Der Grabstein von Moses Mendelssohn auf dem Friedhof an der Großen Hamburger Straße. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
© Doris Spiekermann-Klaas

Jüdische Friedhöfe in Berlin Was der Efeu flüstert

Jüdische Friedhöfe sind ein offenes Buch der Stadtgeschichte. Man muss es nur lesen können. Ein Spaziergang zum Themenjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".

Man muss es schon wissen. Oder ein bisschen aufmerksam sein. Der jüdische Friedhof an der Großen Hamburger Straße ist als solcher heute nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Es gibt keine Grabsteine, nur eine große, mit Efeu bewachsene Fläche. Leicht kann man daran vorbeigehen, vielleicht denken: Eine Brache, Lücke noch vom Krieg, wird demnächst bebaut. Doch nichts könnte falscher sein. Hier wird gar nichts bebaut, jüdische Friedhöfe werden niemals eingeebnet, sie sind für die Ewigkeit. Und damit ein offenes Buch der Stadtgeschichte. Man muss es nur lesen können.

Doch Augenblick, Friedhöfe? Passt das überhaupt zum Thema „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, bei dem es doch, nun ja, ums Leben gehen soll? Natürlich, denn Friedhöfe sind immer auch das: Orte der Gegenwart und des Lebens, Biotope für Pflanzen, Insekten, Vögel und andere Tiere. Ruheräume für die Menschen, die hierherkommen, vergleichbar mit Parks, nur oft in der Vegetation vielfältiger. Frischluftschneisen, die das Stadtklima beeinflussen und zudem meist langfristig vor Investorenzugriff geschützt sind. Und historisch wie kulturell bedeutsame Orte, um die die Bebauung herumwächst. Sie sind Stopper in der Stadtentwicklung, oft mit erstaunlichen architektonischen Ambitionen. Spaziergänge zu den drei großen jüdischen Friedhöfen in in Berlin sind immer auch Spaziergänge in der Stadtgeschichte.

In Mitte hat die Gestapo hat alles zerstört

Also hinein in das Areal an der Großen Hamburger Straße, Männer bitte mit Kopfbedeckung. Viel ist nicht los an diesem Nachmittag. Das Sonnenlicht – von dem dieser März viel zu viel gebracht hat, der letzte Regen ist vier Wochen her – tanzt auf den ungezählten Efeublättern, die den Boden bedecken. Tauben flattern im Geäst, balgen sich um Futter, das jemand ausgelegt hat. Die Anlage wurde 1672 eröffnet, sie lag damals, wie Friedhöfe überall auf der Welt, vor den Mauern der noch sehr kleinen Stadt. Doch von den tausenden von Gräbern ist an der Oberfläche nichts mehr zu sehen, die Gestapo hat 1943 alles zerstört. Erst ab 2007 konnte das Areal wieder instandgesetzt werden, als Mischung aus Friedhof und öffentlicher Grünfläche. Einzig der Grabstein des berühmtesten jüdischen Berliners, Moses Mendelssohn, ist noch da, doch auch er befindet sich nur ungefähr an der korrekten Position, die man nicht mehr kennt. Eine Skulptur von Will Lammert, die an die jüdischen Opfer des Faschismus erinnert, steht an der Stelle, an der nach der Schließung des Friedhofs 1827 ein jüdisches Altersheim errichtet worden war. Direkt daneben kichert und lacht junges Leben herüber: Auf das Jüdische Gymnasium gehen nicht nur jüdische Kinder.

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Mit dem Wachsen der Stadt und der Gemeinde zogen auch die Friedhöfe immer weiter nach draußen, quasi wie Jahresringe. 1827 wurde ein neuer Friedhof an der Schönhauser Allee eingeweiht. Giacomo Meyerbeer ist hier bestattet, Max Liebermann, James Simon: Der Besuch gleicht einer Fahrstuhlfahrt ins 19. Jahrhundert, in jene Jahrzehnte, in denen aus der Residenzstadt Berlin die Reichshauptstadt wurde. Wieder überzieht ein Meer von Efeu den Boden, ziegelsteinerne Gründerzeitbauten mit den Wohnungen der Prenzlauer Berger Mittelschicht rücken auf drei Seiten direkt an den Friedhof heran. Viele Grabsteine sind umgestürzt, es gibt keine Nachfahren mehr, die sie aufrichten können – das schreckliche Echo der Shoa. Die Gräber im Zentrum sind zu Fuß gar nicht mehr erreichbar, die Pfade schon lange überwuchert.

Blumenschmuck ist nicht üblich

Farblich dominiert ein ins Bräunliche schimmerndes Grün. Blumen sind auf jüdischen Friefhöfen, anders als auf christlichen, nicht üblich. Im Tod sind alle gleich, niemand soll durch eitlen Schmuck hervorgehoben werden. Woher die Tradition stammt, stattdessen einen Stein auf dem Grab zu hinterlassen, ist unklar. Doch liegt die Vermutung nahe, dass es mit den geografischen Ursprüngen des Judentums zu tun hat: In der Wüste machte es keinen Sinn, Blumen zu pflanzen. Steine schützten das Grab hingegen vor Sonne und Tieren.

So kommen wir schließlich nach Weißensee, 1880 eröffnet, der jüngste der Berliner jüdischen Friedhöfe und mit 116 000 Gräbern der größte in Europa. An prächtigen Mausoleen kann man ablesen, dass die jüdische Gemeinde begann, sich der christlichen Umgebung anzupassen und bedeutende Persönlichkeiten hervorzuheben. Die allermeisten Gräber sind jedoch auch hier schon lange in der Anonymität des Efeus versunken, auf vielen Steinen steht „Theresienstadt“ oder „Auschwitz“. Doch so paradox es auch klingt: Neue Grabstellen weisen darauf hin, dass jüdisches Leben in Berlin weitergeht. Die Shoa war nicht das Ende.

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