Scheiß drauf, wir brachten uns in Festivalstimmung

Dieser Mann schneidert den beiden Festivalbesuchern Anzüge im traditionellen Stil - extra bunt natürlich. Foto: privat
Westafrika Tanzen trotz Terrorwarnung: Zum Festival nach Mali

Welcher Hinweis? Wir schauten uns an – und waren uns plötzlich zum ersten Mal unsicher. Anruf in der Botschaft: „Wie sieht die Gefahrenlage denn aus?“ – „Ich kann nichts Genaueres sagen, nur, dass ich Ihnen dezidiert rate, Ségou zu verlassen.“ – „Sie müssen doch ein paar Details haben!“ Der Mitarbeiter wiederholte sich noch zwei Mal, sein Tonfall wurde immer ernster. „Die abstrakte Gefahr ist so groß wie nie.“ Wir legten auf und dachten nach. Was, wenn jemand eine Bombe zündete, in der Menge vor der Bühne? Was, wenn wir danebenstünden? Wie hoch war die Chance, dass genau das eintreten würde? Je länger wir grübelten, desto kleiner wurden unsere Zweifel. Auch, weil wir nicht zweifeln wollten. Die Alternative war: zurück nach Bamako – also keine Alternative. Außerdem hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon die Bühnen und das Line-up gesehen: Tinariwen, die Götter des Desert Blues, und Habib Koité, ein Star in Mali, der afrikanische Stile mit Rock und Reggae zusammenbringt. Wir hatten richtig Bock.

Scheiß drauf, dachten wir und brachten uns in Festivalstimmung. Dazu gehört der passende Look. Wir fanden einen Mann, der uns traditionelle Anzüge auf den Leib schneiderte, lockere Zweiteiler aus Hose und langem Hemd, dazu passende Kappen, die wie Schiffchen auf dem Kopf sitzen. Für uns konnten die Stoffe gar nicht ausgefallen genug sein, von oben bis unten in Pink, mit kleinen Rauten, Schlangenlinien, gelben Gockeln auf blauem Grund. Wir gehörten zu den wenigen weißen Festivalbesuchern in der Stadt, und als ob das nicht auffällig genug gewesen wäre, sahen wir nun auch noch so aus. Falls uns die Einheimischen für komisch hielten, ließen sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Wir bekamen sogar Lob für unsere Outfits, auf der Straße streckten manche Leute den Daumen hoch.

Lila Wolken. Sonnenuntergang am Ufer des Niger in Ségou. Foto: pa/EPA/NIC BOTHMA Vergrößern
Lila Wolken. Sonnenuntergang am Ufer des Niger in Ségou. © pa/EPA/NIC BOTHMA

Auf einmal war der Terror wieder egal

Das Festivalgelände lag am Fluss, die andere Uferseite, überhaupt die ganze Stadt mit ihren vereinzelten Lehmbauten im historischen Stil war durch Soldaten gesichert, vor allem am Sonnabend, als Malis Afropop-Legende Salif Keïta auftrat – zu groß war die Gefahr, dass sich Terroristen etwa mit Booten näherten. Die Sicherheitskontrollen am Einlass erschienen uns streng, es gab Metalldetektoren, man wurde abgetastet. Zumindest zeitweise. Stunden später waren die Kontrollstellen verwaist, man gelangte einfach so zu den Bühnen. Auf einmal war der Terror wieder egal.

Uns sollte es recht sein. Wir sahen die ersten Auftritte und wussten: Alles richtig gemacht. Tausende Menschen wuselten zwischen den Bühnen und den Kunstmarktständen, Alte und Junge, Ärmere und solche mit Geld. Für die Einheimischen kostete der Eintritt umgerechnet etwa zwei Dollar, für uns 50 Dollar. Richtig so. Kaum jemand trank Alkohol – Mali ist ein muslimisch geprägtes Land – , und trotzdem feierten viele bis zum Morgengrauen, sangen die Songs mit, rissen ihre Arme hoch, machten Handyvideos, waren gut drauf und offen, auch uns gegenüber. Immer wieder bildeten sich Kreise, jemand tanzte in der Mitte, Frauen und Männer. Nichts für Islamisten.

Am zentralen Imbissstand bestellten wir Huhn, auf den Tisch kam der komplette Vogel, grob in drei Teile gehackt. Hier bekamen wir auch Bier, von Weißen hatte man das wohl eh nicht anders erwartet. Weil wir keine Lust hatten, weiter im vollkommen charmefreien Hotel zu wohnen, fragten wir die nette Imbissbetreiberin nach privaten Unterkünften. Sie bot uns an, bei ihr unterzukommen, in einem kleinen fensterlosen Raum, darin Reifen und ein alter Teppich. Perfekt. Wir hatten eine neue Bleibe und „Mama“, wie wir die Frau fortan nannten, das Monopol auf unsere Bierversorgung. Bei den Nachbarn kamen wir ebenfalls gut an. So gut, dass Lech ihre erwachsene Tochter kaufen sollte. Er lehnte höflich ab.

Wir hatten den Spaß unseres Lebens

Das beste Konzert fand abseits des Festivalgeländes im Hambe Hôtel statt. Zwei Schweizer, auch Touristen, hatten uns den Tipp gegeben. Kader Tahanin und seine Band sahen aus, als seien sie noch tags zuvor durch die Wüste gezogen. Einer trug eine kunstvoll gedrehte Stoffwurst um den Kopf, daraus hing etwas Tuch herab, das fast das ganze Gesicht bedeckte, nur seine Augen waren zu sehen. Sie spielten Bass, E-Gitarre und statt eines Schlagzeugs bearbeiteten sie einen ausgehöhlten Kürbis. Dumpfe Schläge, eine wehmütige Melodie, die Saiten klagten über, ja, über was eigentlich? Traurige Tuareg. Es war warm, auch nachts noch, ab und zu strich uns der trockene Wüstenwind über die Gesichter. Der Botschafter und seine SMS waren längst vergessen.

Lech und Leo tanzen durch die Nacht, bis am Morgen ein gepanzertes Budneswehrauto an ihnen vorbeifährt. Foto: privat Vergrößern
Lech und Leo tanzen durch die Nacht, bis am Morgen ein gepanzertes Budneswehrauto an ihnen vorbeifährt. © privat

Beim Konzert lernten wir den Bandmanager kennen. Er packte uns in seinen Wagen, erst fuhren wir in einen Club, dann in die Villa eines Mäzens am Stadtrand. Viele Musiker waren hier untergebracht, wir hingen ein bisschen herum, sahen uns in den Räumen voller malischer Kunst um. Es war absurd, unwirklich, die Situation so gar nicht wahrscheinlich, aber hey, da waren wir: zwei mindestens angetrunkene Touristen in Mali, die den Spaß ihres Lebens haben.

Bevor wir am Morgen zurück zu „Mama“ fuhren, frühstückten wir vor einem Reisfladenstand an einer Ausfallstraße. Wir trugen noch immer unsere malischen Anzüge und waren ziemlich verkatert, da fuhr ein gepanzertes Bundeswehr-Fahrzeug vorbei, die schwarz-rot-goldene Flagge wehte auf dem Dach. Wir riefen „Servus“ und lachten. Der Typ am Steuer hat vielleicht Augen gemacht! Hinterher erfuhren wir, dass die Organisatoren überlegt hatten, wegen der schlechten Sicherheitslage abzusagen.

Der Tagesspiegel empfiehlt, die aktuellen Reise- und Sicherheitshinweise unter auswaertiges-amt.de zu beachten.

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