Überraschung! Bond (Sean Connery) in „Dr. No“ bei einem Einsatz in seinen eigenen vier Wänden. Foto: Cinetext Bildarchiv
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James Bond und sein Zuhause Wohnen Lizenz zum

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Er ist der beste Mann Ihrer Majestät und pflegt einen ausgesuchten Stil. Wie sieht da wohl sein Zuhause aus? Es ist James Bonds größtes Geheimnis. Auf Spurensuche in London und Berlin.

Über James Bond glauben wir alles zu wissen. Welches Getränk er mag, welche Anzüge er trägt, welche Autos er fährt. In dieser Reihenfolge sind das: Wodka-Martini, geschüttelt, nicht gerührt; Tom-Ford-Zweiteiler und ein Aston Martin. Wir vermuten, dass es ihm nicht an Geld mangelt (Die Hotels! Die Uhren! Die Autos!), wir schätzen an ihm, dass er mit Miss Moneypenny flirtet, sie aber nie verführt, und wir beneiden ihn um die Vielfliegermeilen auf seinen zahllosen Dienstreisen. Nur eines wissen wir nicht: Wenn er von einem Einsatz wieder zurückkommt, wie und wo wohnt eigentlich James Bond?

In den Köpfen von Ian Flemings Lesern und den Millionen von Kinogängern existiert höchstens eine vage Vorstellung. Diese hat vor allem mit Bonds ausgeprägter Vorliebe zu gehobenem Design zu tun. Niemand glaubt, dass 007 im Plattenbau lebt, obwohl genau das die perfekte Tarnung für einen ständig unter Feindbeschuss stehenden Agenten wäre.

Diese Idee vom häuslichem Luxus nutzen gern Wohnungsanbieter, wenn sie Immobilien an den Mann bringen möchten. Ein Berliner Makler preist ein großzügig geschnittenes Loft in Mitte als „James Bond Apartment“ an (130 Quadratmeter für einen Kaufpreis von 372 000 Euro). Der Grund: Die Wohnung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum einstigen Todesstreifen. Agentennostalgie, ick hör dir trapsen!

Die Berliner Residenz taugt höchstens für Wochenendtrips, sollte James Bond eine Sehnsucht nach den klaren Ideologiegrenzen des Kalten Krieges befallen. Denn der Angestellte Ihrer Majestät kann oder darf gar nicht weit weg vom MI6 wohnen, dem Londoner Hauptquartier des Geheimdienstes. Das Gebäude sieht wie eine Mischung aus aztekischer Pyramide und stalinistischer Festung aus, es liegt am südlichen Ufer der Themse, in Spuckweite des britischen Parlaments. In der gesicherten Anlage am Vauxhall Cross hat M, Bonds Chefin (im Moment von Judi Dench gespielt), ihr Büro.

Im neuen Film „Skyfall“ soll es einen Anschlag auf die Betonfestung geben, tatsächlich kam es 2000 nur zu „minimalen Schäden“, als nordirische Separatisten eine Rakete auf den MI6 abfeuerten: Eine Fensterscheibe in der achten Etage ging zu Bruch. In solchen Fällen wäre Bond umgehend am Ort des Geschehens gefordert. Er müsste demnach in relativer Nähe wohnen.

Vielleicht bringt die James-Bond-Filmtour ein wenig Licht ins Dunkel. Für 25 Pfund pro Person können Fans drei Stunden lang zu den Schauplätzen der erfolgreichsten Filmserie aller Zeiten fahren, die bisher mehr als fünf Milliarden Dollar weltweit eingespielt hat. Im kleinen Bus zeigen Videoeinspieler, wie der Hof des Somerset House in einer Szene von „Golden Eye“ aussah (nämlich wie St. Petersburg) oder aus welcher Tiefgaragenausfahrt am Smithfield’s Market Daniel Craig demnächst herausfahren wird.

Nur eines weiß der beredte Tourguide leider nicht: Wo der beste Mann Ihrer Majestät wohnt, wenn er nicht in Istanbul, Rio oder San Francisco Schurken jagt. Er hat eine Vermutung: in einem Wohnkomplex neben dem MI6, einem ebenso festungsgleichen Apartmentblock mit Glasfassade zur Themse hin. Dieser Komplex, St. George Wharf, ist eine Enklave der Reichen. Fünf unterschiedlich hohe Glastürme sind mit einem Wohnriegel verbunden. Wer sich erkundigt, erfährt, dass eine Dreizimmerwohnung mit zwei Balkonen in der 12. Etage gerade für 975 Pfund (etwa 1200 Euro) kalt zu haben ist. Pro Woche, versteht sich. Fußweg zum MI6: drei Minuten. Im Notfall wäre Bond von hier aus sicher in kürzester Zeit einsatzbereit.

Ian Fleming würde wohl angewidert einen Gin den Rachen hinunterspülen, wenn er diesen dunkelgrünen Glaspalast sähe. Der Schriftsteller hat Bond nicht nur eine Vita mit auf den Weg gegeben – Vater Brite, Mutter Schweizerin, beide beim Klettern tödlich verunglückt, als der Sohn elf war, danach Umzug zur Tante, Erziehung in Jungsinternaten, Anwerbung durch den Geheimdienst –, sondern hat ihm auch eine Wohnung zugeschrieben.

