Das ehemalige Greenpeace-Schiff "Beluga" steht nun im Forst von Gorleben. Foto: Andreas Austilat
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Wie Protest das Wendland geformt hat Generation X

Was für Hauptstädter die Uckermark, war für West-Berliner das Wendland: Ein Ort der Ruhe und Kreativität. Doch dann wird Gorleben Atommüllendlager. Und der Protest formt bis heute die Landschaft.

Wenn Klaus Müller-Klug morgens auf den Balkon tritt, kommt ihm immer der gleiche Gedanke: „Haben wir es schön!“ Vielleicht schaut er erst hoch übers Dach, wo zurzeit die drei Störche in ihrem Nest sitzen. Dann aber geht sein Blick über die Elbe, die vor seiner Tür in Damnatz in einer Schleife träge dahinfließt.

So träge, dass er es sich bis vor drei Jahren nicht nehmen ließ, an jedem Tag ein Bad im Fluss zu nehmen. Inzwischen ist der 82-jährige Bildhauer da etwas nachlässig geworden. Bei schlechtem Wetter verzichtet er aufs regelmäßige Schwimmen.

„Wir“, das sind er und seine Frau Monika, ebenfalls Bildhauerin. 1976 kauften sie das 9000 Quadratmeter Bauernanwesen an der Elbe, realisierten hier ihren Skulpturengarten, eine Art Schaufenster für ihre Werke und die befreundeter Künstler. Stelen in Granit, Marmor, Kupfer – oder Holz, wenn sie von Monika sind. Allen Arbeiten gemein ist, dass sie sich harmonisch in den großen Garten fügen, so war es auch gedacht: als Auseinandersetzung mit der Landschaft.

Ihr Umzug war beinahe eine Flucht. Die beiden kamen aus West-Berlin, wo sie ihr Atelier hatten, erst in Kreuzberg, dann am Klausenerplatz. Eine Weile pendelten sie zwischen Wendland und Charlottenburg. Doch der Lebensmittelpunkt des Bildhauerpaars verschob sich vollständig nach Westen, als die erste Mietpreisexplosion nach dem Hauptstadtentscheid 1991 sie endgültig vertrieb.

Überall an Bauernhöfen findet sich das Zeichen des Protests: der Buchstabe X. Foto: Andreas Austilat Vergrößern
Überall an Bauernhöfen findet sich das Zeichen des Protests: der Buchstabe X. © Andreas Austilat

Der Landstrich, der sich wie eine Nase in das Territorium der DDR schob – von den 180 Kilometern Umfang des Kreises Lüchow-Dannenberg wurden 120 vom Eisernen Vorhang begrenzt – war einer der abgelegensten der alten Bundesrepublik. Keiner war dünner besiedelt, keine Autobahn führte durch die Region, schließlich wurde sogar der Bahnhof Lüchow geschlossen. Zonenrandgebiet nannte man das damals.

Dafür gibt es 40 verschiedene Libellenarten und von allen heimischen Lurcharten kommt die Hälfte im Wendland vor. Das und die billigsten Bodenpreise der alten Bundesrepublik – für nicht einmal 20 000 DM konnte man einen ganzen Bauernhof kaufen – entfalteten ihre eigene Anziehungskraft. Das Wendland wurde für West-Berliner zu Mauerzeiten was die Uckermark heute für Hauptstädter ist.

Und so kamen sie, Schriftsteller wie Nicolas Born und Hans-Christoph Buch, Zeitungsleute wie der „Stern“-Autor Kai Hermann, der einst „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ schrieb, Musiker und Maler – oder die sich wenigstens dafür hielten. „Nirgends“, versichert Monika Müller-Klug und streicht sich die rote Haartolle aus dem Gesicht, „gab es eine höhere Dichte an schöpferischen Menschen.“

Es beginnt 1977

Sie vermisse denn auch nichts, sagt sie. Bis heute ist immer etwas los in Dörfern wie Meuchelitz und Gumse, in Breese und in Pisselberg, vom Künstlerdorf Schreyahn gar nicht zu reden. „Eigentlich ist jede Woche irgendwo ein Konzert oder Theater“, und das in einer Region, die nach wie vor äußerst dünn besiedelt ist.

Wie aber konnte das gut gehen, das Aufeinandertreffen einer erzkonservativen Landbevölkerung auf der einen Seite – die NPD erzielte hier noch Anfang der 70er Erfolge – und gesellschaftlicher Aussteiger auf der anderen? „Wegen Gorleben“, sagt Axel Kahrs.

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Er wurde hier vor 70 Jahren geboren, war die längste Zeit seines Berufslebens Lehrer am Gymnasium in Lüchow. Ein Beruf, den er schließlich nur noch nebenbei ausübte, in der Hauptsache war er lange Programmleiter des Künstlerdorfs Schreyahn, in dem bis heute Stipendiaten in der Abgeschiedenheit komponieren oder schreiben.

