Kindern wurde unter anderem das Neuroleptikum Pipamperon verschrieben. Foto: Fabian Sommer/dpa
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Weiter scharfe Kritik am System Winterhoff Kinderpsychiater verschrieb ruhigstellende Neuroleptika

Michael Winterhoff verschrieb Kindern jahrelang ein Medikament mit gravierenden Nebenwirkungen. Auch nach Bekanntwerden schweigen manche Einrichtungen.

Trotz der scharfen Kritik an den Behandlungsmethoden von Michael Winterhoff aus Bonn, arbeiten mehrere Jugend-Einrichtungen noch immer mit dem Kinderpsychiater zusammen. Die HPW Dierdorf, eine Jugendhilfe-Einrichtung im Westerwald zum Beispiel, gibt keine klare Aussage über die zukünftige Zusammenarbeit ab. Auf ihrer Webseite schreibt die Einrichtung lediglich, sie hätten die anstehenden Termine mit Winterhoff abgesagt.

Der bekannte Kinderpsychiater soll nach Recherchen von WDR und der "Süddeutschen Zeitung" fragwürdige Diagnosen erteilt und schwere Medikamente verschrieben haben. Ehemalige Patienten warfen ihm demnach vor, Winterhoff habe ihnen über Jahre und bereits im Kindesalter ruhigstellende Neuroleptika verschrieben, vor allem das Mittel Pipamperon.

Laut Herstellerangaben wirkt Pipamperon beruhigend und kann schwerste Nebenwirkungen wie Diabetes, Fettleibigkeit und Herzerkrankungen hervorrufen. Es gibt sogar Hinweise, dass das Antipsychotikum dazu beiträgt, dass sich die Gehirnmasse verringert.

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Der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort sagt, es handle sich bei Pipamperon um ein Notfallmedikament, das für kurze Zeit verabreicht wird, "wenn ein Kind in einen psychomotorischen Erregungszustand gerät", also innerlich unruhig und angespannt ist. Zum Beispiel bei einem heftigen Wutanfall. Es habe seiner Auffassung nach keine Indikation für eine Langzeitbehandlung. Doch die Jugendamtsakten so mancher Heimkinder belegen eine Dauermedikation durch den bekannten Kinderpsychiater.

Winterhoff verschrieb den Kindern das Medikament in einer hohen Dosierung. Foto: Jens Kalaene/dpa Vergrößern
Winterhoff verschrieb den Kindern das Medikament in einer hohen Dosierung. © Jens Kalaene/dpa

Der kritisierte Kinderpsychiater hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und war oft in Talkshows zu Gast. Eventuell hat gerade diese Bekanntheit das System Winterhoff überhaupt möglich gemacht.

Oft stellte der Psychiater die Diagnose "Entwicklungsretardierung mit Fixierung im frühkindlichen Narzissmus". Dieses Krankheitsbild beschreibt er auch in seinen Büchern. Doch in Fachkreisen werden seine Diagnosen schon lange als unwissenschaftlich kritisiert und nicht anerkannt. So sei der Begriff "Narzissmus" abwertend für Kinder und Jugendliche. Michael Schulte-Markwort sagt dazu: "Die Beschreibung, du bist ein Narzisst, ist überhaupt nichts Diagnostisches, sondern ausgesprochen abwertend, defizit-orientiert und schädigend gegenüber Kindern."

Winterhoff aber stellte die Diagnose zu Häufe und mit ihr das umstrittene Medikament Pipamperon. Er behauptete, die Gabe des Mittels sei häufig die Voraussetzung für eine heilpädagogische Behandlung gewesen. Der Berufs- und Fachverband Heilpädagogik (BHP) hat dieser Auffassung widersprochen. Heilpädagogische Handlungskonzepte basierten "auf einer Vielzahl bindungs- und beziehungsgestützter, ressourcen- und teilhabeorientierter Handlungsansätze und nicht auf dem Einsatz bestimmter Psychopharmaka", teilte der Verband mit.

Kinderpsychiater Michael Winterhoff bei einer Talkshow. Foto: imago/Müller-Stauffenberg Vergrößern
Kinderpsychiater Michael Winterhoff bei einer Talkshow. © imago/Müller-Stauffenberg

Winterhoff sagte außerdem, es gehe bei der Gabe von Pipamperon keinesfalls darum, die Kinder zu sedieren. Doch der Fachverband betont, dass Winterhoff das Medikament in diesem Fall in wesentlich geringeren Dosen hätte verschreiben müssen - und zeitlich begrenzt, nicht jahrelang, wie er das getan habe.

Trotzdem stellen sich einige Einrichtungen hinter den umstrittenen Kinderpsychiater. Nach Bekanntwerden seiner Behandlungsmethoden kündigten einige Jugendämter, Einrichtungen und Jugendhilfeträger zwar an, die Vorwürfe gegen Winterhoff zu prüfen. Doch die HPW Dierdorf zum Beispiel äußerte sich zunächst nicht.

Außerdem hält der Kleine Muck e.V. in Bonn weiter an einer Kooperation fest. Der Verein betreibt mehrere Einrichtungen und wurde von Winterhoff mit gegründet. Er selbst betreut zahlreiche Kinder in dessen Einrichtungen als Facharzt. Auch der Kinderhof Campemoor, eine Einrichtung nahe Osnabrück, distanzierte sich in einem Schreiben an die Eltern, das dem WDR und der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt, nicht von Winterhoff. Darin heißt es: Man arbeite seit vielen Jahren intensiv und "wie wir meinen oft mit gutem Erfolg" mit dem Arzt zusammen. (kna, Tsp, Tagesschau)

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