Tagesspiegel Mobil „Ich plädiere für den Elfenbeinturm“

-

Donna Leon könnte ein rundum glücklicher Mensch sein – wäre da nicht dieser Rapper Eminem. Und die Autos in Venedig. Und ihr Landsmann Donald Rumsfeld. Wo findet sie Trost? Bei Händel.

Ihre Krimis mit der Hauptfigur Commissario Brunetti zählen zu den großen Bestsellern der vergangenen Jahre: Dabei hat Donna Leon, 60, erst mit 50 angefangen, Bücher zu schreiben. Seit Ende ihres Studiums hat sich die Amerikanerin ständig im Ausland aufgehalten, seit Anfang der 80er Jahre lebt sie in Venedig, dem Tatort aller BrunettiRomane. In Vicenza unterrichtet Leon bis heute amerikanische Literatur an einer Außenstelle der Universität Maryland. Nun ist bei BMG Classics eine Händel-CD erschienen, die von der passionierten Opern-Liebhaberin präsentiert wird.

Interview: Christine Lemke–Matwey und Helmut Schümann; Foto: Bernd Hartung Frau Leon…

…Stopp! Kennen Sie Eminem? Ich kannte ihn nicht, dann habe ich im „New Yorker“ etwas über ihn gelesen, mit Auszügen aus seinen Texten. Schrecklich! Gewaltverherrlichend! Gewalt gegen Frauen! Gewalt gegen Kinder! Wer hört sich so etwas an?

Die Jugend.

Das ist entsetzlich. Der blanke Horror.

Sie fürchten schlechten Einfluss?

Ich sage ja nicht, dass aus allen Eminem-Hörern Monster werden. Oder dass Leute wie ich, die Eminem nicht kennen, die besseren Menschen sind. Aber wird man glücklich, wenn man sich solche Texte anhört? Ich war wirklich geschockt, und dazu braucht es einiges.

Könnte es sein, dass Gewalt für viele Menschen heute zum Alltag gehört?

Ganz sicher gehört sie dazu. Aber darf man sie deswegen verherrlichen? Eminem, soweit ich ihn begriffen habe, predigt Gewalt gegen Frauen. Die Geschichte hat oft genug gezeigt, dass man erst schlecht über Minderheiten redet, um dann handgreiflich zu werden und gegen sie vorzugehen. Keine Gesellschaft, nicht einmal die amerikanische, würde Eminem erlauben, in dieser Art und Weise über Schwarze oder Juden zu sprechen, aber es nimmt offenbar niemand Anstoß daran, dass er Gewalt gegen Frauen fordert.

Vielleicht verbirgt sich dahinter eine Art Katharsis: Indem ich das Böse ausspreche, banne ich es.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Art von Musik irgendetwas Klärendes hat. Ich höre sie mir nicht an, aber ich kriege oft genug mit, was aus den Walkmen meiner Mitmenschen kommt: datatatata, das ist nichts anderes als Marschmusik. Kriegsmusik.

Frau Leon, eigentlich wollten wir mit Ihnen über das alte Europa reden und die neue Zeit.

Dann sind wir ja mittendrin: Eminem ist die neue Zeit, Händel das alte Europa.

Sie gelten als Opernmaniac und haben gerade eine Händel-CD mit herausgegeben: Es ist wohl keine Frage, wen Sie bevorzugen.

Nein, das ist wirklich keine Frage. Eminem macht mir Angst, Händel macht mich glücklich.

Und was ist Glück?

Oh! Mhmm! Ich glaube, Glück ist ein allgemeines Gefühl von, sagen wir, Optimismus. Wenn ich glücklich bin, blicke ich optimistisch aufs Leben als Ganzes. Wenn ich glücklich bin, glaube ich, dass die schlechten Dinge des Lebens schnell vorübergehen. Glück ist ein positives Gefühl zur Welt um mich herum.

Dann müssen Sie derzeit sehr unglücklich sein. Die Welt gibt nicht wirklich Anlass zum Optimismus.

Verstehen Sie mich nicht falsch, das war meine persönliche Definition von Glück. Außerdem wurde ich sozusagen glücklich geboren, ich habe glückliche Gene. Ich bin zum Beispiel sehr glücklich, wenn ich in der Oper sitze und Musik hören kann, meistens jedenfalls. Kennen Sie Nigel Lowerys Inszenierung von Händels „Rinaldo“, die an der Berliner Staatsoper zu sehen war…

Sie schweifen ab…

…hinreißend, eine absolut hinreißende, glücklich machende Aufführung! Oder haben Sie gesehen, wie er vor zwei Jahren in Innsbruck in Händels „Partenope“ den Krieg der Christen gegen die Sarazenen auf die Bühne gebracht hat, mit kleinen Stofftieren, die gegeneinander in die Schlacht ziehen? Fantastisch!

