Sauberkeit rettet Leben – Reinigungskräfte sind einem hohen Risiko ausgesetzt. Foto: imago/Panthermedia
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„Keiner sagt Danke“ Was es bedeutet, in Corona-Zeiten Putzkraft zu sein

Sie leeren Mülleimer voller Taschentücher, schrubben Büros, in denen Infizierte saßen: Applaudiert hat Reinigungspersonal wie Sylvia dafür noch keiner.

Drei Stunden noch. Nächste Tür, nächstes Zimmer, sie hat es eilig. Während Sylvia den Putzwagen über den dunklen Teppichboden schiebt, wird es draußen allmählich hell. Die ersten Büroangestellten werden gleich aufstehen. Bis die kommen, muss alles fertig sein. Niemand soll Sylvia sehen.

Sylvia ist 54 und reinigt Räume seit fast 30 Jahren. Um drei Uhr verlässt sie ihr Bett in Staaken, westlicher Stadtrand, Berlin-Spandau, kämmt sich die schwarzen, leicht krausen Haare, fährt mit dem Auto 20 Minuten zu ihrem Arbeitsplatz in einem großen Verwaltungsgebäude im Bezirk. Ein schneller Kaffee, dann wischen sie und ihre Kolleginnen über Schreibtische, staubsaugen, schrubben Treppenstufen und Toiletten. Zumindest an normalen Tagen. Die sind eine Weile her.

„Wegen Corona haben wir noch einen Sonderauftrag bekommen“, erzählt Sylvia und sprüht Desinfektionsmittel auf einen gelben Lappen. Angestellt ist sie bei Gegenbauer, einer der größten Gebäudereinigungsfirmen Berlins. Das Unternehmen, das sie hier sauber halten, ist ein Kunde von vielen. Weil es nicht identifizierbar sein soll, möchten Sylvia und ihre Kolleginnen nur beim Vornamen genannt werden. Sylvia leitet ein Team von 18 Frauen und Männern, ist für das ganze Haus hier verantwortlich. In diesen Zeiten bedeutet das viel. Unter den Angestellten ihres Kunden gab es zwei Corona-Fälle.

Andere erhalten Dankesprämien

Abstand halten, auf Hygiene achten, das sind momentan die obersten Gebote. Unternehmen sind verpflichtet, zum Schutz ihrer Beschäftigten penibel auf Sauberkeit zu achten. Deswegen habe Sylvia zu Beginn der neuen Regelungen kurz gedacht: Was ich leiste, wird bemerkt. Endlich.

Es wurde doch so viel über Jobs wie ihren gesprochen. Schlecht bezahlt, aber in der Krise unverzichtbar. „Systemrelevant“ hieß das auf einmal. Kassierer und Pflegerinnen wurden auf Balkonen und im Bundestag beklatscht. Sie gelten plötzlich als Alltagsheldinnen und -helden, sollen Dankesprämien erhalten.

Der Reinigungsvertrag. Weil ihr Kunde nicht identifizierbar sein soll, möchten Sylvia und Claudia unerkannt bleiben. Foto: Marie Rövekamp Vergrößern
Der Reinigungsvertrag. Weil ihr Kunde nicht identifizierbar sein soll, möchten Sylvia und Claudia unerkannt bleiben. © Marie Rövekamp

Und Sylvia? Sie leert während einer Pandemie Mülleimer voller Taschentücher, putzt Büros, in denen womöglich Infizierte saßen. Sie bekommt keinen Applaus.

Niemand soll sich gestört fühlen

Rund 700.000 Frauen und Männer sind deutschlandweit in der Gebäudereinigung tätig, Schwarzarbeitende nicht mit eingerechnet, 38.000 sind es in Berlin. Der Branchenmindestlohn beträgt 10,80 Euro in der Stunde. Weil ihre Arbeit möglichst vor oder nach der Arbeit aller anderen erledigt werden soll, haben viele Reinigungskräfte zwei Jobs. Oder drei. Eine von Sylvias Kolleginnen putzt um neun in einem Pflegeheim, eine für gewöhnlich in einem Hotel. Andere fahren erst nach Hause, legen sich hin, fahren abends wieder los.

