Ein neues Gebiss kann die Lebensqualität einschränken. Manche Menschen gewöhnen sich nie richtig daran. Foto: imago/imagebroker/begsteiger
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Zahnersatz Wie es ist, plötzlich ohne eigene Zähne zu leben

Elisabeth Ligensa
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Die Oberlippe hängt schlaff herab, das Brot schmeckt wie Pappe. Wie eine Prothese den Alltag und das eigene Ich durcheinanderbringt.

In meiner Zahnarztpraxis kommt das Wort „Prothese“ nicht mehr vor. Man spricht von Zahnersatz, was genauso gut eine Krone oder Brücke bedeuten könnte. Der Patient soll sich weniger schämen, wenn es zum Äußersten kommt. Sich eine Prothese anpassen zu lassen, ist das Äußerste, denn es bedeutet, dass man sehr viele Zähne einfach nicht mehr hat.

So wie ich. Vor mehr als einem Jahr eröffnete mir der sorgfältigste Zahnarzt von allen, dass in meinem Oberkiefer nur drei erhaltenswerte Zähne seien, zehn dagegen müssten gezogen werden. Das zurückgewichene Zahnfleisch und die fehlende Knochenmasse könnten sie einfach nicht mehr halten.

„Und was bedeutet das jetzt?“, fragte ich.

Mein Arzt setzte seine Lupenbrille ab und erklärte, dass ich mehrere Implantate brauchen werde, zuvor aber Knochenaufbau nötig sei. Diese Schritte müsse ein Kieferchirurg ausführen, dazwischen lägen jeweils Monate der Einheilzeit. Am Ende würde ich eine bombenfeste Teleskopbrücke erhalten, von echten Zähnen nicht zu unterscheiden. Haltbar bis an mein Lebensende.

„Für die Übergangszeit passen wir Ihnen einen Zahnersatz an. Das wird die Lebensqualität etwas einschränken.“ Mein Arzt verzog schmerzlich das Gesicht. Ich lächelte ihn weiter an, weil ich nicht die geringste Ahnung hatte, welches Ausmaß diese harmlos klingende Einschränkung annehmen würde. Zwar hatte ich als kleines Mädchen schaudernd die Prothese meiner Großmutter im Wasserglas dümpeln sehen, doch das waren 40 Jahre alte, verblasste Bilder. Jetzt war ich selbst 60, auf Turnschuhen unterwegs, und zahnlose alte Leute hatten keinerlei Bezug zu mir.

Ich fühlte mich gedemütigt

Die Arzthelferin füllte meine Mundhöhle mit einer dicken, warmen Masse, ich wartete geduldig, bis diese erstarrte, und sie das Zeug herauszerrte. Mithilfe des Abdrucks würde das Labor meine Übergangsprothese für die kommende Zeit anfertigen. Die türkisgrünen Silikonreste blieben an meinen Lippen kleben.

Zwei Wochen später hatte ich den Termin bei einem Kieferchirurgen. Bis zu jenem Tag war mir trotz grauer Haare mein gepflegtes Äußeres wichtig. Nach dem Vormittag in seiner Praxis würde dieses dahin sein. Auf Lippenstift hatte ich morgens schon verzichtet. Als ich in den OP-Raum ging, leuchteten mir die Augen dreier Helferinnen freundlich entgegen. „Wie kann man an diesem Tag gute Laune haben?“ Ich lächelte sie das letzte Mal mit meinen eigenen Zähnen an.

Das Team hat es mir leicht gemacht, sie zu verlieren, wir haben sogar gelacht. Die Zähne sind dem Chirurgen quasi entgegengefallen, sehen wollte ich sie nicht mehr. Schmerzen hatte ich keine, es hat nur geblutet. Zum Schluss reichten mir die Arzthelferinnen einen Mundschutz mit einem aufgeklebten strahlenden Lächeln, und so fuhr ich in meinem Auto nach Hause. Die Wunden mussten erst abschwellen, bevor die Prothese angepasst werden konnte. Mit nur noch drei Stümpfen im Oberkiefer statt einer kompletten Zahnreihe fühlte ich mich gedemütigt.

Der erste Blick in den Spiegel war der schlimmste, den ich je in ihn geworfen habe. Ohne von Zähnen gestützt zu werden, hing meine Oberlippe schlaff herunter. Jegliche Spannung war aus meinem Gesicht gewichen. Ich sah aus wie ein altes, zahnloses Weib, und die schönsten Ohrringe der Welt würden das nicht ändern.

Ein intaktes Gebiss unterstützt das eigene Ich

Jetzt begriff ich am eigenen Leib, wie unersetzlich Zähne für Aggression sind. Wie sämtliche positiven Aspekte der Angriffslust und Selbstbehauptung, sogar ein herzhaftes Lachen, ein Werkzeug dafür brauchen. Ein intaktes Gebiss unterstützt das eigene Ich: In Stresssituationen beißt der Mensch unwillkürlich die Kiefer zusammen und vergewissert sich damit seines wehrhaften Selbsts.

Der zahnlose Tiger dagegen ist ein schwacher Kater, ganz egal, wie durchtrainiert und sprungbereit er ansonsten sein mag. Weil er sich nicht mehr schützen kann und weiß, dass jeder das sofort sieht, wird er sich genauso verhalten wie ich: Zwar lebe ich nicht im Dschungel, doch als es an der Tür klingelte, zog ich es vor, mich zu verkriechen.

Leider muss jeder Mensch mal aus dem Haus. Will man durch den Mundschutz nicht noch Blicke auf sich ziehen, bleibt nur ein hoch um den Kopf gewickelter Schal, den ständig eine Hand am Verrutschen hindert. So ausgestattet, kann man an einer anonymen Supermarktkasse schnell etwas einkaufen, aber man will niemandem in die Augen sehen, mit niemandem sprechen, trägt am liebsten Grau, fühlt sich würdelos und huscht auf dem kürzesten Weg heim.

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