Bitte eintreten, bitte durchlaufen, bitte wiederkommen: die "Tresortür" in der Berlin Global-Ausstellung und das Portal III. Fotos: Alexander Schippel (Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss)
© Fotos: Alexander Schippel (Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss)

Humboldt Forum, Teil II Offene Türen

Dorothee Nolte

Endlich mal reinschauen: Ab dem 20. Juli können Berliner und Touristen auch das Innere des Humboldt Forums entdecken. Vier Perspektiven.

Endlich mal reinschauen: Ab dem 20. Juli können Berliner und Touristen auch das Innere des Humboldt Forums entdecken. Sechs Ausstellungen werden an diesem Tag eröffnet, für Kinder, für Berlin-Fans, für wissenschaftlich Interessierte. Vier Perspektiven – auf Türen und die Magie des Durchschreitens.

Thomas Herrmann (58) leitet das Facility Management im Humboldt Forum. Der Dipl.-Ing. für Versorgungstechnik ist seit 2009 für die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss tätig. Foto: privat Vergrößern
Thomas Herrmann (58) leitet das Facility Management im Humboldt Forum. Der Dipl.-Ing. für Versorgungstechnik ist seit 2009 für die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss tätig. © privat

Türen auf, das sagt sich leicht. Aber wir haben im Humboldt Forum mehrere tausend Türen und im Inneren Kunstschätze von höchstem Wert, da braucht es ein ausgeklügeltes System. Schließlich sollen sich die Besucher möglichst frei bewegen und die Mitarbeitenden an ihre Arbeitsplätze gelangen, und gleichzeitig müssen die Kunstschätze vor Diebstahl und Beschädigung geschützt sein. Sie werden es beim Besuch nicht gleich merken, aber in jeder Tür, auch in einer barock anmutenden Holztür, steckt eine elektronische Sicherung bzw. Schließanlage. Wir haben über 2000 programmierbare Schließzylinder und mehrere hundert Schlüssel, mit denen wir sicherstellen können, dass jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin genau die Türen öffnen kann, die sie für ihre Arbeit braucht – aber nicht die Türen der anderen Abteilungen. Diese Schlüssel sehen aus wie normale Schlüssel, sind also keine Chipkarten wie im Hotel, aber sie enthalten die Programmierung. Das auf jeden Einzelnen abzustimmen, hat uns ganz schön Nerven gekostet! Die Schlüssel für die Reinigungskräfte werden jeden Tag neu programmiert.

Die Hauptsache ist: Das Gebäude soll einladend wirken. Die vier Portale zur Nord- und Südseite hin sind nicht verschließbar, denn die Passage zwischen Breiter Straße und Lustgarten und der Schlüterhof sollen rund um die Uhr betretbar sein. Es gibt dort nur versenkbare Poller, damit nicht jeder mit dem Auto reinfahren kann. Im barocken Schloss gab es auch keine Tore, die man hätte verschließen können, erst in der Kaiserzeit wurden Gittertore an den Portalen angebracht. Transparenz und Offenheit sind uns sehr wichtig – aber das funktioniert nur, wenn dahinter eine hervorragende Sicherungstechnik steckt.

Bernd W. Lindemann, Kunsthistoriker. Foto: wikipedia Vergrößern
Bernd W. Lindemann, Kunsthistoriker. © wikipedia

Ab Dienstag können die Besucher das Schloss durch den Haupteingang, das Portal III unter der Kuppel, betreten, das Eosander von Göthe im Stil eines römischen Triumphbogens gestaltet hat. Viele denken, dass diese Westseite oder auch die Seite zum Lustgarten hin die prächtigsten Seiten des Schlosses gewesen seien. Historisch ist es aber anders: Dicht vor dem Eosanderportal standen noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Mietshäuser der „Schlossfreiheit“. Der König zog über die Königstraße (heute Rathausstraße) und den südlichen Schlossplatz ein. Deswegen sind die Portale I und II, die zur Breiten Straße hin weisen, von Andreas Schlüter mit kolossalen Säulen aufwändig gestaltet. Die Portale IV und V dagegen, die zum Lustgarten zeigen, sind nur mit „Hermenpilastern“ geschmückt, das sind Jahreszeitfiguren, die, passend zur Gartenseite, Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter darstellen.

Wir wissen nicht, ob Karl Liebknecht die Republik von Portal IV oder V ausgerufen hat und ob er auf dem Balkon stand oder auf einem LKW– jedenfalls konnte er das nur auf der Lustgartenseite tun, denn nur dort war Platz für eine riesige Menschenansammlung. Die DDR hat deswegen das Portal IV ins Staatsratsgebäude, heute die European School of Management and Technology (ESMT), einbauen lassen. Allerdings haben sie u.a. den linken Arm der Figur „Winter“ nicht korrekt angebracht. Das rekonstruierte PortalIV am Schloss ist insofern „originaler“ als das Portal an der ESMT. Das Schloss war ein „Durchhaus“, wie die Österreicher sagen, also ein Gebäude, durch das man hindurchlief. Auf alten Gemälden sehen Sie eine Menge Volk im Schlüterhof. Heute können Sie wieder durchlaufen, wie Sie wollen – ich finde das wunderbar demokratisch.

