Knapp daneben. Harald Martenstein hat den Gewinner des Goldenen Bären fast immer verpasst. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Harald Martenstein über die Berlinale Das politische Spektrum eines Hipstercafés in Prenzlauer Berg

Seit 1990 hat Harald Martenstein die Berlinale verfolgt, erst als Kritiker, dann als Kolumnist. Jetzt versucht er sich an einer persönlichen Bilanz.

Der erste und der letzte Text sind für Berlinale-Chronisten immer die schwierigsten. Zu Beginn des Festivals ist noch nichts passiert, am Ende ist man müde. Als erstes habe ich mir meistens das Programmheft angeschaut. In diesem Jahr fällt auf, dass der Chef in seinem Vorwort zwar brav von „Besucher*innen“ schreibt, von „Filmkünstler*innen“ und „Mitarbeiter*innen“, andererseits bei „Gesellschaftern, Sponsoren und Partnern“ auf den Genderstern verzichtet. Offenbar können Geldgeber*innen sich bei der Berlinale für ein angemessenes Sümmchen vom Genderstern freikaufen. Da hätten wir schon den ersten Skandal.

Es gibt Leute, die sich für die Berlinale extra Urlaub nehmen. Diese Menschen wären am ehesten befugt, etwas Verbindliches über das Gesamtkunstwerk Berlinale zu erzählen. Die kennen sich aus. Journalisten müssen während des Festivals am Fließband Texte, Töne und Bilder produzieren. Manche von ihnen sehen in diesen zwölf Tagen keinen einzigen Film, aber schmettern eine Filmkritik nach der anderen ins Publikum. Viele Beiträge werden nämlich vorab in Pressevorführungen gezeigt. Nur beim Wettbewerb ist das verboten. Andere Kritikerkollegen sind deshalb dazu verpflichtet, den Wettbewerb komplett anzuschauen. Sie verbringen ihr Leben am Potsdamer Platz und sehen ansonsten wenig.

Ich bin seit 1990 dabei. Anfangs war ich Kritiker, seit 20 Jahren schreibe ich Kolumnen über dieses Ereignis. Ich schaue mir am Tag zwei oder drei Filme an. Trotzdem war ich immer ratlos, wenn ich am Ende womöglich ein Mikrofon unterm Kinn hatte und auf oberschlaue Weise Bilanz ziehen sollte. Das geht irgendwie nicht. Von 400 Filmen hat auch der fleißigste Cinephile ja immer nur einen Bruchteil gesehen. Den Überraschungshit einer bis dato unbekannten Nachwuchskraft über blinde Lachsfischer in Alaska, der in einer Nebenreihe gelaufen ist und alle Zuschauer umhaut, hat man meistens verpasst. Trotzdem versucht man es.

Hier also schon jetzt die Schlussbilanz der Berlinale 2019: „Wir haben ein spannendes Panorama des Weltkinos gesehen und diverse Menschen auf der couragierten Suche nach Sinn und Identität, unsere Sehgewohnheiten wurden herausgefordert, das Kino bleibt politisch, solidarisch, mutig, rebellisch und im Spannungsfeld zwischen Farbe und Schwarzweiß.“

Ich versuchte immer, den Wettbewerb ziemlich komplett zu sehen, zwei Drittel wenigstens. Den Gewinner des Goldenen Bären habe ich fast immer verpasst, nicht absichtlich, sondern weil die Inhaltsangabe im Programmheft mich nicht gekriegt hat. Ausnahmen waren „Gegen die Wand“ von Fatih Akin und „Boyhood“ von Richard Linklater, der zwar den Goldenen Bären nicht bekommen hat, dies aber nur, weil Linklater ein Ami ist, insofern zähle ich den mit.

