Aref Saboor und seine Familie am Sonntag in Kabul. Foto: privat
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Islamistische Miliz nimmt Kabul ein „Mein Herz will brechen“

Cornelius Dieckmann Dennis Pohl Thore Schröder

Kabul ist an die Taliban gefallen, die Menschen in der Stadt sind verzweifelt. Und für Bundeswehr-Ortskräfte wie Aref Saboor schwindet die letzte Hoffnung.

Er könne Gewehrfeuer hören, sagt Aref Saboor am Telefon. „Wie weit es entfernt ist, kann ich aber nicht sagen.“ Aber eigentlich ist es auch fast egal, wo gerade geschossen wird, denn seit diesem Sonntag ist klar, dass sich der Ring der Taliban-Kämpfer um Kabul geschlossen hat. Schneller, als es die meisten Menschen in Afghanistans Hauptstadt für möglich gehalten haben. Schneller auch, als es westliche Experten und Militärs erwartet hatten.

Für Aref Saboor bedeutet das, dass es für ihn kaum noch einen Ausweg gibt.

Der 32-Jährige arbeitete seit 2017 als so genannte Ortskraft für eine von der Bundeswehr gegründete Nachrichtenagentur, schrieb Texte, produzierte Videos. Deswegen, sagt er, steht er nun auf einer Todesliste der islamistischen Miliz, das habe ihm der Polizeigeheimdienst mitgeteilt, er fürchtet auch um seine Frau und seine kleine Tochter. Der Tagesspiegel hatte vor einer knappen Woche über das Schicksal der Familie berichtet. Als es so aussah, als würde ihr zumindest noch ein wenig mehr Zeit bleiben bis zum Sturm.

Für Menschen wie Saboor war Kabul in den vergangenen Wochen, während die Taliban weite Teile des Landes eroberten, zu einer letzten Zuflucht geworden. Was ihnen jetzt droht, ist kaum abzusehen. Auch wenn ein Sprecher der Taliban am Sonntag verkündet, es werde „keine Rache“ geben, die Menschen in Kabul und ihre Besitztümer seien „sicher“. Man erwarte eine friedliche Machtübernahme.

Doch das widerspricht Aussagen aus anderen eroberten Orten, in denen die Fundamentalisten von Haus zu Haus gehen. Zielgerichtet, offenbar mit fertigen Listen ihrer Feinde, die dann verschwinden.

Aref Saboor mit deutschen Soldaten bei seiner Arbeit für die Bundeswehr. Foto: privat Vergrößern
Aref Saboor mit deutschen Soldaten bei seiner Arbeit für die Bundeswehr. © privat

Berichten zufolge dringen die Truppen der Taliban am Sonntag zunächst nur vereinzelt in die Stadt ein, in Kabul bricht trotzdem vielerorts Panik aus. In den sozialen Medien sind Videos zu sehen von verstopften Straßen, der Autoverkehr nahezu im Stillstand. Über der Stadt kreisen Hubschrauber, CNN und die „New York Times“ berichten, die USA hätten mit der Evakuierung der US-Botschaft begonnen. Auch Deutschland schließt seine Botschaft und verlegt das Personal in den militärischen Teil des Flughafens von Kabul. Deutsche Staatsangehörige werden aufgefordert, das Land zu verlassen.

Wenig später die Nachricht: Alle kommerziellen Flüge von Kabul sind bis auf Weiteres gestrichen. Medienberichten zufolge gibt es in den Außenbezirken Gefechte, offenbar befreien die Taliban am Nachmittag bis zu 5000 ihrer Kämpfer aus dem Pul-e-Charkhi-Gefängnis in Kabul, dem größten Afghanistans.

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Noch bevor er am Sonntag erfährt, dass die Taliban vor den Toren der Stadt stehen, verlässt Aref Saboor die Einzimmerwohnung eines Freundes, in der die Familie untergekommen ist. Er berichtet am Telefon davon, dass er zur Bank gegangen sei. In der Hoffnung, Geld abheben zu können: Freunde hatten ihm in den vergangenen Tagen eine kleine Summe geschickt. „Doch die Menschenmenge vor der Bank war riesig, die Filiale wurde dann auch bald geschlossen“, erzählt er. „Aus Sicherheitsgründen, der Andrang war zu groß.“ Nachrichtenagenturen berichten davon, dass es vor anderen Banken Prügeleien und Schießereien um die Reihenfolge in der Warteschlange gegeben habe.

Alle Straßen in Kabul seien voller Menschen, sagt Aref Saboor, „Autos dicht an dicht, Menschen zu Fuß“. Manche sind anscheinend auf der Suche nach einem Weg aus der Stadt heraus, andere flüchten aus den Randbezirken ins Zentrum. Dazwischen Konvois von Sicherheitskräften, die sich aus anderen Provinzen in die Stadt zurückgezogen haben.

