Tagesspiegel Mobil „Ich würde kein Haus auf Sylt kaufen“

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Die globale Erwärmung beschleunigt sich, fürchtet Deutschlands berühmtester Klimaforscher. Und das hat nicht nur Folgen für den badischen Rotwein.

HansJoachim Schellnhuber,55, ist Direktor der Institute für Klimafolgenforschung in Potsdam und Norwich. Der Physiker berät die deutsche und die britische Regierung. Seit 2005 ist er Mitglied der National Academy of Sciences der Vereinigten Staaten.

Interview: Andreas Austilat und Harald Schumann Foto: Thilo Rückeis Herr Schellnhuber, Monsterstürme in der Karibik, Dauerbrände in Portugal, Eisschmelze an den Polen – vielen macht das Angst, Ihnen auch?

Na ja, ich könnte mich auf den Standpunkt zurückziehen und sagen, das haben wir ja vorhergesehen. Aber das ist genau das Beklemmende. Denn auch wir Klimaforscher hoffen natürlich, dass wir uns irren und irgendwo noch ein natürlicher Effekt auftaucht, den wir übersehen haben, und der uns wie im Märchen der Ritter auf dem weißen Pferd vor dem Schlimmsten bewahrt.

Der Klimawandel verläuft womöglich viel schneller und radikaler als früher angenommen.

Leider ja, manches geht schneller als in den Klimamodellen berechnet, etwa das Abschmelzen des Grönlandeises. Offenbar dringt das Schmelzwasser schon bis auf den Felsengrund und wirkt wie ein Schmiermittel, so dass viel mehr Eis ins Meer rutscht. Das macht mir schon Angst, denn die vollständige Schmelze des grönländischen Eisschilds würde den Meeresspiegel weltweit um fast sieben Meter steigen lassen. Das hieße, wir müssten langfristig 500 Millionen Menschen umsiedeln.

Was heißt langfristig?

Früher haben wir angenommen, das Schmelzen der polaren Eiskappen würde viele Jahrtausende dauern, da haben sogar Klimaexperten abgeschaltet, weil solche Zeiträume sich jeder Politik entziehen. Jetzt sehen wir, dass es vielleicht binnen weniger Jahrhunderte geschehen könnte.

Dann werden wir es ja nicht mehr erleben…

…aber die Einschläge kommen näher.

Womit rechnen Sie für die nächsten zehn Jahre?

Dass sich fortsetzt, was wir jetzt schon beobachten. Einen so heißen Sommer wie in 2003 dürfte es – statistisch gesehen – nur alle zigtausend Jahre geben. Nun werden wir in Deutschland häufiger Temperaturen von 40 Grad erleben, irgendwann werden es dann auch mal 45 Grad. Möglicherweise führt dann die Elbe für einen Monat kein Wasser mehr. Oder dann gibt es dauernd Hurrikane in Brasilien, wie erstmals im vergangenen Jahr geschehen. Kürzlich wurde der erste sogar schon vor Europas Küsten beobachtet.

Andererseits hatten wir einen goldenen Oktober – oder gibt es für Sie gar kein schönes Wetter mehr?

Ich habe es gerne warm, da geht es mir wie vielen anderen. Aber wenn ich ans Baromter klopfe, fällt mir auf, dass Hochdrucklagen immer hochdrücklicher werden, also länger anhalten. So setzen sich Hunderte von Beobachtungen zu einem Bild zusammen. Dazu gehört auch die Reaktion von Pflanzen und Tieren. Schmetterlingsarten aus dem Süden tauchen nun bei uns auf, Blütezeiten setzen früher ein…

…und deutscher Rotwein wird nachweislich besser.

Auch das. Riesling war immer Deutschlands beste Rebsorte, in 50 Jahren wird er hier vermutlich gar nicht mehr angebaut. Zu viel Hitze schadet ihm. Dafür haben wir jetzt schon einen anständigen Pinot Noir. Und einige Winzer versuchen es sogar mit Cabernet Sauvignon, dem Klassiker aus Bordeaux.

Ist Deutschland am Ende ein Gewinner der globalen Erwärmung?