Diesmal steht im Programm sogar eine Inhaltsangabe, die Berlin während einer durchschnittlichen Berlinale beschreibt. Sie lockt zum Wettbewerbsbeitrag „Ghost Town Anthology": „Eine schwer fassbare Stimmung legt sich wie ein Schleier über die verschneite Gegend. Mysteriöse Gestalten treiben seltsame Dinge.“

Ort der Begegnung für Ost und West

Die Berlinale wurde als Schaufenster des Westens gegründet, im beginnenden Kalten Krieg. Im Lauf der Zeit wurde sie ein Ort der Begegnung für Ost und West. Im Programm liefen seit den 70er Jahren Filme aus der Sowjetunion, der DDR und dem restlichen Ostblock. Später, im Zeichen von Glasnost, kamen auch lange verbotene, großartige Werke wie „Die Kommissarin“ oder „Spur der Steine“ ins Programm.

Hin und wieder gab es politische Eklats. 1970 musste das Festival im Streit abgebrochen werden, wegen des Werks „o.k.“ vom Michael Verhoeven. Zu sehen war die Vergewaltigung einer Vietnamesin durch amerikanische Soldaten, allerdings verfremdet und nach Bayern verlegt. Der US-Botschafter schäumte trotzdem vor Wut. 1979 wiederholte sich das Ganze unter umgekehrten Vorzeichen. Nun war das sozialistische Lager über „The Deer Hunter“ von Michael Cimino empört. Der Film zeigte, wie amerikanische Soldaten von Vietkong gefoltert werden, auch das gab es. Es zu zeigen, wurde als „rassistisch“ gebrandmarkt. Der Osten zog als Protest alle seine Filme und seine Jurymitglieder zurück. „The Deer Hunter“ gewann fünf Oscars.

Heute ist die Berlinale vor solchen Eklats ziemlich sicher. Es gibt natürlich auch heute jede Menge Konflikte – um Migration, um Populismus, um den Brexit und Europa, um „Me too“, die Welt ist gespalten. In Berlinale-Filmen kann ich meistens sicher sein, dass ich zu diesen Konflikten die politisch hundertprozentig korrekte Haltung serviert bekomme. Ein Wettbewerbsfilm, in dem die politisch Falschen etwa eine Vergewaltigung begehen oder foltern, ist schwer vorstellbar. Wer sollte das auch produzieren.

Bei der Berlinale stehen auf der einen Seite die Kapitalisten, die Männer, Rechten und Nazis (das alles ist so ziemlich das Gleiche), auf der anderen Seite streiten tapfere Umweltschützer, Flüchtlingsretter, die queeren Menschen, die Whistleblower, der Feminismus und die „Veganer für ein besseres Morgen“, falls es die gibt.

Mit Zweifeln, Zwischentönen oder Ambivalenzen wirst du selten behelligt. Zum Beispiel wurde im vergangenen Jahr, auf dem Höhepunkt von „Me too“, der jahrelang umschwärmte Regisseur Woody Allen durch die Blume für die Zukunft ausgeladen. Kosslick sagte: „Allen hat mir nie einen Film angeboten. Und vielleicht war das gut so.“ Der Vorwurf, Woody Allen habe seine Adoptivtochter missbraucht, ist alles andere als bewiesen. Es kam nicht mal zu einem Verfahren.

Meisterwerke sind naturgemäß selten

Das politische Spektrum der Berlinale ist also etwa so breit wie das in einem Hipstercafé in Prenzlauer Berg. Die Welt eines typischen Berlinale-Films ist zwar säuberlich geordnet, aber sie ist leider auch düster. Komödien gibt es immer wieder, aber sie sind Ausnahmen und werden vom, was Humor betrifft, ausgehungerten Publikum meistens bejubelt. Vor ein paar Jahren traf ich eine fassungslose Mutter, die im Kinderfilmprogramm drei Filme gesehen hatte, in allen drei hatten die kindlichen Protagonisten den Freitod gewählt. Das war nun wirklich ein blöder Zufall, oft überleben die Kinder ja auch.

