Außer Gefecht. Am 7. April spielte Boris Johnson in einer Videobotschaft die Krankheit noch herunter. Foto: AFP
© AFP

Großbritannien und das Coronavirus Mit Boris Johnson liegt ein ganzes Land auf der Intensivstation

Der Premier auf der Intensivstation, die Führungsriege außer Gefecht, das Land in der Selbstisolation von der EU. Die Coronakrise gerät zur Metapher.

Boris Johnson wusste schon, womit er 2016 an die Seele eines jeden Briten würde rühren können: Mit dem NHS, dem so legendären wie abgerockten britischen Gesundheitssystem. Eine historische Errungenschaft, die das Land von anderen unterscheidet. Kein Zwei-Klassen-System mit Privatversicherten, sondern eine Krankenversorgung für alle. Und so wie das historische Empire den Stolz der Briten international bündelte, tut es das NHS auf nationaler Ebene.

Mit dem NHS würde er sie kriegen, seine Briten. Damit könnte er sie für den Brexit begeistern. Und so ließ der Populist Boris Johnson 2016 auf den roten Brexit-Tourbus die haltlose Behauptung pinseln: „350 Millionen pro Woche für den NHS“ Geld sollte das sein, das sonst an die EU fließe. Das war Fiktion.

Die Queen zieht Parallelen zum Zweiten Weltkrieg

In der Realität liegt der Premier Boris Johnson heute auf der Intensivstation des St. Thomas Hospital in London. Seine Behauptung war genau so haltlos wie zuletzt die, dass er nur unter milden Symptomen von Covid-19 leide und vom Krankenhausbett voll arbeitsfähig sei. In der Realität liegt Boris Johnsons Genesung jetzt ausgerechnet in den Händen des NHS. In der Realität betreibt die Queen, die in einer Ansprache Parallelen zum Zweiten Weltkrieg zog, auf Schloss Windsor social distancing.

[Aktuelle Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie können Sie in unserem Newsblog verfolgen.]

Der Thronfolger Prinz Charles hat sich das unsichtbare Virus eingefangen, der Gesundheitsminister Matt Hancock ist soeben aus seiner Erkrankung zurückgekehrt. Der mächtige Regierungsberater Cummings befindet sich in Quarantäne. Die Führungsriege, die die Pandemie in England bekämpfen sollte, ist außer Gefecht. In der Regierung ist jetzt Zeit für Plan B. Großbritannien hält die Luft an.

Im St. Thomas' Hospital wird derzeit auch Premierminister Boris Johnson behandelt. Foto: AFP Vergrößern
Im St. Thomas' Hospital wird derzeit auch Premierminister Boris Johnson behandelt. © AFP

Es ist eine übergroße Metapher auf den Zustand des Landes: Großbritannien auf Intensivstation. Künstlich beatmet. Durch den Brexit in freiwilliger Selbstisolation. Die Briten auf sich allein gestellt.

St. Thomas ist ein renommiertes Londoner Krankenhaus, das direkt gegenüber dem Westminster Palace auf der anderen Seite des Flusses liegt. Von der Krankenhauscafeteria im alten Gebäudeteil, wo auch Ärzte und Pfleger essen, ohne ihre Kittel auszuziehen, blickt man direkt auf das Parlamentsgebäude. Im Gang zur Cafeteria hängen historische Schwarzweiß-Fotos von – Lungenkranken – die man raus an die frische Luft ans Themseufer geschoben hat.

Es ist eine kollektive Verdrängungsleistung

Politiker, die auf Sicht fahren, sagen im Englischen gern: „We cross that bridge, when we get to it.“ Diese Brücke überqueren wir erst, wenn wir dort angekommen sind. Boris Johnson hat am Sonntagabend die Westminster-Brücke überquert, die von Westminster, Heimat des von Empire-Träumen benebelten Parlaments, auf kürzestem Weg in die Realität des NHS auf der anderen Seite der Themse führt. Um zur Notaufnahme des St. Thomas Hospital zu kommen, muss man das Florence Nightingale Museum an der Ecke umrunden.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.]

Es ist ja möglich, den ganzen mehrjährigen Brexit-Prozess als eine riesige, nationale Verdrängungsleistung zu lesen: Eine kollektive Verdrängung der globalisierten Realität des 21. Jahrhunderts, in der es nicht mehr möglich ist, als sich abschottender Nationalstaat zu den Hochkulturen, den erfolgreichen Wissensgesellschaften zu gehören. Auf die nationale Verdrängung folgte die persönliche: Der Premier behauptete auch dann noch, die Regierungsgeschäfte vom Krankenbett aus führen zu können, als sich am Montag sein Zustand bereits verschlechterte.