„Morgens müssen wir jetzt jeden Platz abputzen, an dem am Tag vorher jemand saß“, sagt Sylvia. Das Zeichen dafür ist ein Mülleimer auf dem Tisch. Viele sind es an diesem Mittwoch nicht, die allermeisten Angestellten arbeiten seit Wochen im Homeoffice. Gelb-braune Pflanzen bezeugen das. „Das wird noch richtig schön, wenn wieder mehr Leute kommen und wir mehr desinfizieren müssen“, sagt Sylvia und schließt den Raum ab.

Wer die harte Arbeit macht, soll am besten unsichtbar bleiben. Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe Vergrößern
Wer die harte Arbeit macht, soll am besten unsichtbar bleiben. © picture alliance / Ralf Hirschbe

„Guck dir mal das an. Da reg ich mich schon wieder auf“, ruft ihre Kollegin Claudia, rot gefärbte Haare, gereizter Ton. Sie teilen sich die Büroräume auf. Eine links den Flur entlang, eine rechts. Was Claudia ärgert, ist der Zettel an einer Tür: „Diese Woche alle Schreibtische abwischen!“ Das Wort „alle“ ist unterstrichen. Drinnen steht aber nur auf einem Tisch ein Eimer. Sylvia putzt schweigend über die Fläche.

Das frühe Aufstehen ist weniger schlimm als die Achtlosigkeit

Was in den Papierkorb soll, landet manchmal direkt daneben. Tische stehen voll, obwohl Reinigungskräfte nichts anfassen dürfen. Sylvia poliert einen Türknauf und erzählt: „Bitte saugen Sie nicht, wenn ich telefoniere, sagte neulich einer zu mir. Und dann beschwert sich nach 30 Minuten sein Kollege, wieso denn nicht gesaugt worden ist!“ Diese Achtlosigkeit, die stört die beiden. Nicht das Aufstehen inmitten der Nacht.

Ob sie Angst hatte, als Mitte März in der Firma der erste Corona-Fall bekannt wurde? Nein, sagt Sylvia, sie sei nur müde gewesen. „An dem Tag bin ich mit ganz dicken Augen zur Arbeit gekommen.“ So erschöpfend seien schon die vielen Telefonate vor Dienstbeginn gewesen. Der betroffene Bürotrakt wurde sofort zugemacht.

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Einer ist positiv getestet. Sie schrubben fünf Stunden

Eine Woche später ist sie mit zwei Kolleginnen hinein. Einen Schutzanzug wie in Krankenhäusern brauchten sie nicht. Nur ihre Maske und Handschuhe, weil die Räume eine Woche lang leer standen. Mit einem Flächendesinfektionsmittel reinigten sie mindestens 60 Schreibtische, Stühle, Rollcontainer, Drucker, Telefonhörer, Tastaturen. Alles, was man mit den Händen mal bewusst, mal beiläufig berührt. Danach waren die Teeküche und Toiletten auf dem Flur dran. „Haben wieder alles schick und schön gemacht“, sagt Sylvia. Fast fünf Stunden hat das gedauert.

Zwei Wochen später gab es den zweiten Corona-Fall.

Irgendwann, sagt Sylvia, „werden meine Enkel mal mich fragen: Du, Oma, erzähl doch mal von Corona. Wie war das damals?“

Zehntausend Schritte pro Schicht sind keine Seltenheit

An welchem Tag welcher Flur auf welcher Etage gereinigt wird, ist in einem genauen Plan geregelt. Den mussten Sylvia und ihre Vorarbeiterin Claudia komplett umstellen, um die zusätzlichen Aufgaben mit dem gleichen Personal zu meistern. Eine Mail nach der anderen ging in den vergangenen Wochen ein. Von einem Tag auf den anderen galten immer wieder neue Vorschriften. Wie die Maskenpflicht. Manche ihrer Mitarbeiterinnen stöhnten.

„Das ist stundenlang wirklich anstrengend. Wir sind im Laufschritt unterwegs“, sagt Sylvia, die T-Shirt und Turnschuhe trägt. Eine Kollegin misst ihre Schritte mit einer App. Zehntausend pro Schicht sind keine Seltenheit.

Sylvias neuer Auftrag sieht auch vor, alle Türklinken und Handläufe einmal am Tag sauber zu machen, ebenso die Bedienknöpfe an den Fahrstühlen. Die Büroangestellten haben ihnen gesagt: So ein Blödsinn, ein, zwei Mal am Tag, das bringe doch nichts. Wenn, dann sollten sie es permanent tun. Wie stellen die sich das vor?

