Spandauer Hürdenspringer: Stefanie Corogil, Vanessa Dörries und Matthias Bánffy Foto: Patricia Kalisch
© Patricia Kalisch

Wie Berlins Ehrenamtliche in der Krise halfen Digital gegen Corona gekämpft

Matthias Bánffy von der Spandauer Corona-Nothilfe im Interview: Wie die Krise dazu zwang, die Arbeit der Freiwilligen komplett neu zu denken.

In der Corona-Krise waren soziale Einrichtungen oder Vereine urplötzlich vor die Situation gestellt, dass sie mit ihren Hilfsbedürftigen oder mit ihren Ehrenamtlichen nicht mehr in gewohnter Weise und bei persönlichen Treffen miteinander kommunizieren konnten. Das hat nach einem abrupten Stillstand der normalen Abläufe und Arbeitszusammenhänge in vielen Fällen aber schnell dazu geführt, dass neue Wege ausprobiert wurden und vor allem auf digitale Hilfsmittel ausgewichen wurde. Organisationen taten sich damit unterschiedlich schwer oder leicht, je nachdem, ob es sich um größtenteils ältere Ehrenamtliche handelte oder jüngere Menschen, die mit der online-Kultur aufgewachsen sind. Welche Erfahrungen und Lernprozesse seine Organisation in der Krise gemacht hat, haben wir Matthias Bánffy gefragt, er ist zusammen mit Vanessa Dörries Projektkoordinator der Spandauer Netzwerkfonds „Hürdenspringer“. Die zum Unionhilfswerk gehörende Einrichtung baut für Spandau gerade die bezirkliche Freiwilligenagentur auf, die er ab dem 1. August gemeinsam mit Stefanie Corogil leiten wird.

Die Corona-Krise ist für Vereine und Organisationen eine große Herausforderung. Welche Erfahrungen mit digitalen Instrumenten haben Sie in einer Situation gemacht, in der für Vereine und Gruppen die normalen Kommunikationswege weggebrochen sind?

Wie wir als Team mit Freiwilligen zusammenarbeiten, hat sich komplett geändert. Alle gewohnten Verhaltensweisen und Arbeitsabläufe sind weggefallen. Um mit Menschen zu kommunizieren, denen wir bis dahin über den persönlichen Kontakt geholfen haben, mussten wir plötzlich neue Techniken nutzen, um diese Menschen zu erreichen – und mussten diese Technik zunächst diesen Menschen nahebringen. Die hilfsbedürftigen Menschen benötigten eigentlich ganz dringend und schnell die Digitalisierung, waren aber von ihrer Lebensweise her davon sehr weit entfernt waren und hatten oft kein Internet.

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Wir wiederum benötigten plötzlich etwa Zoom, was zugleich für uns bedeutete, dass wir diese digitalen Instrumente ganz schnell in die Datenschutzgrundverordnung einarbeiten mussten, um sie Datensicher nutzen zu können. Außerdem machten wir die Erfahrung, dass Ehrenamtliche vielfach selbst aus der Risikogruppe stammen, also älter sind oder chronische Erkrankungen haben, und deswegen nicht mehr ehrenamtlich arbeiten konnten. Wir haben in Spandau etwa eine Gruppe von ganz tollen Seniorinnen, den „Sprachmäusen“ , die gehen in Kitas und lesen Kindern vor. Die schenken diesen Kindern, denen nie vorgelesen wird, einen Zugang zu Phantasiewelten, der wirklich ganz wichtig und besonders für sie ist. Die konnten nun nicht mehr kommen wegen der Ansteckungsgefahr durch die Kinder.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Unser Job ist ja, den Einstieg in das Ehrenamt zu erleichtern und Ehrenamt auch weiterhin zu ermöglichen. Da hat sich ganz viel verändert. Wir haben etwa ganz schnell Online-Schulungen organisiert – die dann auch gleich online stattfinden mussten. Dazu mussten wir etwa die Teilnehmer*innen durch die Trainerin erst einmal persönlich auf die Online-Ebene lotsen. Die Trainerin hat die Teilnehmer*innen übers Festnetz angerufen und hat sie dann gemeinsam Schritt für Schritt mit persönlicher Ansage in das Webinar oder in die Zoom-Konferenz geleitet. Erst dann konnten wir die Qualifizierung machen, um weiter das Ehrenamt zu ermöglichen.

