu einer Weltschriftstellerin machen sollten.

Zu einer kommerziell erfolgreichen Autorin sowieso, allerdings nicht in ihrer Heimat, den USA, aber auch zu einer, die Anfang der neunziger Jahre von der Schwedischen Akademie für den Literaturnobelpreis in Betracht gezogen wurde.

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Nachdem sie schon für ihr Romandebüt die Filmrechte hatte verkaufen können an niemand Geringeren als Alfred Hitchcock (das Drehbuch schrieb übrigens Raymond Chandler, allerdings unter vielen Mühen), und nachdem insbesondere die Taschenbuchausgabe von „Salz und sein Preis“ eine Verkaufsauflage von fast einer Million hatte, war es die Figur des nicht besonders glamourösen Mörders, Rollenspielers und Katzenliebhabers Tom Ripley in dem 1955 veröffentlichten Roman „Der talentierte Mister Ripley“, die bis heute mit Patricia Highsmith auf Anhieb in Verbindung gebracht wird.

„Ich tue in diesem Buch das, was ich für mich vorausgesagt habe“, hat die Schriftstellerin einmal geschrieben, „ich stelle den unmissverständlichen Triumph des Bösen über das Gute dar und freue mich daran.“

Es ist annähernd das, was fürderhin ihr gesamtes Werk ausmacht: nicht unbedingt der Triumph, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen, seine Normalität. Dazu kommt ein gewisser Hang zum Unheimlichen, Makabren; und immer wieder die Frage nach der Schuld, nie nach einer Gerechtigkeit.

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Ihre Figuren gehen oft über Leichen und sind sich irgendeiner Schuld unzureichend bis gar nicht bewusst. Highsmith geht es um die Unmöglichkeit von Sinn in einer Welt, die voller Fälschungen ist, um die prekäre, womöglich gar nicht existierende Wirklichkeit. Wie sagt es in einem der fünf Ripley-Romane ein Kunstkritiker zu Ripley: „Was ich nicht verstehen kann, ist Ihr völliges Desinteresse an Echtheit und Wahrheit.“

Patricia Highsmith verstand sich schon auch als Unterhaltungsautorin, sie wollte faszinierende Geschichten erzählen. Und doch stecken in deren Kern immer philosophische Fragen, gibt es in fast jedem ihrer Romane Anklänge von Dostojewski, Kafka, Nietzsche oder Camus. So hat das mit der Spannung und der Aufregung oft seine eigene Bewandtnis in ihren Romanen, zumal die Sprache schmucklos, unauffällig ist, oft der Eindruck entsteht, die Autorin habe sich selbst erst einmal gemütlich einrichten wollen.

Man fühlt sich als Leser einerseits wunderbar aufgehoben, andererseits erst einmal nicht besonders eingenommen, ja, dezent gelangweilt. Das Nonplusultra sind die Figuren, ihr verblüffend unmoralisches Tun. So wie es der große Highsmith-Fan Peter Handke Mitte der siebziger Jahre nach einem Treffen mit ihr formuliert hat. Ihr schriftstellerisches Handwerk diene nur dem Zweck, so Handke, „die Aufmerksamkeit von den Sätzen völlig auf die seltsamen und doch, gerade durch die stillose, nichtserklärende Sprache, ganz selbstverständlichen Handlungen der Personen hinzulenken.“

Peter Handke schrieb über ihre "privaten Weltkriege"

Handke überschrieb seinen Text seinerzeit mit „Die privaten Weltkriege der Patricia Highsmith“; sie selbst nannte schließlich auch jedes ihrer Bücher „einen Streit mit mir selbst“. Bis auf eben jenen Roman „Salz und sein Preis“ und vielleicht die eine oder andere Erzählung lassen sich ihre Bücher bis auf einige oberflächliche Details (etwa dass sie selbst wie ihr Ripley eine große Katzenliebhaberin und Gartenfreundin war) jedoch kaum autobiografisch lesen. Was nicht zuletzt ihre Großartigkeit ausmacht.

Doch in Highsmith rumorte es, das wollte kanalisiert werden und musste raus. Weshalb das Schreiben zu einer Obsession wurde, wie nicht zuletzt die Berge von Manuskripten bewiesen, die nach ihrem Tod 1995 in ihrem Haus im Tessin gefunden wurden.

Das Leben hatte es jenseits der Schriftstellerei nur bedingt gut mit ihr gemeint, von der von ihr als „unglücklich“ beschriebenen Kindheit in Texas und New York City über ihren Alkoholismus bis hin zu den vielen gescheiterten Liebesbeziehungen, unter anderem zu der Berliner Künstlerin Tabea Blumenschein, deren schnelles, abruptes Ende sie sehr aus der Bahn warf.

Als Misanthropin ist Highsmith oft bezeichnet worden, als weder sympathisch noch höflich noch aufgeschlossen. Das jedoch war ihrem Werk eher zuträglich. „Man wird sich noch an sie erinnern, lange nachdem man die ,modischeren’ Romanciers vergessen haben wird“, hat ihr langjähriger Schweizer Verleger gesagt, der 2011 verstorbene Diogenes-Chef Daniel Keel. Wie es aussieht, hat er recht behalten.

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