Wer schützt sie?

Genauso die Forderung, dass Sylvia und ihr Team immer und überall Masken tragen sollen. Die Angestellten des Unternehmens nur auf den Fluren, in Treppenhäusern und Aufzügen, nicht aber an ihren Tischen. Das bringt Sylvia in einen Zwiespalt. Werden die Büroleute kurz den Raum verlassen, wenn sie hineinkommt? Oder ihre Maske schnell aufziehen? Sylvia und ihre Kolleginnen wollen auch geschützt sein.

Der Flur ist geschafft. Sylvia und Claudia steigen in den Fahrstuhl, runter in den Keller, durch einen Gang mit Plastikboden und Rohren an der Decke. In ihrem Büro besprechen die beiden, wie der Krankenstand ist, ob Schichten getauscht werden müssen, was Neues in den E-Mails steht. In Sylvias Team hat bislang noch niemand Symptome gezeigt. Doch zwei, drei Kolleginnen hatten anfangs große Angst. Bei ihrer Arbeit sind sie potenziell sehr nah dran an allen möglichen Viren. Sylvia telefoniert. Claudia macht Wasser heiß. Sieben Uhr: Zeit für einen zweiten Filterkaffee.

Sie sind jetzt weniger besorgt, dafür umso mürrischer

Sylvias Mitarbeiterinnen arbeiten in der Regel von fünf bis neun Uhr. Die Reinigungskräfte sollen die Welt der Hemdträger nicht stören. Nur eine aus dem Team bleibt den Nachmittag über, falls eine Extra-Reinigung nötig ist, weil etwa ein Glas zerbricht. Um 13.20 Uhr könnten eigentlich auch Sylvia und Claudia nach Hause. „Gegen ein Uhr will aber oft noch mal jemand was“, sagt Sylvia. „Jemand verschüttet seinen Kaffee. Oder eine Toilette ist verstopft.“

Inzwischen sind die Kolleginnen weniger besorgt als im März. Dafür umso mürrischer. Vor allem, wenn sie aus den Nachrichten Neues über Corona erfahren, Fragen haben. Dies ist erlaubt, das nicht. Bald dürfen alle nach Mallorca, an den Strand, sie aber nicht in die Türkei, um ihre Familien zu sehen? Die Mitarbeiterinnen haben nicht das Gefühl, dass die Politik bei ihren Entscheidungen auch an sie denkt. Selbst jetzt nicht, wo Sauberkeit lebensnotwendig ist.

„Könnt ihr nicht mal ’ne Jüngere schicken? Was fürs Auge?“

„Sieht man doch auch bei dem ganzen Gerede übers Homeoffice“, murmelt Claudia. Wenn sie um fünf Uhr ihren Dienst antreten, sind die U-Bahnen noch recht leer. Männern in blauen Latzhosen fallen die Augen zu. Manch einer wischt sich Staub vom Knie. „Bauarbeiter konnten nicht ins Homeoffice, Busfahrer nicht, Bäcker nicht – und wir auch nicht“, sagt Sylvia. „Sonst würden die, die zu Hause sitzen, morgens ja keine frischen Brötchen bekommen“, spricht ihre Kollegin weiter.

Sie hier unten. Die dort oben. So fühlt sich das an.

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Sylvia und ihre Kolleginnen haben die Anordnung, im Flur zu grüßen. An ihren Fingern können sie abzählen, wie oft ihnen das am Tag andersherum geschieht. Die meisten liefen einfach vorbei. Als wäre niemand da. Oh, und was sie schon gehört haben. „Oh, könnt ihr nicht mal ’ne Jüngere schicken? Was fürs Auge?“ – „Ja, bloß keine Mutti mit einem Kopftuch.“

So viele kleine Geschichten, Gedankenlosigkeiten. „Manche Damen schminken sich morgens im Büro und lassen die Make-up-Reste verschmiert im Waschbecken. Macht ja irgendeiner sauber“, sagt Sylvia. Oder, auch typisch: Gerade ist das Bad geputzt, da kommt jemand aus der Kabine, wäscht sich die Hände, schmeißt das Papiertuch auf den Boden. Eine Kollegin säuberte mal das Pissoir in der Männertoilette. Der Fremde kam rein, ließ neben ihr die Hose runter.

