Am zweiten Adventswochenende findet in Tangermünde der legendäre Weihnachtsmarkt statt. Foto: TTB/Andreas Lander
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Weihnachtlicher Städtevergleich Vom legendären Weihnachtsmarkt und dem Wunder der Bratäpfel

Bratäpfel im Glockenturm und Ramonas Eierpunsch. Stendal und Tangermünde ergänzen sich aufs Malerischste – und haben herrliche Weihnachtsmärkte zu bieten.

Tangermünde ist klein. Wie klein, wurde Max Heckel erst so richtig klar, als er seine neugeborene Tochter, ein Schreibaby, über die kopfsteingepflasterten Straßen schuckelte. Eine Viertelstunde, und er war durch. Die Altstadt selbst, von Tor zu Tor, ist nur 350 Meter breit und 650 lang. Der Musiker ist Größeres gewohnt: Stendal. In der Nachbarstadt ist er aufgewachsen. Doch der 33-Jährige hat Platz für zwei Herzen in seiner Brust.

Stendal und Tangermünde, die beiden mittelalterlichen Hansestädte, Fachwerk und Backstein en masse, Kirchen, Türme und Stadttore, picobello restauriert, liegen nur eine Viertelstunde voneinander entfernt. „Hans“, die Hanseatische Eisenbahn, bringt die Gäste hin und her. Schnell spürt man eine gewisse Konkurrenz zwischen den Orten. Als würden sie sich nicht aufs Malerischste ergänzen. Zeit für einen Städtevergleich.

Jetzt, am zweiten Adventswochenende, findet in Tangermünde der legendäre Weihnachtsmarkt statt, einmal die ganze Straße rauf und runter, in den eigens zu diesem Anlass geöffneten Höfen und über die Stadttore hinaus. Dann wird Salzwedeler Baumkuchen, „Kuhschwanzbier“ und Ramonas Eierpunsch serviert, wird Kunsthandwerk im historischen Rathaus gezeigt. Auf dem Hof von Schulzens Brauerei weihnachtet es ebenso wie in der alten Schule, die jetzt als Lokal dient, namens Exempel.

Heimat bedeutet, sich zu identifizieren – nicht, andere auszugrenzen

Dass auch Max Heckel mit seiner Band Nobody Knows auf dem Weihnachtsmarkt auftritt, den man manchmal vor lauter Menschen nicht sieht, versteht sich von selbst. Schließlich haben sie 2017 die Tangermünder Hymne eingespielt, ein liebevoll-ironischer Song mit dem Titel „Nummer zwei“. Auf dem Platz landete der Ort in der Altmark nämlich beim hotel.de-Ranking der liebenswertesten Kleinstädte Deutschlands. Auf Youtube kann man sich den kleinen Film anschauen. Mitwirkenden neben der Band: gefühlt die ganze Stadt, plus ihre Lokalitäten – die Exempel-Schlafstuben in historischer Ausstattung, Schulzens Bierbrauerei, die Kaffeerösterei, die Elbe natürlich mit ihren Auen ... Innerhalb von zwei Wochen hatte der Clip 25.000 Klicks.

Ein Treffen zu Mittag im Restaurant Atrium. Max Heckel trägt schwarzes T-Shirt, Bart, kurz geschorene Haare, am Hinterkopf ein Streifen lange. Auch wenn er in Halle Germanistik und Philosophie studiert hat, dort jetzt auch promoviert – „aus Genuss“, wie er sagt – stand es für ihn nie zur Debatte, seine Heimat wirklich zu verlassen. Allerdings ist die so selbstverständlich für ihn, dass er weder das Pathos noch die Aggressivität begreift, mit der Rechte den Begriff beschlagnahmen. Heimat, sagt der linke Musiker, bedeute für ihn, sich zu identifizieren – nicht, andere auszugrenzen.