Darauf würde ich mich nicht verlassen. Richtig ist, dass ausgerechnet die Region, die mit der industriellen Revolution und dem massenhaften Ausstoß von Treibhausgasen begonnen hat, nämlich Mitteleuropa, vermutlich am wenigsten hart getroffen wird. Aber bedenken Sie: Bis heute messen wir eine durchschnittliche Erwärmung um 0,6 Grad. Wir wissen aber schon, dass es global mindestens zwei Grad werden. Das wird wahrscheinlich gerade noch zu beherrschen sein. Es könnten jedoch auch sechs Grad werden oder noch mehr.

Ja und, was bedeutet das?

Dann haben wir einen völlig neuen Planeten, und das für Hunderttausende von Jahren. Dann versinkt in Sibirien Infrastruktur im Wert von Billionen Euro im Schlamm der aufgetauten Frostböden. Dann werden die Mittelmeerländer zur unbewohnbaren Wüste. Aus den von Überflutung bedrohten Küstenregionen werden endlose Flüchtlingsströme über die Kontinente wandern, selbst die Supermächte USA und China wird es hart treffen.

Zwei Grad oder sechs – eine sehr große Spannbreite. Das ist der Stoff für Skeptiker wie den Bestsellerautor Michael Crichton, der behauptet, die Klimadebatte sei eine Verschwörung apokalyptischer Ökologen. Und er meint Leute wie Sie. Ärgert Sie das?

Nein, das ehrt mich. Denn es zeigt, dass wir mit unseren Warnungen große Teile der Menschheit erreicht haben. Sonst wäre das Thema ja nicht Bestseller-tauglich. Und selbst wenn wir nur eine 50-Prozent-Wahrscheinlichkeit in unseren Prognosen hätten, was nicht der Fall ist: Würden Sie in ein Flugzeug steigen, wenn der Pilot sagt, mit 50-prozentiger Sicherheit stürzen wir ab?

Trotzdem, warum sind die Prognosen so ungenau?

Weil die Ökosphäre der Erde ein so komplexes System ist, dass es dafür noch kein präzises Modell gibt. Wir können mittlerweile zwar das Klima selbst gut abbilden. Aber es gibt Rückkoppelungseffekte, die wir noch nicht berechnen können, dafür brauchen wir noch mal fünf oder zehn Jahre.

Um welche Effekte geht es da?

Beim Auftauen der Tundra werden vermutlich Milliarden Tonnen Methan frei, das als starkes Treibhausgas wirkt. Das Gleiche könnte an den Abhängen der Kontinente im Meer geschehen, wo Methan im gefrorenen Zustand gebunden ist. So könnte der Treibhauseffekt plötzlich beginnen, sich selbst zu beschleunigen. Noch größer ist die Gefahr durch die Versauerung der Meere, weil die Anreicherung von Kohlendioxid in der Atmosphäre wie eine gigantische Sodamaschine arbeitet und Kohlensäure erzeugt. Das verändert die Artengemeinschaft in den Ozeanen und wir müssen um die biologische Pumpe fürchten. Die räumt bisher durch das Absinken der Schalen von totem Plankton einen beträchtlichen Teil des Kohlendioxids, das die Menschheit in die Luft bläst, aus dem Weg. Wenn diese Pumpe ausfällt, nimmt die Konzentration der Treibhausgase noch schneller zu. Ich könnte Ihnen 20 weitere solcher Effekte nennen.

Sie würden also kein Haus auf Sylt mehr kaufen?

Nein, ganz bestimmt nicht, und auch sonst nirgendwo an der Nordsee.

Wo würden Sie denn Ihr Altersdomizil errichten?

Lieber in den Pyrenäen. Aber es sind ja nicht nur die Küsten, die gefährdet sind. Eigentlich müssen wir beginnen, die gesamte Infrastruktur anzupassen. London zum Beispiel hat seit der verheerenden Flut von 1953 das Themsesperrwerk. Früher wurde das zwei Mal im Jahr geschlossen, um Hochwasser abzuwehren, jetzt kommt das schon 20-mal pro Jahr vor, und es ist völlig klar, dass bald ein neues, weit stärkeres Sperrwerk benötigt wird.

Haben Sie eigentlich persönliche Konsequenzen aus Ihrem Wissen gezogen?