Die vergangenen Wochen hat Aref Saboor fast komplett in der Wohnung verbracht, aus Angst. „Ich bin nur raus, um Reisedokumente zu besorgen“, sagt er. „Aber das wollten so viele Menschen, ohne Bestechung geht gar nichts, ich hatte keine Chance.“ Die finanziellen Reserven der Familie seien komplett aufgebraucht, „wir haben kaum noch Geld für Milch oder Milchpulver, für Brot, für Windeln“.

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Die Stadt Kabul, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine starke Modernisierung durchgemacht hat und von 500 000 Einwohnern auf mehr als fünf Millionen angewachsen ist, bereitet sich am Sonntag auf die Übernahme durch die Taliban vor. Auf Twitter zirkuliert ein Foto von einem Schönheitssalon im Stadtzentrum von Kabul, dem Taj Beauty Salon, der auf seiner Fassade mit Bildern von geschminkten Frauen in Hochzeitskleidern warb – und nun mit weißer Farbe überstrichen wurde, offenbar von einem Mitarbeiter.

Frauen standen unter dem Taliban-Regime von 1996 bis 2001 praktisch unter Hausarrest. Schönheitssalons, ein selbstbestimmtes Leben: undenkbar. Jetzt kommt der Rückfall.

Nur ein paar Fußminuten weiter nördlich vom Taj Beauty Salon liegt der Kabuler Stadtteil Qala-e-Fathullah. Der Jurastudent Masiullah Zarghoon klingt ruhig, als er dort am Sonntagnachmittag ans Telefon geht. „Glauben Sie mir, wir haben hier alle Angst. In den vergangenen 48 Stunden habe ich vielleicht drei, vier Stunden geschlafen“, sagt er in nahezu perfektem American English. „Ich möchte weinen und mein Herz will brechen, aber was bringt es?“

Bei aller Verzweiflung versucht Zarghoon, die Hoffnung nicht ganz zu verlieren, es sei ja nicht das erste Mal in der Geschichte, „dass unserem Land so etwas passiert“. Im Gegensatz zu 1994, als die Taliban erstmals in Erscheinung traten, gebe es heute eine junge Generation in Afghanistan, „die gebildet ist und weiß, was gut und was böse ist“.

"Die Taliban kommen, wir wollen nicht mehr zur Schule gehen!"

Vor ein paar Stunden sei er aus dem Haus gegangen, um sich etwas zu essen zu kaufen, sagt der Student. Etwa ein Zehntel der Läden habe noch geöffnet. Auf der Straße habe er seine Cousinen getroffen, Neunt- und Zehntklässlerinnen, die auf dem Weg zur Schule gewesen seien. „Sie sagten, sie hätten heute eine Prüfung. Ich begleitete sie zur Schule und sah dort, wie viele der Mädchen, acht bis 15 Jahre alt, weinten, völlig verängstigt. Manche schrien: ,Die Taliban kommen, wir wollen nicht mehr zur Schule gehen!’”

Selbst Zarghoon, der bereits als Justiziar für das afghanische Verkehrsministerium gearbeitet hat, weiß nicht, wie es um seine Zukunft bestellt ist. Er studiert an der American University in Kabul, vor wenigen Wochen hat er eine eigene NGO und eine Beratungsfirma gegründet. „Ich bin im letzten Semester. Wenn die Taliban das Land übernehmen, wird die Universität vermutlich für immer geschlossen.“

Jurastudent Masiullah Zarghoon hat Angst, ist aber nicht ohne Hoffnung. Foto: privat Vergrößern
Jurastudent Masiullah Zarghoon hat Angst, ist aber nicht ohne Hoffnung. © privat

Die meisten seiner Freunde würden das Land jetzt verlassen wollen, sagt Masiullah Zarghoon. Er selbst wolle bleiben – in der Hoffnung, dass es eine Übergangsregierung gebe, dann eine Wahl.

„Bis gestern Abend hätten wir nie gedacht, dass die Taliban es so schnell nach Kabul schaffen”, sagt Farzana Kochai am Telefon aus ihrer Wohnung. Die 29-Jährige gehört seit 2019 dem afghanischen Parlament an, zuvor war sie als Frauenrechtsaktivistin bekannt. „Die Taliban können ihr Glück ja selbst kaum fassen.“

In den vergangenen Monaten hätten alle über die Kämpfe mit den Taliban sprechen wollen, über die Zerstörung der Städte, die Rolle der Warlords. „Aber niemand sprach über die Rechte von Frauen. Die Taliban behaupten, Frauen dürften unter ihnen weiter zur Schule gehen, studieren und arbeiten. Es fällt schwer, ihnen zu glauben, wenn sie gleichzeitig Mädchen an ihre Kämpfer zwangsverheiraten.“

