Zum Staunen: Der Fischschwarm auf dem Vorhang reagiert auf Bewegungen der Besucher:innen. Foto: Humboldt-Universität / Philipp Plum
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Humboldt Forum, Teil V Wundert euch!

Dorothee Nolte

"Nach der Natur“, die Ausstellung der Humboldt-Universität, erkundet die komplexen Beziehungen zwischen Mensch, Forschung und Umgebung.

Alles ist Wechselwirkung: „Nach der Natur“, die Ausstellung der Humboldt-Universität, erkundet die komplexen Beziehungen zwischen Mensch, Forschung und Umgebung. Was tun gegen Artensterben, Umweltzerstörung, Klimawandel – und was hat die Krise der Demokratie damit zu tun? Vier Perspektiven auf die Ausstellung.

Gorch Pieken, leitender Kurator der Ausstellung. Foto: privat Vergrößern
Gorch Pieken, leitender Kurator der Ausstellung. © privat

Mit der Ausstellung „Nach der Natur“ wollen wir Wissenschaft zugänglich machen und dabei nicht nur den Kopf, sondern auch die Gefühle ansprechen. Schließlich hat schon Alexander von Humboldt gesagt, dass die Natur gefühlt werden muss! Die Sammlungen der Humboldt-Universität gehen auf die Kunst- und Wunderkammer des alten Stadtschlosses zurück, und auch unsere Ausstellung möchte mit der Methode „Staunen“ die Neugier instrumentalisieren.

Zum Beispiel mit dem Vorhang, auf dem ein Fischschwarm auf die Bewegungen der Besucher:innen reagiert: der nicht nur Spaß macht, sondern auf die Verletzlichkeit von Ökosystemen verweist und der dazu anregt, über das Verhältnis von Mensch und Natur nachzudenken. Der Titel „Nach der Natur“ hat eine zeitliche Dimension: Wir leben in einer Epoche der Naturzerstörung. Und er hat eine relationale Bedeutung, im Sinne von „zeichnen nach der Natur“. Wie können wir von der Natur lernen, etwa Technologien und Kreisläufe entwickeln, die ohne Abfall auskommen? Damit eng verbunden sind politische Fragen: Welche Gesellschaften sind lernfähiger, autoritäre oder liberale?

An der Diskussion können sich die Besucher:innen auch in der Ausstellung beteiligen – denn alle unsere Vitrinen können auf Knopfdruck unter die Decke gezogen werden und somit die Ausstellung in einen gläsernen Hörsaal verwandeln. Wissenschaft ist Austausch, Vernetzung, Dialog – und diese Ausstellung ist Wissenschaft in Praxis.

Gorch Pieken (60) ist Historiker und Filmproduzent. Er war von April 2018 bis Dezember 2020 leitender Kurator des Humboldt Labors am Humboldt Forum.

Giulia Silberberger hat den Negativpreis "Der goldene Aluhut" ins Leben gerufen. Foto: privat Vergrößern
Giulia Silberberger hat den Negativpreis "Der goldene Aluhut" ins Leben gerufen. © privat

Ich arbeite viel mit Menschen, die in Krisen stecken, am Rande der Gesellschaft leben und anfällig sind für Verschwörungsideologien. Ob die in so einer Ausstellung ihre wissenschaftsfeindliche Haltung überdenken? Keine Ahnung – ich glaube eher nicht, die gehen gar nicht hin. Aber ich setze große Hoffnungen auf die Schulklassen: Im Humboldt Labor können Kinder sehen, was Wissenschaft ist, und das nehmen sie mit nach Hause, auch wenn ihre Eltern zum Beispiel Corona-Leugner sind.

Bei mir war es jedenfalls so: Meine Mutter war Zeugin Jehovas, ich habe als Kind und Jugendliche in einer Sekte gelebt und weiß, wie es ist, manipuliert zu werden. Aber auch in dieser Zeit haben mich die Wissenschaft, Museen, Planetarien fasziniert: Wow, der Sternenhimmel, die Menschheitsgeschichte, die Paläontologie! An dieser Leidenschaft habe ich immer festgehalten, das hat mich da durchgetragen. Im Geheimen habe ich Wissenschaftssendungen geguckt.

Deswegen habe ich mich gefreut, dass ich bei der Eröffnung des Humboldt Labors sprechen durfte. Ich finde die Ausstellung kurzweilig, toll ist zum Beispiel der Vorhang mit dem Fischschwarm, der auf den Betrachter reagiert. Es ist so wichtig, Begeisterung für Wissenschaft zu vermitteln! Vielleicht kommen Leute her, die etwas über die Klimakrise lernen wollen, und wenn sie später Schwurblern begegnen, haben sie Argumente gegen sie. Sie sind dann gewissermaßen geimpft – und infizieren sich gar nicht erst mit dem Schwurbler-Virus.