Es gab Filme, die im Kopf jahrelang nachwirkten, etwa „Caterpillar“, in dem 2010 ein Mann ohne Arme und Beine seine Frau vergewaltigte, während sie auf seinem von Wunden entstellten Kopf rohe Eier zerquetschte. Monatelang konnte ich keine Spiegeleier mehr essen. Zum Glück kam im gleichen Jahr auch eine geglückte Liebesgeschichte, sie fand zwischen einem sympathischen jungen Mann und seiner Hündin statt. Er sagte: „Die Bedeutung der Sprache für eine Liebesbeziehung wird überschätzt.“

Meisterwerke sind naturgemäß selten, in allen Kunstsparten. Bei der Berlinale habe ich gelernt, das solide Handwerk zu schätzen. Ich liebe Regisseure, die gut erzählen können, ein Gefühl für Timing und Pointen besitzen und aus ihren Schauspielern herausholen, was in ihnen steckt. Ihr Gegenstück sind die Überanstrengten, die auf Teufel komm raus originell oder meisterlich sein wollen und ihr Publikum foltern. Sie arbeiten nur für die Kritiker, von denen manche auf ihr Blendwerk tatsächlich hereinfallen.

Kunst muss weh tun, finde ich, aber das beziehe ich eher auf den Inhalt als auf die Form. Der Regisseur Michael Haneke ist dafür ein Beispiel. Wer wenig zu sagen hat, ist häufig versucht, dieses Defizit mit langen, wortlosen Einstellungen wettzumachen. Für solche Werke gibt es unter Kritikern, die durchblicken, das geheime Codewort "Kunstscheiß".

Die Stimmungskurve beginnt immer mit Euphorie, man sieht ja auch immer zwei oder drei richtig gute Geschichten. Aber man muss aufpassen, gegen Ende nicht zu sarkastisch zu werden. Die Stars jedenfalls zeigen bei den Pressekonferenzen immer ihre beste Seite, das sollte die gesamte Welt sich endlich mal zum Vorbild nehmen. Ein netterer Mensch als Meryl Streep in der Rolle „Meryl Streep gibt ein Interview“ ist nicht vorstellbar.

Ein historischer Sonderfall war allerdings die Pressekonferenz der Rolling Stones. Als der Stones-Film „Shine a light“ vorbei war, Welturaufführung, ist der Saal der Pressekonferenz längst überfüllt gewesen. Von denen, die den Film tatsächlich gesehen hatten, kam fast niemand hinein. Es wurden gespenstischerweise die gleichen Fragen gestellt wie immer. „Wie war es, mit Martin Scorsese zu arbeiten?“ Na, es war wunderbar! In Wirklichkeit sollen die Alphatiere sich schwer gefetzt haben.

Kosslick war der letzte Kaiser

In diesem Jahr wird über der Berlinale natürlich Endzeitstimmung liegen. Es wird, wie sich herumgesprochen haben dürfte, das letzte Festival unter der Regie des sympathischen, meist fröhlichen Dieter Kosslick. Er hat das seit 2001 gemacht, eine halbe Ewigkeit in so einem Job, und er geht nicht ganz freiwillig. Sein Vertrag wurde nicht verlängert. Ein Grund, ihn zu feuern, war nicht erkennbar. Es immer allen Recht zu machen und über jeglicher Kritik zu schweben ist eine Kunst, mit der selbst der geschmeidigste Charakter auf Dauer überfordert wäre.

Die Entscheidung, Kosslicks Ära zu beenden, wurde wohl hauptsächlich aus dem Gefühl heraus geboren, dass es jetzt mal gut ist und nichts für die Ewigkeit gemacht. Kosslick war für das Künstlerische zuständig und für das Kaufmännische und für die Organisation, also für alles. Bei seinen Nachfolgern Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian wird das jetzt getrennt, ein Tandem kommt, das ist inzwischen üblich. Kosslick war der letzte Kaiser. Alles in allem kann er stolz sein auf seine Bilanz.