Farzana Kochai, Frauenrechtsaktivistin und Abgeordnete.  Foto: privat Vergrößern
Farzana Kochai, Frauenrechtsaktivistin und Abgeordnete.  © privat

Kürzlich habe Kochai ein Interview eines Taliban-Sprechers mit einer Journalistin gesehen. „Als die Taliban es publizierten, schnitten sie das Gesicht der Journalistin ab.“ So sehe die Zukunft der afghanischen Frauen aus. „Wie soll man als Abgeordnete, Journalistin oder Anwältin arbeiten, wenn sie versuchen, dich aus der Gesellschaft zu tilgen?“ Sie sei nicht wütend auf den Westen, sagt die Abgeordnete. „Sie konnten nicht ewig hierbleiben. Der Westen und wir sind gemeinsam gescheitert. Wir haben eine große Chance verpasst – wir, nicht nur Afghanistan.“ Ob sie in Sicherheit sei? „Nein“, sagt Kochai. „Niemand ist in Sicherheit.“

Auch Aref Saboor nicht. In den vergangenen Tagen hat er verfolgt, wie eine Stadt nach der anderen an die Taliban fiel. „Als sie Masar-i-Scharif einnahmen, konnte ich es kaum glauben“, sagt er. „Ich habe dort vier Jahre lang gelebt, dort habe ich meine Frau kennengelernt, dort ist unsere Tochter zur Welt gekommen.“ Masar, sagt Saboor, sei doch 20 Jahre lang strategisch so wichtig für die Nato gewesen, für die Deutschen. „Und jetzt ist die Stadt in wenigen Tagen gefallen.“

Kaum Schatten, keine Toilette, kein fließendes Wasser

Am Morgen hat ihm sein Freund gesagt, er könne nur noch eine Nacht in der Wohnung bleiben, er brauche Platz für seine eigenen Eltern und Geschwister, die aus Tachar im Norden Afghanistans auf dem Weg nach Kabul seien. „Natürlich verstehe ich das“, sagt Saboor. „Aber wir wissen auch nicht wohin.“

Vor ein paar Tagen ist er mit seiner Frau und ihrer Tochter in einen Park in der Innenstadt gegangen, wo viele Vertriebene campieren. „Ich hatte gehofft, dass wir da einen Platz finden und uns von gespendeten Lebensmitteln ernähren können.“ Doch ein Mann, der sich für das Lager verantwortlich erklärte, habe ihnen gesagt, sie sollten verschwinden, es gebe keinen Platz. „Und tatsächlich war dort kaum Schatten, keine Toilette, kein fließendes Wasser“, sagt Saboor. „Das war der Moment, in dem meine Frau anfing zu weinen. Und sagte: Ich habe keine Hoffnung mehr.“

Per Whatsapp erreichen ihn Gerüchte, dass die Bundeswehr unterwegs nach Kabul sei, um Menschen auszufliegen. Dass Deutschland vielleicht sogar ein Flugzeug chartere, um mehr afghanische Ortskräfte wie ihn aus dem Land zu bringen. „Aber selbst wenn sie uns mitnehmen wollten – wie soll das jetzt noch funktionieren?“

Wer ist zuständig für Menschen wie die Saboors?

Innerhalb der Bundesregierung herrscht Uneinigkeit darüber, welches Ressort überhaupt für Menschen wie die Saboors zuständig ist. Das Bundesinnenministerium verwies vergangene Woche auf Anfrage des Tagesspiegels darauf, dass das Verteidigungsministerium generell für den Umgang mit Ortskräften zuständig sei. Das Verteidigungsministerium teilte auf Anfrage mit, man kümmere sich intensiv um die afghanischen Ortskräfte und verfahre „so großzügig wie möglich” bei den Anträgen, wie ein hochrangiger Mitarbeiter dem Tagesspiegel sagte.

Dennoch müsse man sich selbstverständlich an geltendes Recht halten. Und den Rechtsrahmen für den Aufenthalt von Ausländern setze nun einmal das BMI. „Da sind uns dann die Hände gebunden.”

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, die einzige Möglichkeit, Helfer wie Aref Saboor in Sicherheit zu bringen, liege in einer Ausnahmegenehmigung, erteilen könne die nur das Innenministerium. Tagesspiegel-Leser Clemens Beck hatte angeboten, die Kosten für den Flug und für eine Wohnung für Familie Saboor zu übernehmen und bekräftigte seine Hilfsbereitschaft am Sonntag noch einmal.

Bevor Aref Saboor auflegt, sagt er noch, er fühle sich schuldig, weil er für die Deutschen gearbeitet habe. „Wegen dieser Arbeit ist nun unser Leben in Gefahr. Deswegen müssen wir vielleicht sterben.“

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