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Matthias Manych

Mit einer neuen Bypasstechnik werden Aneurysmen im Gehirn nicht mehr mit Klammern verschlossen, sondern isoliert

Die Katheterspitze hat es in sich – innen eine Metallmembran, durchlöchert wie ein Sieb, außen ein Ring aus Fasern für Laserlicht. Diese auf nur etwa zwei Millimetern Durchmesser konzentrierte Technik wird von Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der Charité, und seinem Team für die Operation gefährlicher Aussackungen von Blutgefäßen im Gehirn eingesetzt, die mit bisherigen Methoden nicht mehr zu behandeln sind. Als Vajkoczy vor einem Jahr von Mannheim an die Charité kam, brachte er das ELANA genannte Verfahren mit. Das Kunstwort steht für Excimer-Laser assistierte nicht okklusive Anastomose. Vereinfacht bedeutet es eine Bypassverlegung bei offener Schlagader. Das noch recht neue Operationsverfahren erhöht die Sicherheit des neurochirurgischen Eingriffs und bietet den Patienten sehr große Heilungschancen. Weltweit wird es bisher nur an vier Zentren angewendet, neben Berlin in Utrecht, Helsinki und New York.

Die Wand von Arterien kann an winzigen Schwachstellen dem Blutdruck nachgeben und zunächst kleine Blutsäcke, Aneurysmen, bilden. Gefährlich werden diese Aussackungen, wenn sie wachsen, denn mit ihrer Größe steigt das Risiko, dass sie reißen und einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung auslösen. Deshalb müssen Aneurysmen, die größer als sieben Millimeter sind, dringend behandelt werden. Üblicherweise werden sie mit speziellen Klammern verschlossen oder mit feinen Metallspiralen verstopft. So lassen sich die Aneurysmen der meisten Patienten gut behandeln. Wenn sie aber zu groß werden, eine ungewöhnliche Form annehmen oder die Arterie am Aneurysma verkalkt ist, werden weder Klammern noch Metallspiralen das weitere Wachstum verhindern können. Dann muss das aneurysmatragende Gefäß geopfert werden und das Blut um die Gefahrenstellen geleitet werden. Die bislang gängige Bypassoperation ist aber stets ein Wettlauf mit der Zeit, denn damit das neue Gefäß, meist eine Beinvene, angenäht werden kann, muss der Blutfluss in der Arterie, an der das Aneurysma sitzt, für ungefähr eine halbe Stunde gestoppt werden. Aber nach spätestens 30 Minuten ohne Sauerstoffzufuhr sterben Nervenzellen ab – es besteht also immer ein gewisses Schlaganfallrisiko mit den dramatischen Konsequenzen einer Lähmung oder Sprachstörung.

Mit dem neuen Verfahren gibt es diesen Zeitdruck nicht mehr, denn die alternative Verbindung zwischen den Gefäßen wird nun ohne Unterbrechung des Blutstroms hergestellt. „Dadurch entfällt das durch die Operation bedingte hohe Schlaganfallrisiko, die Behandlung großer Aneurysmen ist also wesentlich sicherer geworden“, betont Vajkoczy. Der sechs- bis achtstündige Eingriff erfordert zwei parallel arbeitende Operationsteams. Während am Bein ein passendes Stück Vene für den Bypass entnommen wird, laufen bereits die Vorbereitungen, um es an die Halsschlagader anzunähen. Hier entsteht der untere Teil der Umleitung, der Bluteinstrom wird aber noch durch eine kleine Klammer am neuen Gefäß verhindert.

Der Weg zum Aneurysma und damit zu der Stelle, an dem das obere Ende des Bypasses angeschlossen wird, ist ungleich komplizierter. Nachdem ein Stück Schädeldecke entfernt wurde, können sich die Chirurgen nur noch mit Hilfe von Mikroskopen und millimeterfeinen Instrumenten vorarbeiten, um zur Schädelbasis und damit unter das Gehirn zu gelangen. Hier kommen die inneren Halsschlagadern an und verzweigen sich in kleine, das Gehirn mit Blut versorgende Arterien – ein häufiger Entstehungsort von Aneurysmen. Ist der Blutsack erreicht, wird das zweite Ende des Bypassgefäßes mit einem Platinring hinter dem Aneurysma an die Arterie angenäht. Der Ring sorgt dafür, dass die Wand der Ader etwas gespannt wird und eine ebene Fläche entsteht.

Jetzt kommt einer der spannendsten Momente, denn nun „muss der Laserkatheter richtig in den Platinring geschoben werden, ohne dass wir das Beobachten können“, berichtet Peter Vajkoczy. In den Bypass wird ein kleines Loch geschnitten und der Katheter seitlich eingeführt. Ab hier folgen wenige Zentimeter, auf denen der Neurochirurg ausschließlich auf sein Fingerspitzengefühl angewiesen ist. Wenn er einen leichten Widerstand spürt, weiß er, dass die Katheterspitze im Platinring sitzt. Nun wird mit einer Vakuumpumpe Unterdruck erzeugt, sodass die kleine löchrige Metallmembran in der Katheterspitze die Wand der Arterie ansaugt und mit dem Laser wird Stück herausgeschnitten. „Das“, so Vajkoczy, „gelingt uns zu 90 Prozent auf Anhieb.“ Nachdem Katheter und rundes Gefäßstückchen herausgezogen sind, wird das entsprechende Loch wieder vernäht und durch den Bypass kann das Blut ungehindert am Aneurysma vorbeifließen. Erst jetzt wird die Schlagader und damit die Aussackung vom Kreislauf abgekoppelt. Entweder können die Ärzte gleich das im Aneurysma angesammelte Blut absaugen oder es wird innerhalb von drei bis sechs Monaten vom Körper abgebaut.

Seit 2002 hat Peter Vajkoczy 40 Patienten mit der neuen Operationsmethode erfolgreich behandelt, fünf davon an der Charité. Pro Jahr kommen etwa 300 bis 400 Patienten für diesen Engriff in Frage. Der Bypass zwischen Schädelbasis und Halsschlagader ist dabei der Standardfall. Aber der Kreativität, so der Spezialist, seien nun keine Grenzen mehr gesetzt. Möglich sind auch kürzere Wege, bei denen der Bypass vollständig im Gehirn und nur noch mit Laser und Vakuum eingesetzt wird. Selbst Hirntumoren können mit dieser Bypasstechnik radikaler entfernt werden. Kein Wunder, dass das Interesse an diesem Verfahren wächst.

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