Als Rentnerin wird sie zum Sozialamt müssen

Als das Bürogebäude im Frühling plötzlich zu einem verlassenen Ort wurde, hatten die Reinigungskräfte zwischendurch auch mal weniger zu tun. Da sprach Sylvia mit ihrem Team: Mach doch mal zwei Tage Urlaub! Komm erst Dienstag wieder! Kurzarbeit wurde nicht nötig. Was für eine Erleichterung das war.

Schließlich gibt es nur wenige Branchen, in denen weniger verdient wird. „Selbst wenn jemand sieben, acht Stunden für ein Unternehmen arbeitet, kann er von 1200 Euro kaum die heutigen Mieten in Berlin zahlen. Geschweige denn Kinder ernähren“, sagt Claudia.

Gleichzeitig betrug der Umsatz in der Gebäudereinigungsbranche im letzten Jahr fast 20 Milliarden Euro. Neulich schlugen Unionspolitiker vor, den Mindestlohn zu senken. Claudia sagt, sie werde als Rentnerin zum Sozialamt müssen. Sie ist oft wütend.

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Viren in Wachbecken und Toiletten

Ulrike Laux will die Welt für Claudia, Sylvia und all ihre Kolleginnen und Kollegen etwas gerechter machen. Laux ist Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft Bauen–Agrar–Umwelt und führt seit einer Woche die Tarifverhandlungen im Reinigungsgewerbe. Sie will mehr Gehalt und ein Weihnachtsgeld erstreiten. „Sauberkeit rettet Leben“, sagt sie. „Gerade jetzt sollte der Wert dieser Arbeit anerkannt werden.“ Unternehmen wollten wegen Corona noch mehr, noch gründlichere Reinigungen, aber nicht immer werde dafür zusätzliche Zeit eingeplant und bezahlt. Reinigungskräfte träfen in geschlossenen Räumen immer wieder auf andere Menschen. „Viren sind in der Luft, auf Klinken, in Waschbecken und Toiletten. Und weil sich daran auch so schnell nichts ändern wird, sollte es höhere Löhne geben.“

Frühschicht von fünf bis sieben, dann nach Hause, Stullen schmieren

Sylvia hofft darauf. Auch wenn sie noch ganz andere Zustände kennt. Sie ist in der DDR aufgewachsen, hat die zehnte Klasse abgeschlossen und in Staaken eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Plast- und Elastverarbeitung gemacht. So hieß das damals. Dann kamen zwei Kinder, die Wende.

Zu Hause bleiben mochte sie nicht. Sie hörte, dass jemand für die Schulreinigung gebraucht wurde, fing mit 1,75 Stunden am Tag an, stellte nach dem Unterricht die Stühle hoch, fegte, erhöhte auf vier Stunden, irgendwann auf zwölf. Das sei damals noch gegangen, auch mit den Kindern. „Ich war ja zwischendrin zu Hause. Die erste Schicht ging von fünf bis sieben, dann bin ich schnell nach Hause, Stullen, Küsschen, Klaps auf den Po.“ Von mittags bis 16 Uhr Schicht in der Schule. Zwei, drei Mal in der Woche noch ein Abenddienst in der Bibliothek. Sie bildete sich weiter, wurde Vorarbeiterin, Objektleiterin.

1,20 mehr Lohn: "Vollkommen realitätsfern"

Man arrangiere sich, sagt Sylvia. Sie geht abends um halb neun ins Bett, schaut ein bisschen fern, schläft ein. Ob sie ihren Beruf noch einmal wählen würde? Natürlich! Wenn es im Sommer 30 Grad warm sei, habe sie so viel vom Tag. „Bis 17 Uhr arbeiten? Danach noch einkaufen? Oder alles ins Wochenende schieben? Oh nee“, sagt Sylvia. Ihr Team sei ein gutes. Ihr Unternehmen auch. Woanders müsse man die Putzsachen mit nach Hause nehmen und selber waschen.

Zugegeben, sie hatte vor Jahren auch mal überlegt, sich einen anderen Job zu suchen. Und blieb doch.

Einige Tage nach dem Treffen mit Sylvia und Claudia beginnen die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und den Arbeitgebern. Wird Corona doch noch etwas verändern? Einen Wandel bringen? Mehr Respekt?

Die IG BAU fordert 1,20 Euro mehr Lohn pro Stunde. Der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks nennt diese Forderung „vollkommen realitätsfern“. Die Verhandlungen werden vertagt.

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