Kahrs wäre nie so lange geblieben, wie er freimütig im wunderschönen Garten seines Lüchower Stadthauses erzählt, hätte der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen nicht am 22.2.1977 diese Entscheidung gefällt: Gorleben wird einer der zentralen Standorte für die bundesdeutsche Atomindustrie, mit Wiederaufbereitungsanlage und Endlager. „Das hat alles verändert“, sagt Kahrs.

Bildhauer aus Berlin, die nun im Wendland leben: Klaus Müller-Klug und seine Frau Monika. Foto: Andreas Austilat Vergrößern
Bildhauer aus Berlin, die nun im Wendland leben: Klaus Müller-Klug und seine Frau Monika. © Andreas Austilat

Die Künstler und die Akademiker und die Landwirte, sie hatten sich plötzlich doch was zu erzählen. Weil sie im Protest vereint waren. Die einen bildeten Menschenketten, die anderen blockierten mit ihren Treckern die Zufahrtstraßen. Immer noch sieht man an vielen Häusern, Scheunen und Zäunen, bei den Müller-Klugs ebenso wie bei Axel Kahrs ein gelbes X, manchmal mannshoch, manchmal stickerklein. Das stand für den Tag X, den 8. Oktober 1984, als der erste Atommüllbehälter anrollte, bis heute ist es Symbol für Zusammenhalt und Widerstand.

Kann Protest eine Landschaft formen? Vielleicht auf seine eigene subtile Weise. Das Wendland, scheint es, hat irgendwie nicht richtig mitgemacht, als die Flurbereinigung andernorts flächendeckende Felder schuf, die bis zum Horizont reichen.

Alles ist kleinteiliger, die Dörfer sehen aus, als wären sie aus der Zeit gefallen. Weil die großen Fachwerkhöfe, aus roten Ziegeln gemauert, noch stolz ihre Sinnsprüche zeigen, die direkt aus einem mindestens 100 Jahre alten Poesiealbum kommen könnten.

Stipendiaten in Rundlingsdörfern

Die kleinste bewohnte Einheit und typisch für die Region ist das Rundlingsdorf, bei dem eine Handvoll Gehöfte in Kreis stehen, die Giebel einander zugewandt, wie Stücke einer Torte. In der Mitte ist der Dorfplatz, am Rand, dort wo die Tortenstücke breiter werden, liegen die Felder. Etwa 50 Menschen leben in so einem Rundling, mehr Häuser passen nicht, sonst würde der Platz in der Mitte zu groß. Alle öffentlichen Gebäude, die Kirche ebenso wie der Gasthof, stehen am Rand.

Zu den schönsten Beispielen zählen Schreyahn oder ganz in der Nähe Satemin, aber im Wendland gibt es noch rund 100 solcher Dörfer, nirgendwo sonst sind derart viele erhalten. Und funktioniert die Gemeinschaft in so einem Rundling? In Schreyahn schon, wie die Berliner Autorin Nina Bussmann erzählt, auch wenn sie erst seit Juni als Stipendiatin hier wohnt.

Kürzlich habe ein gemeinsames Grillen der Dorfbewohner stattgefunden. Die Attraktivität auf Auswärtige ist ungebrochen, nimmt man das fast schon verzweifelt klingende Kaufgesuch einer Berliner Familie, das in Schreyahn an einem Baum hängt, als Beleg. Sie werden warten müssen, bis im alten Bestand etwas frei wird, für Neubauten ist kein Platz.

Früher Lehrer, jetzt Programmleiter: Axel Kahrs. Foto: Andreas Austilat Vergrößern
Früher Lehrer, jetzt Programmleiter: Axel Kahrs. © Andreas Austilat

Das Land ist tellerflach, das Radwegenetz gut ausgebaut, weshalb das Fahrrad im Wendland als adäquates Verkehrsmittel gilt. Zumal die Distanzen von Dorf zu Dorf nicht groß sind. Die größte Herausforderung könnte es für den Radler sein, einen Stellplatz zu finden, wenn er am Ende nach Hitzacker kommt, nicht nur während der sommerlichen Tage sind solche Plätze im Fachwerkstädtchen rar. Das ganze Jahr über kommen Ausflügler, weil der stark frequentierte Elbe-Radwanderweg direkt hier durchführt.

Ein anderer touristischer Hotspot ist auf eine seltsame Weise die Umgebung von Gorleben. Mitten im Wald ragt plötzlich der aufgebockte Rumpf der „Beluga“ hervor, das einstige Greenpeace-Schiff liegt wie ein gestrandeter Wal zwischen den Bäumen. Dahinter ragen Zäune empor, die die gescheiterten Atomanlagen absichern.

Es gebe geologische Gründe, wurde damals behauptet, die das Wendland vermeintlich zum geeigneten Standort prädestinierten. Entscheidend war aber wohl die menschenleere Lage – und die Tatsache, dass die DDR in einem ehemaligen Salzbergwerk in Morsleben auf der anderen Seite der Elbe ähnliches plante.