Bernd W. Lindemann ist Kunsthistoriker. Er war bis 2016 Direktor der Gemälde- und der Skulpturengalerie und lehrte als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin.

Khatereh Rahmani arbeitet für die Zeitschrift "Kultur-Tür". Foto: phot-obsession Vergrößern
Khatereh Rahmani arbeitet für die Zeitschrift "Kultur-Tür". © phot-obsession

Seit vier Jahren kenne ich die „kulturTÜR“, das mehrsprachige Magazin des DRK Berlin Südwest, das den Dialog zwischen Menschen mit und ohne Flucht- und Migrationsgeschichte vertiefen und Begegnungen ermöglichen möchte. Als ich das erste Mal zum Austausch in die Redaktion der „kulturTÜR“ kam, fühlte ich mich gleich zu Hause in der offenen und freundlichen Atmosphäre. Hier schreiben und diskutieren Menschen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Somalia, Deutschland und anderen Ländern, hier kann ich sie kennenlernen und mich mit ihnen anfreunden. Und es haben sich so für mich tatsächlich Türen geöffnet – zur deutschen Gesellschaft, zu ganz anderen Ländern und Kulturen und sogar zum Arbeitsmarkt: denn ich arbeite nun auch als Moderatorin für den Video-Podcast kulturTUBE und als Korrekturleserin für die persischen Beiträge in dem Magazin.

Unsere Zeitschrift ist eine kleine Tür zu verschiedenen Kulturen. Es gibt aber auch eine große Tür zu den Kulturen der Welt: das Humboldt Forum. Es gibt jetzt einen Ort, wo Sie über sich selbst, Ihre Kultur und Ihre Geschichte nachdenken und sich gleichzeitig an andere Orte versetzen und in andere Kulturen einfühlen können. Ein Ortfür Kultur undWissenschaft,für Austausch und Debatten. Viele Veranstaltungen und Ausstellungen werden geboten. Ich bin sicher, dass das Humboldt Forum nicht nur für Deutsche, sondern auch für Menschen aus anderen Kulturen oder mit Migrationshintergrund sehr interessant ist. Und ich hoffe, dass dort ein ebenso fruchtbarer und freundlicher Austausch entsteht, wie wir ihn in der „KulturTÜR“ haben.

Khatereh Rahmani (39) hat in Esfahan (Iran) Management und Rechnungswesen studiert und danach als Buchhalterin und Model gearbeitet. Sie lebt seit März 2016 in Deutschland.

Dimitri Hegemann, Gründer des Clubs "Tresor". Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Dimitri Hegemann, Gründer des Clubs "Tresor". © Doris Spiekermann-Klaas

Diese Tür – die Tresortür – hat etwas Magisches. Jetzt ist sie ein Ausstellungsstück in der „Berlin Global“-Ausstellung, aber als sie noch im Club „Tresor“ stand, wurden alle verzaubert, die hindurchgingen. Sie markierte den Einstieg in eine Parallelwelt, einen Schutzraum, in die Clubwelt mit ihren schweren Techno-Rhythmen, hier konnte man sich frei fühlen und fliegen, man stieg um Mitternacht ohne Erwartungen ein und kam morgens mit 1000 neuen Inspirationen raus. Die besten Ideen entstehen nach halb vier morgens. Das war eine Aufbruchstimmung Anfang der Neunziger! Damals gab es noch so viele Brachen, verlassene Räume, in denen man Neues ausprobieren konnte. Hier ist das entstanden, was Berlin zur Techno-Hauptstadt geformt hat, genau an der Nahtstelle zwischen Ost und West, im Untergeschoss des ehemaligen Wertheim-Gebäudes, das wir 1991 entdeckt haben.

Na, und heute? Ist die Tresortür eine Aufforderung an die Entscheider: Gebt der Jugend Raum, lasst sie machen, öffnet Türen für Orte zum Experimentieren, und schafft auch in anderen Städten die Sperrstunde ab, so wie in Berlin. Öffnet die Nacht und unterstützt die Nachtkultur. Ich hoffe mal, dass die Besucher:innen des Humboldt-Forums auch mit frischen Inspirationen rauskommen werden so wie wir damals aus dem „Tresor“. Aber ich hätte in der Rohbauphase gerne eine Party mit 1000 Leuten auf dem Gelände des Castle – ich sag’ lieber Castle als Schloss – organisiert. Und warum ist es eigentlich nicht möglich, in einem Teil des Gebäudes einen Techno-Club einzurichten? Das wäre doch was! Wieso soll das Gebäude die ganze Nacht geschlossen sein? Ein Hauptstadt-Club im Castle, der um 23 Uhr öffnet und um 6 Uhr morgens schließt – das wäre ein weitsichtiges Statement und passt zu Berlin.

Dimitri Hegemann (66) ist Geschäftsführer des Clubs „Tresor“ im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte.

Dieser Artikel ist Teil einer Themenspezial-Serie zum Humboldt Forum. Die Texte wurden aufgezeichnet von Dorothee Nolte (außer der von Khatereh Rahmani).

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