Sein Vorgänger Moritz de Hadeln ist ein Chef gewesen, der zum Granteln neigte und weder bei den Journalisten noch bei den Stars immer den richtigen Ton getroffen hat. Kosslick drückte alle an sein großes Herz. Seit es die Berlinale gibt, grämt Berlin sich darüber, dass es hinter dem französischen Cannes nur die zweite Geige spielt im internationalen Festivalkonzert.

Um mit Cannes gleichzuziehen, wurde die Berlinale 1978 vom Sommer in den Winter verlegt. Cannes findet im Mai statt. Wir setzen uns einfach zeitlich vor die, so dachte man damals, dann kommen die großen Regisseure halt zu uns statt zu denen. Außer kaltem Wetter, viel Gehuste in den Kinos und einem steigenden Umsatz an Nasenspray und Antidepressiva in den Berliner Apotheken hat es nicht viel gebracht. In Cannes laufen immer noch die etwas wichtigeren Filme. Für den Glamourfaktor ist warmes Wetter generell günstiger.

Kosslick hat getan, was gute Manager tun sollten, er setzte ganz auf die Stärken von Berlin. Die Stadt ist groß, sie besitzt dieses fast unerschöpfliche Reservoir an Filmfans, Partylocations und Hotels. Kosslick hat die Berlinale noch entschlossener als seine Vorgänger zum Volksfest gemacht, mit an die 500.000 Besuchern, zu einem breiten Strom mit immer neuen Seitenzweigen und Sonderevents, unübersichtlich, aber ehrfurchtgebietend. Die Berlinale ist das größte Filmfest der Welt. Nirgends kommen das Publikum und die Filmemacher so oft und so leicht miteinander ins Gespräch wie hier.

Mit Wehmut und Erleichterung

Aber wie geht es weiter mit dem Kino? Die großen Geschichten, über die alle reden, bringen heute Firmen wie Netflix, Amazon, Maxdome oder TNT heraus, es sind Serien, sie stehen online. Das Fernsehen, der alte Konkurrent des Kinos, hat sich, bestens dotiert, aufgrund von Feigheit, zu viel Routine und zu vielen Bedenkenträgern in eine Art künstlerischen Zombie verwandelt. Zumindest, was Spielfilme und Serien betrifft. Also, besser als das Fernsehen steht das Kino schon da. Wer hätte das vor 20 Jahren gedacht?

Irgendwann muss Schluss sein. Dieser Kolumnist verabschiedet sich von der Berlinale, mit der gebotenen Wehmut und einer Prise Erleichterung. Bei allen Serien sagt man irgendwann: sie sind auserzählt. In Zukunft wird mein Kollege Robert Ide für diese Zeitung mit seinem Blick neue Geschichten finden. Er gehört zu den Berliner Cineasten, die sich immer für die Berlinale Urlaub genommen haben und sich wirklich auskennen. Urlaub braucht er jetzt nicht mehr.

Dieter Kosslick aber wird voraussichtlich am 17. Februar, dem letzten Tag des Festivals, zum letzten Mal als Zeremonienmeister über den roten Teppich schreiten, am Friedrichstadt-Palast. Es wird ein Sonntag sein, 10 Uhr 30, der Morgen nach der Preisverleihung. Er wird „Lampenfieber“ vorstellen, einen Dokumentarfilm von Alice Agneskirchner über das Kinderensemble des Friedrichstadt-Palastes. „Lampenfieber“ hat bereits einen Verleih.

Agneskirchner ist, finde ich, seit vielen Jahren eine der besten deutschen Dokumentaristinnen. Sie hat warmherzige und sehr unterhaltsame Filme über Polizisten, Friseure und sogar Jäger gemacht, sie hat Witz, sie nähert sich den Menschen ohne Vorurteile, auch der neue Film über Kinder kann eigentlich nur gut sein. Bei einer Berlinale war sie noch nie eingeladen. Warum? Sie sagt lachend: „Für den Wettbewerb sind meine Filme nicht groß genug, für das Forum sind sie zu wenig Kunst und für das Panorama sind sie nicht schwul genug.“ Kosslick hat für seinen letzten Termin offenbar eine mutige Entscheidung getroffen.

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