Was hat für Sie überraschend gut geklappt?

Diese wahnsinnige Welle von Hilfsangebote wärmt mir immer noch das Herz. Das war total toll. Wir als Menschen, die freiwilliges Engagement fördern wollen, möchten ja mit unserer Arbeit auch eine gewisse Qualität sicherstellen. Vorgespräche, Vorlage von Gesundheitszeugnis oder polizeiliches Führungszeugnis – all unsere normalen Abläufe funktionierten in der Krise plötzlich nicht mehr. Dabei wurde sofortige Hilfe gebraucht. Das hat aber ganz toll geklappt, weil es mit den Ehrenamtlichen eine partnerschaftliche und konstruktive Zusammenarbeit gab, bei der wir uns alle auf Neuland bewegten. Das war schwierig und toll zugleich.

Auch jenseits der etablierten Vereine und Gruppierungen hat es ja eine Vielzahl von digitalen Aktionen der Nachbarschaftshilfe und der Unterstützung für Hilfsbedürftige oder auch Läden gegeben. Hatten es diese neuen Akteure leichter, weil sich dabei viele jüngere Menschen beteiligten, die digital aufgewachsen sind?

Ja, diese Akteure konnten sich schon anders bewegen. Wir kommen ja aus einem ganz anders definierten Raum. Deswegen mussten wir uns in der Krise von Verhaltensweisen verabschieden, die sich in der Vergangenheit als sehr gut erwiesen haben. Das war nicht so leicht. Und wir haben einen sehr klaren Auftrag, der etwa von der Stiftung Unionhilfswerk definiert wird. Wir tanzen da auf einem kleineren Brett, können nicht so frei einer Inspiration folgen, wie es etwa diese Netz-Akteure können. Wir bewegen uns eben auf verschiedenen Feldern. Das ist auch genau richtig so.

Welche Unterstützung durch die Politik auf dem Weg in die Digitalisierung wäre denn wünschenswert?

Wir würden uns wünschen, dass die Kolleg*innen in den Bezirksämtern selber leichter Zugang bekommen zu digitalen Hilfsmitteln. Das würde der Zusammenarbeit einfach noch mal einen Schub geben.

Es ist freilich auch so gewesen, dass selbst social-startups wie nebenan.de einen analoge Telefonnummer geschaltet haben, weil hilfesuchen Menschen sich nicht ins Internet trauten. Ist das ein Hinweis darauf, dass man bei aller Digitalisierung auch künftig nicht die Menschen vergessen darf, die keinen Internetzugang haben?

Ja, das ist ein ganz klarer Hinweis. Das sind eben auch die Menschen, die leicht vergessen werden, weil sie mit diesen Dingen nicht so klarkommen. Meine Erfahrung ist, dass Menschen – selbst wenn sie Internet-Zugang haben – sich oft nicht trauen, es zu nutzen, weil sie ganz große Angst davor haben, selbst ein PDF zu öffnen. Wir haben zwar schon häufiger Digital-Schulungen für Senior*innen durchgeführt, was unser großer Vorteil war, als die Corona-krise kam, weil wir schon eine ganz tolle Dozentin hatten und wussten, wie es funktionieren kann. Aber ich habe bei Freiwilligen ganz große Hemmschwellen und Sorge erlebt. Deswegen muss es auch künftig die Möglichkeit geben, über ein Festnetz anzurufen. Andererseits müssen auch jüngere Ehrenamtliche die Möglichkeiten haben, in der Kommunikation ihre Kanäle wie etwa Messenger-Dienste zu nutzen, weil viele Jugendliche sehr ungern telefonieren.  Für jede Zielgruppe müssen wir den Kanal offen haben, auf dem sie kommunizieren wollen.

Haben Sie erlebt, dass Menschen Hemmschwellen haben, digitale Devices oder Kommunikationsmittel zu nutzen, selbst wenn sie wissen, wie es geht?

Jeder bleibt gerne bei dem, was man kennt und immer schon genutzt hat. In Zeiten der Krise aber sind Menschen eher zu Verhaltensveränderungen bereit – wenn es einfach geht. Die neuen Hilfsmittel müssen niedrighängende Früchte sein, damit man danach greift. Bei manchen Werkzeugen, die ganz einfach sind, verstehe ich nicht, warum sie trotzdem nicht genutzt werden.