Auf Schloss Windsor lebt die Queen isoliert: Thronfolger Charles hat sich mit dem Virus infiziert. Foto: via REUTERS Vergrößern
Auf Schloss Windsor lebt die Queen isoliert: Thronfolger Charles hat sich mit dem Virus infiziert. © via REUTERS

Boris Johnson hat jedenfalls noch nie geglaubt, dass man die Realität übermäßig ernst nehmen sollte. Man muss dazusagen, dass das in England allerdings nie als Schwäche, sondern immer als Haltung angesehen wurde. Eine heilsame Distanzierungspraxis, die nicht nur England gegenüber der Welt einnahm, sondern auch der Einzelne gegenüber der eigenen Lebensrealität. In der Tradition von Oscar Wilde, der empfahl, die leichten Dinge ernst und die ernsten Dinge leicht zu nehmen, steht damit ein jeder auf seine Art sicher über der Profanität des Schicksals. Niemand muss die Laune verlieren, und unterhaltsam ist es obendrein. So weit die Theorie, die in ruhigen Zeiten ganz gut funktioniert.

Bis zuletzt schüttelte er Corona-Infizierten die Hand

Dazu kommt Johnsons Eton-Haltung des ewigen Privatschülers: Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Die eigene Stellung in der sozialen Hackordnung misst sich daran, wie viel einer zu riskieren bereit ist. Mutproben sind umso spannender, je höher der Einsatz ist. Diese Haltung des Schülers hat sich nahtlos in den Stolz des aktuellen Premierministers verlängert, mit dem er noch vor wenigen Tagen die Hände von Corona-Infizierten schüttelte. Er werde das auch weiterhin tun, sagte er trotzig.

Politik war für ihn lange ein Spiel, in dem Entscheidungen keine wirklichen Konsequenzen hatten. Aber plötzlich ist aus Spiel Ernst geworden. Johnson wird nicht bewusst gewesen sein, dass er sein nacktes Überleben als Einsatz auf den Tisch legte.

Populisten können Meinungen nicht von Strategie unterscheiden

Wie hohl das Getöse der Populisten ist, sieht man jetzt deutlich. Populisten können Meinungen nicht von einer Strategie unterscheiden. Auch Johnson holten die Zahlen ein, die er nicht mehr weglachen konnte: Bis Dienstag sind in Englands Krankenhäusern 5655 am Virus gestorben. Würde die Regierung ihr Konzept der Herdenimmunität weiter verfolgen, mahnten die wissenschaftlichen Berater vor zwei Wochen, gäbe es mehr Tote als im Zweiten Weltkrieg. Das war Realitätsdruck, Johnson schwenkte um. Die Regierung rief gleich ein neues Ziel aus: Wenn England unter 20 000 Toten bliebe, hätte die Regierung einen guten Job gemacht.

Häme ist nicht angebracht

Aber alle Witze, die sich jetzt anbieten, werden nicht gerissen. Keine Häme, nirgends. Weil die Welt, empathisch begabt, eben nicht nur von Populisten bewohnt ist und rhetorische Nebelkerzen von echten Notraketen unterscheiden kann: Ein beatmeter Clown bringt auch in England niemanden mehr zum Lachen. Er provoziert Mitleid.

Von allen Seiten kommen Genesungswünsche. Freund oder Feind? Spielt keine Rolle mehr. Es ist, als hätten sich auf einem aus dem Ruder gelaufenen Kindergeburtstag nach einem Machtwort plötzlich alle entschieden, die Masken abzunehmen und „jetzt aber in echt“ zu reagieren. Es melden sich die Queen und ihre Familie, die EU-Staatenlenker, Abgeordnete und sogar Donald Trump, der bislang in der Krise keine persönliche Regung gezeigt hatte.

Trump will Hilfe schicken

Als dessen eigener Marinekapitän für seinen Corona-infizierten Flugzeugträger mit 5000 Mann Besatzung um Hilfe rief, hieß er dessen Entlassung gut. Zu Boris Johnson aber schickt der amerikanische Präsident Experten mit ihren noch immer unausgegorenen Heilmitteln nach London, um dem „great gentleman, great leader“ Boris Johnson Hilfe anzubieten.

Das größte Problem der Briten vor dem Brexit war ja, dass sie sich in der EU so irrelevant gefühlt hatten. So wenig ausschlaggebend bei all' den Entscheidungen, die in Brüssel getroffen würden. Die ehemaligen Kolonialisten fühlten sich selbst kolonisiert. Sie imaginierten eine Bedrohung durch das Fremde. Paradoxerweise bietet sich gerade jetzt, in der tatsächlichen Bedrohung durch ein winziges Virus, wieder Gelegenheit für Größe. Jeder Einzelne spielt mit seinem Verhalten eine Rolle.