Frau Leon!

Nein, ich schweife überhaupt nicht ab, im Gegenteil. Der Krieg der Kuscheltiere: Das ist der Humor, das ist die Distanz, die Händel meinte, und die unserer heutigen Welt auf so tragische Weise fehlt. Jeder setzt sich absolut, ganz gleich, ob er Christ ist oder Moslem. Wir haben kein Religionsproblem, wir haben ein Problem mit religiösem Fanatismus und mit Aggression. Insofern ist meine Vision von der Zukunft dieses Planeten so schwarz, wie es schwärzer gar nicht geht.

Ist es nicht naiv, den Krieg an Kuscheltiere zu delegieren, und sei es auch nur auf einer Opernbühne?

Was meinen Sie mit „nur“?

Versuchen wir es anders: Sie glauben an die Oper. Würden Sie sich als naiv bezeichnen?

Sagen wir so: Mein Zugang zu Händel und zur klassischen Musik ist ganz bewusst der einer Liebhaberin und Ignorantin. Ich weiß buchstäblich nichts über die Musik, die ich höre, ich will auch nichts über sie wissen. Aber mein Blick auf die Welt ist nicht naiv. Ich bin eine manische Leserin. Sobald ich meine Augen aufschlage, richten sie sich auf Geschriebenes. Ich bin 18 Stunden am Tag wach, acht davon beschäftige ich mich mit Geschriebenem. Da findet die Realität schon Eingang, ich lebe nicht unter einer Kunstglasglocke.

Und wie verbinden Sie die Welt Händels mit der, über die Sie täglich lesen oder schreiben?

Das sind zwei verschiedene Planeten. Ich bin froh, den einen Planeten hin und wieder verlassen zu können.

Ein Plädoyer für den Elfenbeinturm?

Unbedingt.

Was kann der schöne Planet, der der Oper und der Musik, den anderen lehren?

Kunst kann gar nichts lehren. Und um Ihnen das Wort gleich aus dem Mund zu nehmen: Kunst macht auch nichts besser in dieser Welt.

Wozu ist sie dann gut?

Keine Ahnung, damit wir uns okay fühlen vielleicht. Was soll uns Kunst lehren?

Wie Menschen miteinander umgehen zum Beispiel, oder dass Liebe die Welt regiert…

Ich bitte Sie, sind das die richtigen Zeiten, um ernsthaft zu behaupten, dass Liebe die Welt regiert? Und wenn ich etwas über Politik erfahren will, über Gesellschaftsformen früherer Jahrhunderte, über Macht und Eroberungsgelüste, dann gehe ich doch nicht in Händels „Theodora“…

…ein Opern-Oratorium, in dem, wie meistens bei Händel, genau das verhandelt wird…

…dann lese ich doch Christopher Marlowe! So sehr ich beispielsweise Peter Sellars „Theodora“-Interpretation schätze, ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, damals in Glyndebourne…

Frau Leon, Sie schweifen wieder…

Okay, okay. Also aus Marlowes Büchern kann ich wirklich etwas lernen. Kunst aber macht Freude, vielleicht macht sie uns manchmal sogar froh. Nicht mehr und nicht weniger.

Alexander Kluge hat die Oper einmal als Kraftwerk der Gefühle bezeichnet. Das heißt doch: Ich kann hier etwas über mich selbst lernen und über meine Emotionen.

Verraten Sie mir bei Gelegenheit mal, wie das geht? Die einen stehen vor Mondrian und sagen, das ist doch gaga, und dann stehen sie vor Chagall und sagen, oh, wie wunderhübsch. Wo ist da die Botschaft, wo die Lehre? Kunst erlaubt uns einen Einblick in die Welt, aber sie bringt uns nichts bei.

Ist das jetzt der typisch amerikanische Pragmatismus, der in Ihnen hochkommt? Wir alten Europäer sind doch so stolz auf unsere Aufklärung, auf die Werte der Kultur und des Humanismus.

Ich auch und Sie werden mich nicht in einen Topf kriegen mit Mister Rumsfeld. Dass ich der Kunst keinen Lehrauftrag zuspreche, hat nichts damit zu tun, dass ich das alte Europa nicht für die Heimat der westlichen Kultur halte. Es ist die Heimat der Musik, der Architektur, der Malerei, alles Dinge, für die sich Mister Rumsfeld nicht die Bohne interessiert.

Was ist westliche Kultur?

