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31°, 35°, 38°– alle stöhnen unter der Hitze. Ein Bau aus Lehm wäre die Rettung, da ist die Klimaanlage unnötig. Leider gibt es nur einen einzigen davon. Ein Hausbesuch.

Von Thomas Neubacher-Riens K ein Zweifel: Der zweijährige Rebek fühlt sich in dem Haus sichtlich wohl. Es ist das einzige in dem Dorf Ihlow in der Märkischen Schweiz, rund 60 Kilometer östlich von Berlin, in dem die Kinder auf Bobby-Cars herumkurven dürfen, ohne sich vorsehen zu müssen. Der nackte Estrich ist eine ideale Rennpiste, und an den dicken, unverputzten Wänden fallen Bobby-Car-Kratzer nicht weiter auf. Rebeks Eltern Matthias Hein und Dunja Osiander-Hein haben ein Haus in der althergebrachten Lehmstampftechnik gebaut. Manchmal leckt Rebek ein bisschen an der Wand. Dann prickeln die Erdkrümelchen auf der Zunge.

Das alles klingt nach Lehmhütte, nach einem Dritte-Welt-Bau oder quatschendem Modder zwischen Kinderzehen. Aber der archaische Baustil muss kein Widerspruch zu modernem Design oder eine Herausforderung für die Bauphysik sein. Das zeigt das Haus in Ihlow auf seinen 160 Quadratmetern. Und doch ist es ein Experiment. Häuser aus Lehm sind keine Selbstverständlichkeit. Geklappt hat es hier, weil sich die Vorstellungen des mutigen Bauherrenpaars mit denen der Architekten Christof Ziegert und Eike Roswag trafen.

Ziegert und Roswag sind Lehmbau- Spezialisten. Ihre Erfahrungen stammen weniger aus der Restaurierung historischer Fachwerkbauten in der norddeutschen Tiefebene als aus den ländlichen Weiten von Schwellenländern. Kennen gelernt haben sie sich vor acht Jahren beim Lehmbau in Mexiko. Es folgten Projekte in Burkina Faso und Bangladesch. Jüngst rekonstruierten sie antike Bauten im „Römerpark“ im niederrheinischen Xanten. Und trotzdem waren sie skeptisch, als Matthias Hein mit seinen Vorstellungen von einem Haus aus Lehm an sie herantrat. „Der weiß wohl nicht, was er vorhat?“, fragte Roswag halblaut seinen Partner. Denn anders als in Schwellenländern ist gestampfter Lehm in Deutschland bestenfalls als Fachwerkbau bei Kitas, Kirchen, Künstlern oder Ärztehäusern gefragt. Wohnhäuser aus Massivlehm sind die absolute Ausnahme.

Auf ihren Lehmgeschmack ist das Bauherrenpaar durch die Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße in Berlin- Mitte gekommen. Die evangelische Kirche hat den Nachfolgebau für das in den 1980er Jahren gesprengte Gotteshaus im Innern aus Lehm stampfen lassen. Die Kapelle ist der einzige Bau in Berlin in dieser Bauweise. Die dicken, kühlenden Wände mit der rauen Oberfläche und die typische Optik der handbreiten Längsstreifen, die durch das Verdichten des Lehms entsteht, haben das Ehepaar Hein sofort begeistert. Auch wenn die Oberfläche bröselt: Der Lehm wirkt solider als all die fragilen Lösungen, die konventionelle Architekten den beiden unter der Maßgabe, ein „Niedrigenergiehaus“ bauen zu wollen, zuvor angeboten haben. Das alles überzeugte Matthias Hein nicht. Im normalen Leben baut er Filmkulissen. Was er für die eigenen vier Wände will, ist eine massive Lösung.

Dass Lehm nach Billigbau, Entwicklungshilfe oder Altertum klingt, hört der promovierte Ingenieur Christof Ziegert nicht gern. Er doziert über Lehm an der Freien Universität und der Fachhochschule Potsdam, spricht von hervorragenden „passiven Klimatisierungseigenschaften“ und über dessen „Standsicherheit“. Wenn er spricht, klingt Lehm modern.

Die herausragende Eigenschaft ist die Feuchtigkeitsregulierung. Die Raumfeuchte pendelt stets um die 50 Prozent, einerlei, ob man badet, nächtens im Bett ein paar Liter ausschwitzt oder Heizung und Sonne den letzten Raumdunst austrocknen. Vom gleichmäßigen Klima profitieren in der Küche die Lebensmittel. Die halten sich länger im schimmelfeindlichen Lehmbau. Das zeigen Roswags Erfahrungen aus dem Lehmprojekt in Bangladesch. Auch Allergikern bekommt die sporenarme Raumluft. Und wer unter Atemwegserkrankungen leidet, dem hält die Lehmwand die Schleimhaut feucht. Während die Sommerhitze die Felder zur Steppe dörrt, bleibt die Luft in den gut drei Meter hohen Räumen voll kühler Frische. Putz aus Lehm, den gut sortierte Baumärkte führen, reguliert zumindest die Tag-Nacht-Schwankungen der Raumfeuchte – auch in konventionellen Alt- oder Neubauten.

