Das Ende einer E-Mail-Beziehung

Suchprogramm. Im Internet gibt es Dutzende Partnervermittlungsseiten. Für jegliche Neigung, jedes Alter, sofort erreichbar. Foto: Mascha Brichta/p-a/dpa
Glaube, Liebe, Romance Scam Wie Online-Betrüger arbeiten

Nun zog es sich ein wenig hin, Andrey schluchzte, Oswald haderte. Und weil das Schicksal ein zynischer Filou ist, sandte es just in diesen Tagen einen Plattenhändler zu Oswald, der sich für dessen Plattensammlung interessierte. Oswald verkaufte für gutes Geld jenen Teil, der ohnehin in seinem Keller lagerte. Und war nun reich genug, seine Hoffnung wieder aufleben zu lassen. Was waren diese kleinlichen Bedenken, was war Geld gegen die Aussicht auf die Liebe für den Rest des Lebens? Oswald blieb trotzdem vorsichtig. Er schlug vor, selbst nach Moskau zu fliegen, um das Geld vorzulegen.

Andrey, 13. Juni: Leider wird deine Fahrt sehr teuer kosten. Ich sehe den Sinn nicht, dir nach Moskau zu fliegen, wenn ich zu Berlin selbst zu dir anfliegen werde. So ist um vieles billiger! Bei mir gibt es intim Bilder. Aber bald können wir einander sehen … Ich stelle mir unsere erste Nacht vor … Es wird ergreifend sein!

Oswald war ergriffen, so sehr, dass er das Geld nun schicken wollte – vorausgesetzt er würde eine echte Buchungsbestätigung des Fluges vom Reisebüro bekommen. Er erhielt eine E-Mail eines Reisebüros namens OmronTUR in ähnlich skurrilem Deutsch wie Andreys Mails, dafür mit roter Schrift auf gelbem Grund.

Oswald, 16. Juni: Mein Süßer, die Buchungsbestätigung ist angekommen. Vielen Dank für deine Mühe. Ich habe gerade per Moneygram 2700 Euro angewiesen.

Andrey, 17. Juni: Unsere Träume verwirklichen sich!!! Jetzt mir zu gehen es ist höchste Zeit. Mein Herz schlägt vor glück.

Oswald stellte sich vor, wie er dem staunenden Andrey sein Berlin zeigen würde, wo selbst der Bürgermeister zugibt, dass er schwul ist. Er würde ihn mit zu sich nach Hause nehmen, fest umschlungen halten. Er wusste auch genau, wozu sie tanzen würden, langsam, eng: zu Johnny Cashs „Desperado“. Why don’t you come to your senses? / Come down from your fences / Open the gate … You better let somebody love you / Before it’s too late.

Oswald, 19. Juni: Wo steckst du? Kann ich dir helfen?

Andrey, 20. Juni: Ich schreibe dir aus dem Flughafen jetzt. Der Mitarbeiter … die Sachen zu betrachten und, die Dose mit dem Kaviar zu nehmen. Ich die Zahl zulässig der Kaviar auf 230 Gramm zu übertreten! Er mich als der Schmuggler zu nennen! Er zu schreien, was und zu schlagen mich, dass ich foltern wird, die ganze Wahrheit zu erzählen.

Oswald, 20. Juni: Das ist ja alles ganz schrecklich, was dir geschieht. Was kann ich für dich tun? Wo bist du denn jetzt?

Andrey 27. Juni: Die Mitarbeiter der Zollkontrolle mitzuteilen, dass ich die Strafe nach der Norm 130 000 Rubeln bezahlen soll!!! Ich das Bewusstsein beinahe zu verlieren ... Kaum ich die Strafe zu bezahlen, so kann ich aus dem Rahmen Russlands ausfahren. Ich soll dieses Problem in den kürzesten Fristen entscheiden. Andernfalls können mich und einsperren richten ... Warum ist das Schicksal so mit uns grausam???? Warum gibt sie uns so viel der Tests??? Warum spielt das Geld solche große Rolle in unserem Leben??? Warum ... Du kannst mir sagen ...

Oswald, 30. Juni: Schmidt&Wolf, oder wer immer du auch bist. Hör auf, weiter diese Schmierenkomödie abzuziehen. Ich sage Njet! Also lass mich in Frieden. Mein Geld hast du ja schon. Und schäme dich bis an dein Lebensende, auf diese niederträchtige Weise mit den Gefühlen anderer Leuten zu spielen.

Andrey, 30.6. Mein Anwalt mir die Rechnung über die Bezahlung in Höhe von 1050 euro vorzulegen. Ich muss die Strafe zu den kurzen Fristen bezahlen. Es daneben 2900 euro. Es ist das riesige Geld … Kaum ich die Strafe zu bezahlen, so kann ich zu dir auf dem am meisten nächsten ersten Flug ankommen … Wirf mich bitte nicht!!!!! Mir sehr schlecht …

Andrey, 1.7. 16:24 Mein Honig Oswald, warum schreibst du mir nicht? Wohin du verschwunden bist? Ich befinde mich im schrecklichen Zustand jetzt …

Das war’s, ab jetzt war Ruhe. Oswald ging es dreckig. Er hatte sich verliebt, tatsächlich. In die Vorstellung von einem Menschen, den es gar nicht gab, hatte er sich verliebt, aber das macht die Sache ja nicht kleiner. Dass ihn ein unbekannter Russe hintergangen hatte und kein tatsächlicher Geliebter, machte keinen Unterschied. Die Andrey-Illusion hatte ihn ausgefüllt, hatte ihm Halt gegeben, Hoffnung. Was blieb, war eine große Leere.

Um irgendwas zu tun, erstattete Oswald Anzeige gegen jemanden, von dem er wusste, dass er auf keinen Fall Andrey Yakovlev hieß. Sein Geld wird er nie zurückbekommen, so viel war klar.

Wer bei der Polizei nachfragt, wie sie mit solchen Dingen verfahren, wird an die Abteilung Kriminalprävention verwiesen. Das liegt daran, dass die Ermittlungen so wenig bringen. Man wird die Betrüger in Nigeria sowieso nie fassen, und auch in Russland gibt es wenig Möglichkeiten, trotz eines Rechtshilfeabkommens. Was bleibt, ist Prävention, also Aufklärung. Dafür gibt es die Internetseite www.polizei-beratung.de. Ein rührender Versuch, einem Problem zu begegnen, das tief in unserer Natur begründet ist: Selbstbetrug. Man kann es auch positiv formulieren: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Oswald sagt: „Ich bin ein Opfer meiner Selbst! Ich muss mich bei mir selbst entschuldigen, dass ich so habe mit mir umgehen lassen. Dass ich mir solche Träume erlaubt habe.“

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

Zur Startseite