Christentum, eine gewisse Ethik, die griechische Philosophie. Das hat alles geprägt, von der Kunst über die Spiritualität bis zur Politik. Westliche Kultur beinhaltet zum Beispiel den Glauben an feste, gesicherte Regierungsformen. Und an repräsentative Regierungen.

Und was ist der Unterschied zur neuen Welt?

Alles, was Leute wie Mister Rumsfeld so sagen.

Geht es konkreter? Was ist amerikanische Kultur?

Keine Ahnung, ich lebe seit 35 Jahren nicht mehr dort. Die einzigen Verbindungen, die ich nach Amerika habe, sind in New York, und New York ist nicht Amerika, New York ist eine Insel, wahrscheinlich irgendwo in Europa. Ach was, New York ist definitiv eine britische Insel. Da gibt es auch keine Affinitäten zu Amerika, Amerika mag New York nicht. Ich weiß wirklich nicht, was Amerika denkt. Ich habe vor ein paar Tagen eine E-Mail von meiner Schwägerin bekommen, die in New Jersey lebt. Sie beklagte sich darüber, dass CNN Nachrichten zeigt, die die Regierung nicht wünscht.

Und? Was haben Sie geantwortet?

Ich habe sie gefragt, ob sie einer Regierung trauen will, die bestimmt, was in den Nachrichten vorkommt und was nicht? Ich habe das Gefühl, dass die Amerikaner sehr, sehr sensibel sind, was Propaganda und Zensur in anderen Ländern angeht. Nur im eigenen Land ist diese Sensibilität nicht sehr ausgeprägt.

Sie selber haben weiterhin einen amerikanischen Pass?

Natürlich, ich würde nie einen anderen akzeptieren. Ich bin Amerikanerin, meine Sprache ist amerikanisch, mein Sinn für Humor ist amerikanisch, ebenso wie mein Verständnis von harter Arbeit und mein Faible für ein gewisses Fair Play. Und meine Vorurteile.

Nur Ihr Name, Donna Leon, der ist nicht amerikanisch, der klingt geradezu künstlich anti-amerikanisch.

Ist er aber nicht. Mein Vater war Spanier, meine Mutter hatte irisch-deutsche Wurzeln.

Sie leben seit über 20 Jahren in Italien.

Ich liebe dieses Land, weil es schön ist, und weil es für die Italiener wichtig ist, schön zu sein, Schönheit zu zeigen. Ich will an einem Platz in der Welt sein, wo auf Ästhetik Wert gelegt wird, deswegen liebe ich Venedig. Es macht mich unglücklich, von Dingen umgeben zu sein, die hässlich sind. Mal abgesehen davon, dass ich wie alle Venezianer keine Autos ertragen kann.

Mit Verlaub, Ihr Italienbild ist ein einziges Klischee.

Aber ja! Es ist absolut oberflächlich. Genau das ist das Geheimnis Italiens, darum wird dieses Land beneidet: Kein Italiener hat ein Problem damit, oberflächlich zu sein. Das ganze Leben ist oberflächlich!

Haben Sie nie Sehnsucht nach Tiefe?

Doch, natürlich! Aber das eine schließt das andere doch nicht aus. Sie können Händel lieben und gleichzeitig…

…Wagner?

O Gott, nein, das nicht. Aber Puccini zum Beispiel. Oder Donizetti. Kennen Sie die Opern des Belcanto, kennen Sie „Anna Bolena“? Das ist, als würde man gegen Hunger eines riesiges Eis „Coupe Denmark“ essen. Es schmeckt lecker – aber es macht nicht satt.

In Ihren Büchern begegnet dem Leser ein ganz anderes Italien, ein schmutziges, korruptes. Das echte, wahre?

Ach, das ist eine Frage des Genres, das muss in Krimis so sein. Letztlich sind das natürlich auch Klischees.

Sie sind Autorin, Sie können sich in Ihren Büchern die Welt so schaffen, wie Sie sie sich wünschen.

Ich bin eher zufällig Schriftstellerin geworden. Nach einem Opernbesuch hatte ich die Idee, über ein Mordkomplott zu schreiben. Das habe ich dann auch getan - und prompt habe ich einen Vertrag über zwei weitere Bücher in den Händen gehalten. Aber ich wollte das nie, es war nie mein Ehrgeiz, Bestsellerautorin zu werden. Überhaupt: Ehrgeiz muss etwas Höllisches sein. Dieses Getriebensein, diese ewige Unzufriedenheit. Mir ist das vollkommen fremd, und ich glaube, das ist ein Geschenk, eine Gnade.

Nun führen Sie ein ziemlich privilegiertes Dasein.

Das Geld hat mein Leben nicht wirklich verändert.

Liebe Frau Leon, das sagen alle, die es haben.