Die liegt laut Flemings Büchern an einem von Bäumen gesäumten Platz, in einer Seitenstraße der King’s Road, jener Straße, die in den 70er Jahren als Geburtsstätte der Punkbewegung weltberühmt wurde. Die Wohnung im Bezirk Chelsea befindet sich in der ersten Etage eines umgebauten Gebäudes aus der Regency-Ära – einer Epoche im frühen 19. Jahrhundert. Fleming beschreibt sie in „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ als Dreizimmerwohnung, im Wohnzimmer befinden sich Bücherregale an den Wänden, am großen Fenster, das zum Platz hinausgeht, steht ein Schreibtisch im Empire-Stil. Angeblich besitzt James Bond keinen Fernseher, weil er sich lieber anderweitig unterhält.

Apropos, das Schlafzimmer schmücken gold-weiß gestreifte Tapeten vom Edelausstatter Cole & Son, ein dunkelroter Vorhang und ein Bett mit dunkelblauer Bettwäsche. Wer sich das gute 60 Jahre später mal vorstellt, findet wohl nur ein Wort für diesen Einrichtungsstil: plüschig. Die exakte Adresse hat Fleming nie erwähnt, vermutlich handelt es sich um einen Block am Wellington Square. Der Bond-Erfinder lebte kurzzeitig in der Nähe des Platzes, im Cheyne Walk. Diese Straße ist übrigens gar nicht so weit weg von der Themse und nur zwei Brücken vom MI6 entfernt. Geschätzte Spurtzeit für Bond: zehn Minuten.

In den 23 Verfilmungen wurde die Fleming’sche Vorgabe nie aufgegriffen. Überhaupt muss Bond so viele Fieslinge in so vielen Ländern töten, dass nur zwei kurze Szenen in seiner Wohnung spielen. Gleich im ersten Abenteuer „Doktor No“, das diesen Monat vor 50 Jahren in die Kinos kam, betritt Sean Connery als 007 sein Apartment. Der Zuschauer erblickt Autozeichnungen an der Wand, dunkle Holzkommoden, Polsterstühle und – oh, Schreck – einen Fernseher. Bond hört seltsame Geräusche und wirft sich in Killerpose. Zum Glück übt nur gerade seine Gefährtin Sylvia Trench Golf auf dem Teppich und lockert die biedere Einrichtung mit einem legeren Oberhemdenauftritt auf (siehe Foto). Zu ihrer Entschuldigung sagt sie: „Ich wollte nur mal mit deinen Bällen spielen.“

Elf Jahre später erhält der Zuschauer wieder einen Einblick in die Wohnsituation des Weltklassespions. Diesmal sieht Bond wie Roger Moore aus, in „Leben und sterben lassen“ schneit M unverhofft bei seinem Untergebenen vorbei. Offensichtlich ist 007 umgezogen und das Schlafzimmer ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Es liegt etwas erhöht, wie eine königliche Kammer, gleich hinter dem Eingang. Holzvertäfelte Wände, eine großzügige Küche mit Durchreiche, in der Bond gern seinen nächtlichen Eroberungen Rühreier kredenzt, wie es in den Büchern heißt. Das Gericht gehörte zu den Lieblingsspeisen von Ian Fleming.

Auf der Herdplatte mit der rostfarbenen Dunstabzugshaube hätte Roger Moore viel Platz dafür. Allerdings führt er M ein anderes Hightechküchengerät vor: eine italienische Espressomaschine, wie sie damals in britischen Haushalten unüblich war. M verfolgt skeptisch, wie das Ding Bohnen mahlt, Wasser erhitzt, Kaffee produziert und dafür eine Aufmerksamkeit wie ein kompliziertes Raketenabwehrsystem nötig ist. „Is that all it does?“, fragt M spöttisch.

Wie sähe nun eine moderne Wohnsituation aus? Die Filmemacher drücken sich momentan vor dieser Herausforderung, dafür hat ein Berliner Architekt sich Gedanken darüber gemacht. Artur Gärtner vom Büro Gärtner und Partner dachte sich für seine Diplomarbeit eine luxuriöse Behausung aus. Offensichtlich steckte ihn der Größenwahn mancher Verfilmungen an. „Baue ich die Villa von Tiberius auf Capri wieder auf oder ein Haus für James Bond?“, fragte er sich – und hat eine Mischung aus beidem entworfen.

Sein Bond-Domizil liegt an den Klippen der Kanalküste, verfügt über 1000 Quadratmeter Wohnfläche, einen Heli-Port, einen Pool mit griechischen Statuen und Wasserfällen zum Meer hinunter, eine Bar mit Schaltkonsole, ein luftiges Arbeitszimmer, und auf der höchsten Stelle der Wohnanlage gibt es ein Schlafzimmer. Der wirklich erhebliche Nachteil für James Bond: Zu Fuß würde er es nicht rechtzeitig ins Büro schaffen, wenn er kurz die Welt retten muss.

Die James-Bond-Filmtour ist über britmovies.com buchbar. Auf Youtube kann man sich den Clip ansehen, in dem Bond Kaffee macht, Stichwort: „Bond makes espresso“. Gärtner und Partner befindet sich in der Kärntener Str. 8, Tel. 220 119 310.

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