Wenn man genügend Geld hat, gesund ist und gebildet, dann kommt man auch mit dem Klimawandel irgendwie zurecht. Aber das gilt für 98 Prozent der Menschheit nicht. Darum halte ich ein Projekt wie „atmosfair“ für interessant. Bei einer deutsch-britischen Tagung kürzlich gehörte das zum Programm. Für jeden, der mit dem Flugzeug kam, wurde die persönliche Kohlendioxid-Produktion durch Spenden ausgeglichen. Mit dem Geld werden zum Beispiel Garküchen in Indien mit Solaranlagen ausgerüstet.

Haben Sie Ihren persönlichen Beitrag zum Klimawandel mal kalkuliert?

Ja, der ist ziemlich hoch, weil ich selber im Jahr bestimmt 100-mal fliege. Wenn ich das mit dem Lebensstil vergleiche, den ein durchschnittlicher US-Bürger hat, ist er nicht mehr ganz so beschämend. Dort fahren in den besseren Vororten schon 16-Jährige mit dem Jeep um die Ecke in die Schule.

Was für ein Auto fahren Sie denn?

Einen BMW aus der neuen 1er-Reihe. Der verbraucht sechs Liter Diesel, immerhin nur die Hälfte meines vorherigen Wagens.

Und wenn man aufs Auto verzichtet, ist das mehr als eine Geste? Oder kommt es auf Einzelne nicht an?

Doch, aber es sollte dazu beitragen, eine ganze Stadtkultur zu verändern. In Oxford kommen Sie in die Innenstadt mit dem Auto nicht rein. Stattdessen gibt es gute Busverbindungen. Wenn man erst mal begonnen hat, das zu nutzen, dann genießt man es. Es hat auch keinen Sinn, von den Leuten ständig zu verlangen, dass sie auf Lebensqualität verzichten. Es müssen intelligente Systeme gefunden werden, an denen man Spaß hat.

Wie Sie das skizzieren, geht es nur um die Durchsetzung neuer Technologien. Brauchen wir nicht einen anderen Lebensstil?

Natürlich, aber der muss uns schmackhaft gemacht werden. Es hat keinen Sinn, den Menschen zu sagen, tut Buße und lasst ab von diesem unmoralischen Leben.

Aber selbst wenn wir uns anstrengen, in China ist der Ausstoß an Treibhausgasen allein im Jahr 2004 um die gleiche Menge gestiegen, wie sie in Deutschland insgesamt anfällt.

Gewiss ist China derzeit auf einem Weg, der für den Planeten eine Bedrohung darstellt. Aber die Chinesen sind unglaublich lernfähig und die Eliten denken viel langfristiger, als wir das lange getan haben. Außerdem weiß ich vom Präsidenten der chinesischen Akademie der Wissenschaften, dass sie begriffen haben, sie können dieses Wachstum in ihrem Energieverbrauch schon aus finanziellen Gründen nicht aufrechterhalten. Sie werden bald auf erneuerbare Energien setzen.

Sie setzen sich seit 14 Jahren als Politikberater für den Klimaschutz ein. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, das Engagement ist völlig aussichtslos?

Oft sogar. Was mir vor allem Sorgen macht, sind die verschiedenen Geschwindigkeiten: Der Klimawandel beschleunigt sich, die Politik bleibt langsam. Man wird die Amerikaner bestimmt irgendwann überzeugen, und dann wird ein Richtungswechsel möglich. Aber die Frage ist, ob das nicht zu spät ist. Wir setzen jetzt Prozesse in Gang, die unumkehrbar sind, etwa die Versauerung der Meere.

Das Protokoll von Kyoto ist immerhin in Kraft getreten, sogar gegen den Willen der Amerikaner.

Das war politisch gewiss ein Erfolg, aber nicht mal die Europäer halten sich an den Vertrag. Spanien, Portugal und Italien liegen schon weit über den festgelegten Emissionsgrenzen. Inzwischen habe ich Zweifel, ob der Versuch, mit allen UNO-Mitgliedstaaten gemeinsam voranzukommen, ob dieser multilaterale Ansatz noch Sinn ergibt.

Aber er geht doch weiter. In vier Wochen beginnen die Vertragsstaaten im kanadischen Montreal sogar über noch strengere Maßnahmen zu verhandeln.