Und dann brachen Anfang der 70er Jahre in der Region gleich mehrere Waldbrände aus. Viele Einheimische glauben nicht an einen natürlichen Ursprung. Sie halten es nicht für Zufall, dass die Feuer zeitlich mit dem Beginn der Erkundung für ein etwaiges Endlager zusammenfielen.

Alles inzwischen Geschichte. Geblieben ist den Wendländern die Nehmitzer Heide, eine der größten Heidelandschaften der Bundesrepublik – und eine der Attraktionen der Region. Echten Heidschnucken kann man hier begegnen, denn die Heide, einst eher ungewollt entstanden, muss von den Schafen kurz gehalten werden.

Der Widerstand gegen die Atompläne war heftiger als von der Landesregierung kalkuliert. Voran ging Andreas von Bernstorff, dessen Familie seit mindestens 400 Jahren auf Schloss Gartow lebt und der bis heute einer der größten Waldbesitzer ist. Bernstorff weigerte sich seinerzeit, seinen Wald der Atomindustrie zu überlassen. Legendär seine Konfrontation mit einem Polizisten, der ihn des Platzes verweisen wollte. „Sie stehen in meinem Wald“, konterte er. Aus seiner damaligen Partei, der CDU, wurde er ausgeschlossen. Doch alle Versuche, sein Land zu nehmen, scheiterten vor Gericht.

Typisch für den Landstrich sind die Rundlingsdörfer - wie hier Schreyahn. Foto: mauritius images / Kuttig - Trav Vergrößern
Typisch für den Landstrich sind die Rundlingsdörfer - wie hier Schreyahn. © mauritius images / Kuttig - Trav

Das geplante Endlager wurde nicht errichtet, der Müll kam trotzdem in aufwändigen Behältern, Castoren genannt. Heute lagert er oberirdisch in Wellblechbaracken hinter Stacheldraht. Solange die Behälter dort liegen, zweifeln Anwohner, dass die Pläne wirklich vom Tisch sind. Die Genehmigung für die oberirdische Atommülllagerung endet 2034. Spätestens dann werde wieder diskutiert, wohin mit dem Zeug.

Bis dahin bleiben die Biobauern wachsam, die in der fruchtbaren Erde Kartoffeln, Gemüse und Getreide anbauen. Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die Biobauerndichte im Wendland erheblich höher ist als im übrigen Niedersachsen.

Zurück nach Lüchow, dem angemessenen Ausgangs- und Endpunkt einer Reise in den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Denn Lüchow, nicht das beinahe gleichgroße Dannenberg, das dem Kreis das Kürzel für das Autokennzeichen gegeben hat, ist so etwas wie die Hauptstadt der Region.

Irgendwie Mittelmeer

Ihr besonderes Flair beschreibt einer, der auch einst aus Berlin hierher floh, als „mediterran“: Bernd Schröder führte einst mit seinem Partner Ingo Körnig das Alte Wirtshaus am Friedenauer Südwestkorso. Seit 1994 betreiben die beiden das Hotel am Glockenturm, in dem seit damals alle gewohnt haben: Atombefürworter und -gegner.

Tatsächlich ist Lüchow mit seiner von Fachwerk gesäumten Hauptstraße unter den kleinen Städten – der Ort hat keine 10 000 Einwohner – eine große. Dazu trägt das gefällige Stadtbild bei. Das Flüsschen Jeetzel durchquert in zwei Armen das Zentrum, an der Mischung der Geschäfte entlang der Straße können sich andere Orte ein Beispiel nehmen, unter den Läden sind die Filialisten großer Ketten eher in der Minderheit.

Es fällt jedenfalls auf, dass an einem Donnerstagmittag bemerkenswert viele Menschen zu Fuß im Zentrum unterwegs sind. Ein Großteil davon nimmt sich die Muße, in einem der Cafés am Straßenrand zu sitzen. Das hat tatsächlich etwas von südlichen Gefilden. Das habe es früher einfach nicht gegeben, sagt Axel Kahrs.

Der Streit um Gorleben – er hat am Ende auch sein Gutes gehabt.

HINKOMMEN
Der Zug fährt nur bis Uelzen, das Bahnticket kostet ab 21,50 Euro. Von dort muss man einen Bus nach Lüchow oder Dannenberg nehmen, 9 Euro.

Mit dem Auto die A 24 Richtung Hamburg fahren, an der Abfahrt Ludwigslust die B 191 nehmen und bis Lüchow fahren.

UNTERKOMMEN
Hotel am Glockenturm, in einem Fachwerkhaus in Lüchow, Doppelzimmer ab 90 Euro pro Nacht, hotel-am-glockenturm.de

RUMKOMMEN
Der Skulpturengarten in Damnatz öffnet jeden Mittwoch von 11-18 Uhr oder nach Vereinbarung unter skulpturengartendamnatz.de, Eintritt frei.

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