Was ihm gefällt am Kleinstadtleben, ist das Unkomplizierte. „Dass man viele Dinge noch mit Handschlag regeln kann.“ Wenn er in Stendal gut essen will, geht er ins Atrium oder Le Petit, wenn er ein Video drehen will, ins Tangermünder Exempel-Hotel, will er spielen, in die Billardfabrik. Dass er überall bekannte Gesichter sieht, nennt er wundervoll. „Wiedererkennen macht in jeder Form Freude.“

Glocken, die Liebhaber aus der ganzen Welt anziehen

Nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Atrium liegt der Marktplatz, wo am dritten Adventswochenende der Stendaler Weihnachtsmarkt stattfindet. Dann gibt’s ebenfalls Kunsthandwerk im historischen Rathaus mit dem riesigen Roland davor, einem 15 Meter langen Stollen, der schneller verkauft ist, als der Bäcker schneiden kann, und etwas, was es sonst nirgends gibt auf der Welt: Bratäpfel im Glockenturm. Mit Blick über die Stadt.

Hoch oben in der St. Marien-Kirche, reinste Backsteingotik, die das Rathaus mit ihren 82 Meter hohen Doppeltürmen weit überragt, brutzeln in mächtigen Öfen die Äpfel in Orangensauce. Und duften. In der zweiten Turmspitze, einer Art Wohnzimmer, wird anschließend gesungen. Es ist nicht die einzige Musik, die in St. Marien erklingt. Die legendären Glocken, mit denen die mittelalterliche Stadt ihren Reichtum demonstrierte, ziehen Liebhaber aus der ganzen Welt an.

Am dritten Adventswochenende strömen Besucher zum Stendaler Weihnachtsmarkt. Foto: promo Vergrößern
Am dritten Adventswochenende strömen Besucher zum Stendaler Weihnachtsmarkt. © promo

Das Wunder der Bratäpfel wie das der Glocken ist einem engagierten Verein zu verdanken. 1996 gegründet, fingen die Mitglieder erst mal an, tonnenweise Taubenschiss und Schutt wegzuräumen. Von elf Glocken läutete damals nur noch eine. Heute gilt die Maria, fünf Tonnen schwer, als die Mona Lisa unter ihresgleichen. Kleine Ausstellungen auf halber Treppe, praktische Verschnaufpausen auf dem steilen Weg nach oben, erzählen die ganze Geschichte.

Der Mangel ist ein Vorteil der kleinen Städte

Tangermünde punktet mit seiner Lage über der Elbe, Stendal mit seiner Anbindung an die Spree. Der IC braucht nur 57 Minuten vom Berliner Hauptbahnhof hierher. Unter den Hauptstädtern scheint sich das noch nicht so recht rumgesprochen zu haben. Sachsen-Anhalt, denken viele, ist weit weg. Und machen sich erst gar nicht auf den Weg.

Gefühlt stimmt das mit der Entfernung auch, hat Sibylle Sperling gemerkt, als sie vor zehn Jahren aus Berlin nach Stendal zog, weil ihr Mann hier eine gute Stelle fand. Die Journalistin fand es sehr schwierig, anzukommen, etwas zu bewegen. Und nun – ist sie es, die Menschen anlockt. „In the Middle of Nüscht“ heißt ihr Überraschungsbestseller über die östliche Altmark. Ein launiger, schön gestalteter Reiseführer voller Geschichten, der in beiden Hansestädten stapelweise in Buchhandlungen und Lokalen liegt.

Vom Stendaler Bahnhof bringt die Hanseatische Eisenbahn Gäste nach Tangermünde. Foto: imago/Schöning Vergrößern
Vom Stendaler Bahnhof bringt die Hanseatische Eisenbahn Gäste nach Tangermünde. © imago/Schöning

Es gab nüscht, so das Gefühl der 43-Jährigen, als sie herkam. Doch inzwischen gesellen sich zu den neu Zugezogenen auch etliche Rückkehrer, in ihren 30ern, 40ern, die aus dem Nüscht was aufbauen wollen, von denen ein paar auch am Buch mitgeschrieben haben. „Es passiert was.“ Sperling spürt einen Aufbruch, selbst politisch: Am vergangenen Wochenende wurde ein 36-jähriger Kandidat der SPD, Grünen und Linken mit 69 Prozent der Stimmen Landrat vom Landkreis Stendal. In einem leer stehenden Laden hat sich die kleine Markthalle eingerichtet, ein Bürger- und Kulturzentrum, in dem verschiedene Initiativen zu Hause sind. Während im einen Raum eine Handyschulung für Senioren läuft, wird im anderen der Klimastreiktag vorbereitet.