Ich erwarte nicht viel davon. Wir bräuchten ja einen Konsens, wie die erlaubten Emissionen weltweit verteilt werden sollen. Also wer muss weniger ausstoßen, und wer darf zulegen, vor allem in den Entwicklungsländern. Viel mehr Hoffnung machen mir Initiativen wie das US-Städtebündnis, in dem mehr als 100 Großstädte aus freien Stücken mehr Einsparungen erzielen wollen, als im Kyotovertrag vorgesehen. Wir brauchen einen Zusammenschluss solcher Initiativen, eine andere „Koalition der Willigen“ als die von Präsident Bush.

Nennen Sie uns doch mal eine vorbildliche Stadt.

Sehr erfolgreich ist Woking, ein Vorort von London, der in zwölf Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid um fast 80 Prozent gedrückt hat.

Wie das?

Die haben Wärmepumpen installiert, Solartechnik genutzt und Strom aus Müll erzeugt. Man kann eben mit schon existierenden Technologien unglaubliche Erfolge erzielen. Wir brauchen gar keine mirakulösen Erfindungen. Wir müssen aber die Investitionen in den Aufbau dieses neuen Energiesystems umlenken – im Sinne einer zweiten Industriellen Revolution. Die muss uns in den nächsten 20 Jahren gelingen, wenn wir noch am Schlimmsten vorbeischrammen wollen.

Die meisten Großunternehmen verweigern sich dem.

Möglicherweise wird die Schlacht um den Klimaschutz in den Vorstandsetagen verloren. Aber ich sehe eine Chance von zehn oder 20 Prozent, dass es nicht so kommt. Dafür lohnt sich immer noch der Einsatz. Und wenn wir dort gar nicht vorankommen, müssen wir eben neue Wege gehen. Vielleicht wäre es eine interessante Idee, einfach die nationale Sicherheit zu privatisieren und stattdessen den Umbau der Energiesysteme zur obersten Staatsaufgabe zu machen.

Sie rufen nach der Politik, aber im Wahlkampf spielte das Thema Umwelt trotz Hurrikan Katrina allenfalls eine Nebenrolle.

Im Wahlkampf wird der Bürger auf den Homo oeconomicus reduziert, der sich bange fragt, was er in den nächsten vier Jahren im Geldbeutel haben wird. Da ist zwischen Politik und Wählerschaft ein Kartell der Verdrängung entstanden. Ich vermute, wir bekommen nun eine große Koalition zur Ausblendung der Klimaproblematik. Meine einzige Hoffnung ist Angela Merkel.

Weil sie auch Physikerin ist wie Sie?

Nein, weil sie Umweltministerin war und zum Beispiel in Kyoto dabei. Sie hat das Problem gut verstanden und damals sehr strategisch agiert. Sie hat eine Klimageschichte, diese Dame. Aber sie ist wohl die Einzige in diesem Kabinett.

Wenn Sie so fest davon überzeugt sind, dass die Menschheit in größter Gefahr schwebt, warum sind Sie nicht selbst politisch aktiv?

Es gibt Wissenschaftler, die Aktivisten werden. Mein Platz dagegen ist in der Forschung. Ich hoffe, dass ich mit hoher wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit auf die Probleme hinweisen kann. Wenn alle Leute mit meinen Talenten sich Greenpeace oder Parteien anschließen, dann entstünde eine Lücke. Wenn ich mit der Welt als junger Mann hätte anders umgehen wollen, dann wäre ich Politiker geworden, oder, was ich gern gemacht hätte, Schriftsteller. Vielleicht schreibe ich irgendwann den großen Roman.

Und der wird ein Gegenentwurf zu Crichton?

Eher ein Kriminalroman mit quantenlogischem Hintergrund. Ich weiß nur noch nicht, wie ich die Erotik mit der theoretischen Physik verheirate. Aber das steht zurzeit nicht an. Meine jetzige Rolle steht in der Tradition der Aufklärung, die nur eine neue Qualität angenommen hat.

Jetzt werden Sie pathetisch!

Stimmt aber trotzdem. Nur muss der Mensch heute nicht mehr von den Fesseln seines Unwissens befreit werden, um eine dekadente herrschende Klasse zu stürzen. Sondern jetzt wird der Menschheit die Frage nach der von ihr selbst gesteuerten Evolution gestellt. Bei der sie sich entweder neu erfindet oder zerstört.

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