Busse mit Studierenden auf den Straßen Kabuls. Foto: privat
© privat

Kabuler Studierende in den Fängen der Taliban Eine Liste sollte sie retten – nun könnte sie ihnen zum Verhängnis werden

Cornelius Dieckmann

Die Studierenden der American University in Kabul waren schon auf dem Weg zum Flughafen, als die Evakuierung scheiterte. Nun sind sie den Taliban ausgeliefert.

Der gescheiterte letzte Versuch der American University of Afghanistan, ihre Studierenden aus Kabul zu evakuieren, hat Hunderte Universitätsangehörige in großer Gefahr zurückgelassen. Wie eine E-Mail der 2006 eröffneten, mit US-Geldern finanzierten Hochschule an Studierende zeigt, wurde den radikal-islamistischen Taliban eine Liste mit Namen Studierender übermittelt, um am vergangenen Sonntag eine Evakuierung über den Kabuler Flughafen zu ermöglichen. Diese kam aber nie zustande.

Ein Student, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, berichtet dem Tagesspiegel, man habe ihn und seine Kommilitonen an einen Treffpunkt in der afghanischen Hauptstadt bestellt. In die 16 Busse, die sie dort abgeholt hätten, seien mindestens 500 Menschen eingestiegen, offenbar auch Personen, die nicht der Universität angehörten. „Jeder konnte einsteigen. Wir wurden nicht mal nach unseren Namen gefragt.“

Nach mehreren Stunden – in denen die Fahrzeuge in der Hoffnung durch Kabul steuerten, es werde sich eine Möglichkeit ergeben, den Flughafen zu erreichen – wurde die Aktion abgebrochen. „Sie haben uns sieben Stunden lang ohne jede Sicherheitsvorkehrung herumgefahren und uns dann wieder aussteigen lassen, mit der Ansage: Geht nach Hause“, berichtet der Student.

Ein Universitätsmitarbeiter schrieb den Studierenden in einer E-Mail: „Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass der Führungsstab am Hamid Karzai International Airport bekanntgegeben hat, dass es keine weiteren Rettungsflüge geben wird. Das extrem hohe Risiko an den Toren ist der Hauptgrund für diese Entscheidung.“

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Am Donnerstag waren bei einem Attentat des sogenannten Islamischen Staats am Flughafen, den US-Streitkräfte kontrollierten, mehr als 180 Menschen getötet worden. Am Sonntag führten die USA einen Drohnenschlag nördlich des Flughafens durch, bei dem neben einem mutmaßlichen Autobomben-Attentäter des IS laut Anwohnern auch zehn Zivilisten starben, unter ihnen Kinder. Nachdem US-Abwehrsysteme am Montag Raketen abfangen konnten, die IS-Terroristen auf den Flughafen gefeuert hatten, hat das US-Militär das Land in der Nacht zum Dienstag vollständig verlassen.

In einer weiteren E-Mail waren die Studierenden der American University während der Evakuierungsaktion am Sonntag aufgerufen worden, nur berechtigte Personen mitreisen zu lassen: „Wir hatten große Probleme mit den Bussen, weil einige Personen Familienmitglieder mitgenommen haben, die nicht auf der Liste stehen. Verstehen Sie, dass die Taliban eine Liste haben, und wenn Sie nicht draufstehen, dann werden sie wahrscheinlich Leute aus dem Bus zerren, schlagen und einsperren.“

Der Universitätspräsident, Ian Bickford, sagte der „New York Times“, man habe Namen und Reisepass-Daten der Studierenden und Angehöriger dem US-Militär mitgeteilt, dessen Standardvorgehen es sei, diese auch den Taliban zu geben, um die Durchfahrt zum Flughafen zu ermöglichen.

[Jeden Donnerstag die wichtigsten Entwicklungen aus Amerika direkt ins Postfach – mit dem Newsletter "Washington Weekly" unserer USA-Korrespondentin Juliane Schäuble. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung.]

Schon vergangene Woche war bekannt geworden, dass die USA Namen von Amerikanern und Ortskräften an die Islamisten übermittelt hatten. Auch Namen von Beschäftigten deutscher Arbeitgeber, etwa von DHL, wurden laut einem ARD-Bericht im Rahmen privater, von der Bundesregierung begleiteter Evakuierungsaktionen mit den Taliban geteilt. Sie konnten ausreisen.

Taliban-Kämpfer haben jetzt die Kontrolle am Hamid Karzai International Airport in Kabul. Foto: REUTERS Vergrößern
Taliban-Kämpfer haben jetzt die Kontrolle am Hamid Karzai International Airport in Kabul. © REUTERS

Nachdem die USA ihre letzten Truppen nun abgezogen haben, könnte die Liste den Studierenden zum Verhängnis werden. Wie die „New York Times“ berichtete, posteten Taliban kürzlich ein Foto vom Eingang eines Gebäudes der American University – mit dem Zusatz, dies sei der Ort, an dem Amerika „Wölfe“ ausbilde, um die Köpfe von Muslimen zu korrumpieren. 2016 hatten Islamisten, mutmaßlich Taliban-Mitglieder, in einem zehn Stunden dauernden Anschlag auf den Campus 15 Menschen getötet, unter ihnen sieben Studierende.

„Die ganze Studierendenschaft ist niedergeschmettert und hoffnungslos“, berichtet der Student in der Nacht zum Dienstag. Er habe inzwischen alle Dokumente verbrannt, die ihn mit seiner Universität in Verbindung bringen. Er sei stolz auf seinen Lebenslauf, den er sich in jahrelanger Arbeit aufgebaut habe. „Aber jetzt ist er wertlos.“ Langfristig, so seine Prognose, werde manchen seiner Kommilitonen nichts weiter übrig bleiben, als ihre Expertise im neuen Taliban-Regime einzusetzen.

Zur Startseite