Giulia Silberberger (40) ist Geschäftsführerin und Gründerin von „Der goldene Aluhut“, ein gemeinnütziges Unternehmen, das den gleichnamigen Negativpreis für die „Verschwörungstheorie des Jahres“ verleiht.

Rusalka Galinat studiert Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Foto: privat Vergrößern
Rusalka Galinat studiert Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. © privat

Seit knapp zwei Wochen lebe ich in dem Klimagerechtigkeitscamp neben dem Haus der Kulturen der Welt und werde dort bis zum globalen Klimastreik am 22. Oktober bleiben. Es ist eine tolle Erfahrung, im Camp so viele Menschen zu erleben, die wirklich etwas verändern wollen. So wie bisher können wir als Gesellschaft nicht weiter leben und wirtschaften! Allein dass wir immer noch von „Umwelt“ sprechen statt von „Mitwelt“: als wenn wir Menschen außerhalb der Natur stünden. Das sind die Themen, die mich interessieren, wenn ich in eine Ausstellung gehe.

Ich war anderthalb Stunden im Humboldt Labor, aber ich hätte noch mehr Zeit gebraucht: so viel Text! Man darf nicht den Anspruch haben, alles lesen zu wollen, sondern muss sich entscheiden, in welches der Objekte man sich vertieft. Sehr interessant fand ich den großen Bildschirm, auf dem Wissenschaftler:innen des Exzellenzclusters „Contestations of the Liberal Script“ (Herausforderungen an das liberale Skript) über Demokratie, Freiheit und unsere Art zu wirtschaften sprechen. Das Wort „Skript“ kannte ich in dem Zusammenhang noch nicht, aber es gefällt mir: Es ist leichter zu greifen als Wörter wie „westliches Wertesystem“ oder „Liberalismus“ und vermittelt eher den Eindruck, dass sich dieses Skript auch verändern lässt. Und darum geht es ja jetzt: dass wir als Gesellschaft Wege finden, ressourcen- und klimaschonend zu leben. Die Ausstellung wirkt auf mich motivierend, sie vermittelt Hoffnung, dass wir mit Hilfe der Wissenschaft solche Wege finden können.

Rusalka Galinat (23) studiert im fünften Semester Landschaftsnutzung und Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE).

Sylvi Chakkalakal ist Professorin für europäische Ethnologie. Foto: privat Vergrößern
Sylvi Chakkalakal ist Professorin für europäische Ethnologie. © privat

Für mich ist das Humboldt Labor ein Ort der Auseinandersetzung. Es zeigt, mit welch vielfältigen Themen sich Wissenschaft beschäftigt, und reflektiert den Prozess der Wissensproduktion. Gleich zwei studentische Projekte vom Institut für Europäische Ethnologie haben sich am Labor beteiligt. Bachelor-Studierende haben ein Semester lang zum Thema Bildungsungleichheit geforscht. Dabei sind drei Filme zum studentischen Alltag entstanden, die jetzt in der Ausstellung zu sehen sind.

Ein Master-Studienprojekt hat drei Semester lang das Making-Of der Ausstellung „Nach der Natur“ aus europäisch-ethnologischer Sicht begleitet: In teilnehmender Beobachtung, Interviews und kollaborativen Sitzungen haben die Studierenden mit den Kurator:innen und mit beteiligten Wissenschaftler:innen gesprochen. Sie haben das größere Umfeld mit in ihre Untersuchungen einbezogen, vom Förderkreis Berliner Schloss über die Stiftung Humboldt Forum bis zu aktivistischen Kontexten und musealen Debatten. Auch die universitären Sammlungen besitzen schwieriges Erbe, manche sind mit dem Kolonialismus und auch dem Nationalsozialismus verbunden. Gemeinsam mit den Kurator:innen setzten sich die Studierenden auch mit den ethischen Fragen auseinander: Wie kann man überhaupt verantwortungsvoll ausstellen und vermitteln? In den Forschungen ist klar geworden, dass wir den Ausstellungsraum Humboldt Labor keinesfalls als Ort letzter Wahrheiten begreifen sollten, sondern als einen Raum der konstanten Befragung.

Silvy Chakkalakal (42) ist Juniorprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie und am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin.

Dieser Artikel ist Teil einer Themenspezial-Serie zum Humboldt Forum. Alle Texte wurden aufgezeichnet von Dorothee Nolte.

Teil I: (3) Serie Humboldt Forum, Teil 1: Hallo, Nachbar! - Zeitung Heute - Tagesspiegel

Teil II: (5) Humboldt Forum, Teil II: Offene Türen - Zeitung Heute - Tagesspiegel

Teil III: (3) Serie Humboldt Forum, Teil III: Warum Humboldt? - Zeitung Heute - Tagesspiegel

Teil IV: (3) Serie Humboldt Forum, Teil IV: Bildung für alle - Zeitung Heute - Tagesspiegel

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