Aus dem Lowtech-Billigstoff ist ein Highend-Produkt nach Kundenwunsch geworden. Fein oder splittrig? Lößig oder fett? Gelblich, weißlich, rötlich, gräulich? Die Industrie erfüllt fast jeden Wunsch. Die Kosten eines Lehmhauses liegen rund 30 Prozent über denen eines konventionellen, denn der Bau ist aufwändig. Die typischen Bauherren der Lehmszene sind keine armen Landleute mehr, sondern zum Beispiel der erdverwachsene Belgier oder der wohlhabende Luxemburger. Sie wollen gesund wohnen und können sich das leisten.

Wie baut man ein Lehmstampfhaus? Wenn man Matthias Hein heißt, zu guten Teilen selbst. Wenn man Ingenieur ist, nach deutschen Bauvorschriften. Das passt nicht immer zusammen. Heute sitzt das Architektenduo neben dem Bauherrenpaar am Esstisch. Die Duzfreundschaft hat alle Fährnisse der zweijährigen Bauphase überstanden. Zum Lehmbau gehört mehr als Stampfen. Und mit den Füßen schon mal gar nicht. Das wäre nicht kompakt genug. Der feuchte Lehm wird mit mechanischen Stampfern verdichtet. Die unterschiedlichen Verdichtungsgrade des Lehms ergeben später das Längsmuster. Wer mag, kann durch Ton oder Farbadern Akzente setzen.

Ist der Lehm trocken, wird die Verschalung abgebaut. Am Sockel werden die Stromleitungen im Profileisen verlegt, oben trägt ein Betonkranz auf der Wand eine Holzstapeldecke aus rauen Brettern. Nach sechs Wochen stand in Ihlow der Rohbau. Ausgefuchst ist der Ausbau. Geheizt wird zentral – durch einen Holzofen. Hier verfeuert Dunja Osiander-Hein im Winter die nicht mehr benötigten Kulissen, die ihr Mann gebaut hat und erwärmt so einen 4500-Liter-Wassertank auf 35 Grad. Das Wasser der Niedrigtemperaturheizung fließt in daumendicken Röhren durch Böden und Wände und spendet eine gleichmäßige Wärme. Kollektoren auf dem Dach erzeugen zusätzliche Energie.

Als der große Tank über die Dorfstraße rumpelt, macht sich auch der letzte Nachbar seine Gedanken. „Das ganze Dorf guckte skeptisch“, sagt Hein: „Keine richtige Heizung, rohe Decken, alles aus Lehm. Was soll das für ein Haus werden?“ Dabei reichen die Erfahrungen in der Region mit dem Lehmbau bis ins Jahr 1958/59 zurück. Damals wanderten Bautrupps durch die Märkische Schweiz und zogen einen Stampflehmrohbau nach dem anderen hoch. Billiger ließ sich Wohnraum nicht schaffen. In Prädikow, drei Kilometer von Ihlow entfernt, stehen, so Christof Ziegert, heute die letzten Zeugen einer Krisenarchitektur, die in Deutschland nur nach den beiden Weltkriegen praktiziert wurde.

Landluft, Alter oder Verfall strahlen die Räume im Lehmsolitär der Heins nicht aus. Den frei stehenden Küchenblock rahmen Stampflehmmauern und bilden einen schönen Kontrast. Legt man die Hand auf die Wand, sind die samtene Kühle des Lehms zu spüren und seine körnig-bröselige Struktur. Schwupps haben die Fingernägel eine Prise Lehm und Split aus der Stampfmasse gepult. Das geht kinderleicht und lässt ahnen, warum Massivlehmbauten anders als Fachwerklehmbauten in Deutschland nur zweigeschossig gebaut werden dürfen. Das verlangt die Bauordnung. Das Ehepaar Hein hat sogar im Bad kompromisslos auf Lehm gesetzt. Der Spülkasten der Toilette ist erdig verpackt, die nässesensiblen Wände in der Dusche sind durch Glas vor Spritzwasser geschützt.

Lehm ist wuchtig und weich zugleich. Und nichts für sensible Armani-Naturen. Mit Edelsakko und Drink an die Wand lehnen? Besser nicht. Da staubt der Zwirn schnell ein.

Das alles interessiert den kleinen Rebek und seine Freunde nicht. Hauptsache, sie haben freie Bahn auf ihren Bobby-Cars.

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