Bisher war die Fragestellung eher, wie man die Digitalisierung für die Mitgliederverwaltung, Finanzen oder Öffentlichkeitsarbeit nutzen kann. Hat sich das grundsätzlich in der Krise geändert, weil es nun viel wichtiger geworden ist, die Menschen zusammenzubringen und zu erreichen in der Isolation?

Ja. Ich habe es selber im privaten Bereich erlebt. Ich singe in einem Chor. In der Krise haben wir online über zoom geprobt, damit wir uns sehen konnten. Insgesamt habe ich erlebt, dass sich online nicht die Freiwilligen, sondern stärker die Professionellen getroffen haben, um eben gewisse Strukturen aufrechtzuerhalten oder neue Strukturen aufzubauen. Ansonsten habe ich die Menschen, mit denen wir sonst zu tun haben, einfach angerufen. Wir haben keinen Besuchsservice für Senior*innen per Tablet auf die Beine gestellt, weil wir in der Krise auch eine andere Rolle hatten. Wir sind ja für Spandau die Koordinierungsstelle für die Ehrenamt-Corona-Nothilfe, für Menschen, die in Quarantäne oder Isolation sind, und wir auf Notlagen schnell reagieren müssen. Das haben wir alles über Telefon gemacht. Daneben haben sich ganz, ganz viele Menschen online gemeldet und ihre Hilfe angeboten. Spannend war, dass die Zahl derer, die dann letztendlich halfen, um ein Vielfaches kleiner war. Die hatten Lust, zu helfen, aber die Hürde, sich zu verifizieren, war dann doch zu hoch. Aber aus Sicherheitsgründen mussten wir darum bitten, sich mit hochgeladenem Foto und Personalausweis-Ablichtung zu legitimieren, bevor wir den Kontakt zu hilfesuchenden Menschen herstellen. Da haben wir leider keinen besseren Weg gefunden. Aber wir konnten jede Hilfeanfrage bedienen, das war gut.

Gibt es immer noch Menschen, die Hilfe wollen und Menschen, die helfen wollen?

Ja, aber viel weniger als vor einigen Wochen. Das hat auch damit zu tun, dass wir alle Menschen, die Unterstützung haben wollten oder helfen wollten, darauf hingewiesen, diese Hilfe doch in ihrem Wohnhaus zu organisieren. Das sind immer noch die stärksten Netzwerke. Wenn Frau Müller sowieso einkaufen geht, kann sie auch Frau Meier drei Eier mitbringen. Dazu haben viele Menschen einfach diese Aufforderung und Ermutigung gebraucht, weil sowohl Helfer als auch Hilfesuchende vorher nicht den Mut hatten oder zu schüchtern waren, sich an die Nachbarn zu wenden.

Die Landesfreiwilligenagentur bietet regelmäßig Kurse im Bereich Digitalisierung an. Werden sich die Teilnehmerzahlen durch die Erfahrungen in der Corona-Krise ändern?

Das wird sich definitiv ändern, auch weil viele Menschen in der Krise die Erfahrung einer sozialen Isolation gemacht haben. Deswegen haben sich ältere Menschen etwa Werkzeuge wie ein Smartphone besorgt. Welche Auswirkungen das auf unsere professionellen Strukturen hat,  werden wir sehen. Ich erlebe jedenfalls, dass Menschen Kommunikationsmittel benutzen, die sie vorher nicht nutzten.

Kann es sein, dass Vereine und Organisationen künftig mehr über ihren Tellerrand schauen und mehr mit diesen sozialen Startups zusammenarbeiten – von GoVolunteer bis Betterplace - und auch die Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für Freiwillige sich verändert?

Ja, das müssen wir. Es ist eigentlich auch ein perfektes Match. Wir sind gut bei der Begleitung von Ehrenamtlichen und haben da hohe Qualitätsstandards. Die sozialen Startups können dagegen total gut Menschen ansprechen, an die wir sonst nicht rankommen. Aber wir haben dann wiederum mehr Inhalte für ein Engagement.


Das Gespräch führte Gerd Nowakowski


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