Ich bin 1942 geboren, vielleicht ist das der Grund, dass ich erfahren habe und bis heute weiß, was genug ist. Ich hatte immer genug, ich hatte eine Zeitlang vielleicht nicht viel, aber genug. Ich hatte eine Wohnung, einen Job, Freunde, ich konnte reisen. Und nun habe ich mehr, aber das hat mein Leben nicht verändert. Ich fahre ein 15 Jahre altes Auto, ich reise für Opern um die ganze Welt, was zugegebenermaßen teuer sein kann und ein Luxus, aber sonst kenne ich keine materiellen Gelüste. Und das ist in seiner Konsequenz, glaube ich, ziemlich unamerikanisch.

Hat Ihre Liebe zum alten Europa sentimentale Gründe?

Es hat in der Tat nicht viel gebraucht, um mein Herz zu brechen. Das allererste Mal bin ich mit dem Schiff nach Europa gefahren. Wie Christoph Kolumbus. Meine italienische Schulfreundin und ich, wir kamen im Hafen von Neapel an – und es war um mich geschehen. Ich wusste sofort, dass ich dieses Land und diese Leute lieben würde. Ihre Offenheit, dieses Ich-habe-dich-noch-nie-in-meinem-Leben-gesehen- aber-mein-Haus-ist-dein-Haus.

Denken Sie nie daran, nach Amerika zurückzugehen?

Nein. Und zwar nicht, weil ich etwas gegen Amerika hätte, sondern weil ich ja auch nicht nach Rumänien oder Bolivien ziehen würde. Das sind Länder, sorry, die mich einfach nicht interessieren.

Was ist Heimat für Sie?

Heimat: meine Freunde, meine venezianische Ersatzfamilie. Heimat, das sind Menschen, deren Liebe und Loyalität für mich außer Frage steht. Das ist ja wiederum das Wunderbare an Italien, dass die Familie – wie immer man sie definiert – dort vielfach noch intakt ist. Ich greife ein Beispiel aus der Luft: Tante X hat immer nur genervt, und keiner konnte sie ausstehen, aber wenn sie alt und krank und hilflos ist, dann habe ich keine Wahl. Dann helfe ich ihr. In diesem Sinne ist Heimat auch ein großes Stück des Glücks.

Zurück zur neuen Zeit. Es gibt Historiker, die sagen, dass die Supermacht Amerika in ihrer Autorität geschwächt aus dem Irak-Krieg hervorgegangen sei. Andere behaupten, Europa ist am Ende. Was stimmt?

Das weiß ich nicht. Ich weiß: Das große Problem der Zukunft wird die Erwärmung der Erdatmosphäre sein.

Aha?

Ich bin keine Meteorologin und keine Klimaforscherin, aber ich habe den letzten UN-Bericht gelesen und ich glaube, was da drinsteht. Unser Wahn, immer mehr und immer größere Autos, Häuser und Klimaanlagen haben zu wollen, wird uns zerstören. Was die Menschen einmal besitzen, geben sie nicht mehr her. Solange wir daraus keine Konsequenzen ziehen, bleiben wir verdammte Öl-Junkies. Und demnächst auch Wasser-Junkies. Das heißt: Krieg wird weiter unvermeidlich sein. Als letztes oder als erstes Mittel.

Wo bleibt Ihr Optimismus?

Mein Leben ist ja trotzdem schön.

Und das ist nicht zynisch?

Nein! Solange ich selber verantwortlich lebe, solange ich das, was ich tun kann, wirklich tue, solange darf ich so sprechen. Zum Beispiel benutze ich, wo es geht, öffentliche Verkehrsmittel. Ich gehe mit Wasser äußerst sparsam um. Ob das, global gesehen, einen Unterschied macht? Natürlich nicht, es ist lächerlich.

Wenn wir Sie richtig verstanden haben, dann schützt die Oper vor dem Leben, indem sie damit nicht allzu viel zu tun hat. In welche Oper würden Sie George W. Bush und Donald Rumsfeld am liebsten schicken?

In keine, das wäre verlorene Liebesmüh’. Wenn Sie gefragt hätten, in welcher Oper sollten die beiden mitspielen, hätte ich geantwortet: irgendetwas mit einem großen dampfenden Autodafé… „Hänsel und Gretel“ vielleicht oder „La fanciulla del West“ von Puccini oder Adams’ „The Death of Klinghoffer“. In jedem Fall bräuchten diese Gentlemen ein Stück, in dem die einen klar die Guten sind und die anderen klar die Bösen. Bloß nichts Ambivalentes!

Also doch besser zwei Tickets für Eminem?

Yeah. Genau.

Zur Startseite