Denkmal von Karl Marx in Berlin-Mitte. Foto: Imago
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Karl Marx und Richard Wagner Die Moderne im Blick

Marx und Wagner waren Zeitgenossen:  Was verbindet den Theoretiker des Kapitalismus und den Revolutionär des Musiktheaters – und was trennt sie? Zwei Ausstellungen in Berlin suchen Antworten.

Musik und Philosophie, Noten und Buchstaben – Richard Wagner und Karl Marx! Beide sind nicht nur Zeitgenossen im 19. Jahrhundert, sondern auch im gleichen Jahr gestorben. Nahezu gleich alt – Wagner lediglich fünf Jahre älter – erleben und beschreiben sie die Umbrüche ihres Jahrhunderts. Und doch könnten ihre Reaktionen auf die Ereignisse der Zeit kaum unterschiedlicher ausfallen, mit weitreichenden Folgen und großem Einfluss bis in die Gegenwart. Für Raphael Gross, den Präsidenten des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin, ein besonders reizvoller Kontrast zweier herausragender Persönlichkeiten, eine spannende Ausgangslage für zwei Einzelausstellungen im kommenden Jahr. „Es gibt im 19. Jahrhundert Dinge, die beide verbinden und die sie trennen“, sagt Gross. Hier der Internationalist Marx (1818–1883), dort der deutsch-national orientierte Wagner (1813–1883): Das verspricht eine spannende Konfrontation, die es so noch nie zu sehen gab. „Karl Marx und der Kapitalismus“ wird vom Februar bis zum August zu sehen sein, „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ vom April bis zum September. Fünf Monate lang laufen die Ausstellungen also parallel.

Auch im Antisemitismus zeigen beide Übereinstimmungen

Marx und Wagner reagieren auf die sich mit Macht entfaltende Industrialisierung in Deutschland und Europa, auf das, was man schlichtweg „die Moderne“ nennt. Beide stammen aus bürgerlichem Hause und wirken mit bei der Revolution von 1848, Marx muss deshalb ins Exil gehen – und auch Wagner wird nach dem Dresdner Maiaufstand 1849 steckbrieflich gesucht, emigriert in die Schweiz, darf zehn Jahre lang deutschen Boden nicht mehr betreten.

Auch im Antisemitismus zeigen beide Übereinstimmungen, wobei Marx das Judentum als Verkörperung des Kapitalismus definiert. Allerdings setzt er sich ausdrücklich für die Emanzipation der Juden ein. Mit seiner Abwendung von der Kritik an der Finanzsphäre, die mit den Juden verbunden wird, und seiner Hinwendung zur Kritik der Produktion greift er nicht mehr auf antisemitische Stereotype zurück. Wagner dagegen hält die Juden für ein Hindernis auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft, er sieht sie als „Fremde“, als Bedrohung der deutschen Identität.

Was hat ein Pinguin mit Marx zu tun, mag man sich fragen, wenn man den ausgestopften Vogel in der Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ sieht. Der Pinguin stehe für Guano, den Dünger, der im 19. Jahrhundert im großen Stil in Südamerika abgebaut wurde und der für die industrielle Landwirtschaft Europas immer wichtiger wurde, um mit der Auslaugung der Böden umzugehen, sagt Kuratorin Sabine Kritter. Ein Symbol also für globalen Handel, für die aufkommende Moderne in Landwirtschaft und auch Industrie. Marx wird nicht in einer biografischen Ausstellung vorgestellt, sondern als Person seiner Zeit. In sieben Kapiteln werden Themen angesprochen, die für den Philosophen und sein Werk besonders wichtig waren. Es geht um Religions- und Gesellschaftskritik, Judenemanzipation und Antisemitismus, Revolution und Gewalt, Neue Technologien, Natur und Ökologie, Ökonomie und Krise sowie Kämpfe und Bewegungen.

Die Ambivalenz von Marx' Werk

Und inwiefern liefert das Wirken von Marx auch heute noch Anknüpfungspunkte für den gesellschaftspolitischen Diskurs? Im Prolog veranschaulichen Ergebnisse aus einer repräsentativen DHM-Befragung die Aktualität von Marx’ Kapitalismuskritik, aber auch seine Verantwortlichkeit für die Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Dabei ist es den Ausstellungsmachern wichtig, die Ambivalenz in seinem Werk zu zeigen. Mit Kontextobjekten wie etwa einer Dampfmaschine, einer Gewerkschaftsfahne, seinem privaten Exemplar des Kapitals wird seine Zeit visualisiert. Dort, wo es keine passenden Objekte gibt, werden an den Themeninseln interaktive Angebote gemacht. Robert Koehlers berühmtes Gemälde „Der Streik“ von 1886 steht für die sozialen Kämpfe der Epoche.

["Karl Marx und der Kapitalismus", 10.2. bis 21.8.2022 und "Richard Wagner und das deutsche Gefühl", 8.4. bis 11.9.2022, Deutsches Historisches Museum, www.dhm.de]

Die Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ wird kein Opernführer sein – denn „wer Wagner hören will, der geht in die Oper“, sagt Kuratorin Katharina J. Schneider. Sie weist auf die große Zahl von Schriften hin, die er hinterlassen hat und die kaum im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert sind. Die in vier Kapitel aufgeteilte Ausstellung beginnt ebenfalls mit einem Prolog, in dem viele Wagnerbilder der Zeit in Petersburger Hängung gezeigt werden. Seine Pose ist wiedererkennbar, ebenso die Selbstinszenierung seines „Deutschtums“ mit Samtbarett und Mantel. Der Komponist mag zwar auch ein Gegner von Moderne und Industrialisierung gewesen sein, gleichzeitig beherrscht er aber seine eigene Vermarktung mit Hilfe von Fotos und Autogrammkarten. Wagner sei sehr markenbewusst gewesen und in dieser Hinsicht auch sehr modern, sagt Schneider. Die vier Kapitel Entfremdung, Eros, Zugehörigkeit und Ekel werden jeweils von einem Opernraum begleitet, in dem im Ablauf weniger Minuten verschiedene Emotionen kurz und intensiv zu hören sein werden. Daraus ergeben sich interessante Gegensätze, aber auch Durchlässigkeiten: Eros und Ekel, Zugehörigkeit und Entfremdung.

Wagner hat nicht nur komponiert, seine „Schriften“ und „Dichtungen“ füllen Bände. Eine Infografik wird dieses fast unbekannte Werk optisch sortieren. Die Gefühle werden zeithistorisch verortet und den Opern gegenübergestellt. „Seine Musik ist hoch leidenschaftlich und verführerisch, man könnte von einer Nationalisierung der Gefühle sprechen“, sagt der Musikwissenschaftler und Historiker Michael P. Steinberg von der Brown University, der diese Ausstellung konzipiert hat. Wie wirken Musik, Schriften und sein Antisemitismus zusammen? Eine Frage, die bis heute heftig diskutiert wird. Wagners Erbe sei unter anderem die Filmmusik Hollywoods, so Steinberg. Emotionen durch Musik – insofern seien bedeutende Filmkomponisten quasi Wagners Enkel. Die Doppelausstellung Marx und Wagner: Ein interessantes Experiment zur Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

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