Nun braucht das Gesundheitssystem Hilfe

Die Briten, die sich vorgestellt hatten, dass sie mit dem Brexit wieder ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem erhalten würden, das sich im Zweifel um sie kümmerte, müssen sich nun ihrerseits um dieses Gesundheitssystem kümmern. Die einen, indem sie zuhause bleiben und dessen Überlastung verhindern, die anderen, indem sie sich aus der Pensionierung wieder zum Dienst im NHS zurückmelden. Die Armee trainiert die Auslieferung von Sauerstofftanks.

Schon gibt es Gelegenheit, echte Not zu lindern. Krankenschwestern, berichtet der Guardian, würden angehalten, die Luft anzuhalten, wenn sie bei fehlender Schutzausrüstung Covid-19 Patienten behandeln, um keine infektiösen Aerosole einzuatmen oder auszustoßen. Bloß: Wie lange kann man in einer Acht-Stunden-Schicht die Luft anhalten?

Das übergeordnete Ziel

Die Queen hat in ihrer Fernsehansprache vom Sonntag die Einordnung der Ereignisse erledigt, als sie in ihrer erst vierten außergewöhnlichen Ansprache ans Volk in über 68 Jahren Regentschaft den Vergleich zum Zweiten Weltkrieg zog: Ja, es seien persönliche Härten zu ertragen, aber für ein übergeordnetes, gemeinsames Ziel.

Die Engländer fragten sich, ob der zunächst lapidar reagierende Johnson dieses Ziel nicht schon vor Wochen gefährdet habe: Er hatte es versäumt, an einer gesamteuropäischen Beschaffung von medizinischen Geräten teilzunehmen, denn dazu wäre England in der jetzigen Brexit-Übergangsphase berechtigt gewesen. Zuerst hieß es: Wegen des Brexit habe man das nicht gewollt. Dann ruderte man zurück: Man habe eine Deadline zur Teilnahme verpasst.

Als die Queen spricht, kommt Johnson ins Krankenhaus

Ausgerechnet am Abend, als die Ansprache der Queen gesendet wurde, wurde Boris Johnson ins Krankenhaus eingeliefert. England hat ohnehin zu wenige Beatmungsgeräte, von denen jetzt eines für den Premierminister persönlich reserviert ist. Falls er es brauchen sollte.

Johnson hatte noch versucht, das Ruder herumzureißen. Er war vom Konzept der Herdenimmunität abgerückt und hatte doch noch Pub-Besuche verboten und Ausgangssperren verkündet. In einer Fernsehansprache hatte auch er die Briten ermahnt, zuhause zu bleiben, um damit Leben zu retten. Er blickte grimmig und ballte theatralisch die Fäuste. Offenbar hatte er für sich die Rolle des entschlossenen Feldherren vorgesehen.

Doch jetzt sind die Briten erst einmal auf sich allein gestellt.

Interaktive Karte

Tausende haben sich freiwillig zum Dienst an der medizinischen Front gemeldet. Leo Varadkar, das Staatsoberhaupt Irlands und ausgebildeter Arzt, der irgendwann bemerkte: einem Arzt glaubt man alles, einem Politiker nichts – hat sich wieder in seinem alten Beruf registrieren lassen. Einen Tag der Woche will er als Arzt arbeiten.

Wer verlässt die Intensivstation lebend?

Schlagartig sind Meinungen, die drei Jahre lang die Politik beherrscht und das Parlament gelähmt haben, irrelevant geworden. Jetzt zählen Taten. Johnsons Schicksal liegt jetzt ausgerechnet in den Hände des NHS. Eine frühe Statistik mit noch sehr wenigen Fällen legte nahe, dass, wer mit Covid-19 auf einer englischen Intensivstation landet, sie nur zu etwa 50 Prozent lebend verlässt.

Medien bereiten nachrufe vor

Ist eine Geschichte, die sich derart, nach ihrer Eigenlogik rundet, vorbei? Dem Autor eines Polit-Krimis würde man so ein Ende nicht verzeihen. In der Realität bereiten die Medien die Nachrufe vor, aber es wäre geradezu Kitsch, wenn Johnson jetzt sterben würde. Die ersehnte Größe hätte es, würde Johnson, knapp dem Tod entronnen, geläutert vom Krankenbett aufstehen. Endlich erwachsen geworden.

Zur Startseite