Für Max Heckel ist gerade der Mangel ein Vorteil der kleinen Städte: „Berlin ist übersättigt, man kann nichts kreieren, weil es alles schon gibt.“ Und es lebt sich günstig hier. Selbst wenn die Immobilienpreise in der Altmark angezogen haben.

Historische und kulinarische Prominenz

Prominenz gibt es auch, historische. Tangermünde hat Grete Minde. Als die Stadt 1617 abbrannte, die Fachwerkhäuser auf jeden Fall, der Backstein trotzte den Flammen, musste eine Schuldige her. Die wurde in der jungen Frau gefunden, die gefoltert und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Fontane hat ihr ein literarisches Denkmal gesetzt.

Und das Café Engel in der Langen Straße ein kulinarisches. Erst denkt man, ganz schön makaber, so was Köstliches wie die Grete-Minde-Torte, Apfel, Mohn, Nuss, hat die Beschuldigte bestimmt nicht in ihrem Kerker bekommen. Die Erklärung für den Namen gibt die Wirtin des gemütlichen Lokals. Alle Zutaten gab’s schon zu Gretes Zeiten. Gebacken hat die Torte die Tochter des Hauses.

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© Illustration: Natalia Göllner

Stendal wiederum hat Johann Joachim Winckelmann. Der Schustersohn, der hier in großer Armut aufwuchs, um dann in die Welt zu ziehen, hat die Antike im 18. Jahrhundert en vogue gemacht. Das ihm gewidmete Museum wurde gerade frisch gestaltet, mit einer lebendigen Ausstellung zu seinem Leben und Tod (in Triest wurde er von einem Dieb ermordet), einem eigenen Anbau für Familien.

Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Lavanderia, einem neuen Café, das mit seinem bunten Mix von Stühlen, dem Holzboden und der selbst gemachten Pasta für Sibylle Sperling etwas Großstadtflair in die Altmark bringt (Hohe Bude 12). Die Inhaberin: begeisterte Bäckerin. Stachelbeerbaiser, Cheesecake, Mohnpolenta, alles selbst gemacht.

Beide Städte gehen zur Winterzeit früh schlafen

Sibylle Sperling führt durch die Stadt, die ihre Kinder, zehn und zwölf, als ihre Heimat betrachten, in den Dom, wo der Sohn Konfirmandenunterricht hat, durch die Gassen zum Kaufhaus Ramelow, Bauhaus-Style, das sich allein wegen der Holztreppe zu besuchen lohnt. Weiter zum ersten und immer noch einzigen Bioladen, zu dem ein Rosencafé gehört (Hoock 10), der lauschige Hof ist weihnachtlich geschmückt.

Tangermünde, einst Residenzstadt von Kaiser Karl IV., hat die größere Dichte an Touristen pro Quadratmeter, und diente schon oft als Kulisse für Historienfilme. Hier gibt es auf engem Raum mehr Hotels und Lokalitäten, selbst in einer alten Kirche. Dafür hat Stendal ein Kino, ein Theater und ein Stückchen Hochschule.

Beide Städte gehen früh schlafen, gerade jetzt zur Winterzeit ist nach 18 Uhr in den Straßen kaum noch was los. Der Großstädter genießt die Ruhe. Auf dem Kopfkissen im Tangermünder Schlosshotel liegt eine Gutenachtgeschichte. Von Max Heckel. Über seine Jugend in Stendal. Sweet dreams!

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