Ganz neu eröffnet hat das Nobu Hotel in Warschau. Foto: Nobu
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Was bald wieder auf der Reiseliste stehen sollte Neon und Sushi in Warschau

Polens legendäre Neonröhren sind zurück. Und dank ihnen das Gefühl der großen, weiten Welt. Eine Nacht mit Sashimi und Sake in Robert De Niros neuem Hotel.

Schnitzeljagd der besonderen Art: Wer findet die meisten Wortwitze an den Restaurants und Bars rund um die Warschauer Wilcza-Straße? Mit „Phó Ever“ jedenfalls bewirbt sich ein hippes vietnamesisches Suppenlokal, „Let’s meat in Warsaw“ ein Steakhouse, „N’Ice Cream“, na was wohl?

Erst mal erholen vom geballten Werbewitz hier im MDM, dem Marszamkowska-Wohnviertel, das mit seinen Gebäuden aus poliertem Granit und den vielen Arkaden an die Berliner Karl-Marx-Allee erinnert und sich seit einigen Jahren zum Ausgehkiez entwickelt.

Am Ende der Straße steht schlank und gläsern das neu eröffnete Nobu-Hotel. Nach Filialen in Miami, Ibiza und Malibu hat sich die Luxuskette nun fürs aufstrebende Warschau als erste osteuropäische Destination entschieden.
Schon das Foyer mit seinen klaren japanischen Formen und dem strengen Einsatz von Rohbeton und Glas wirkt beruhigend.

Beinahe ein Kunstwerk: die Treppe in der Rezeption des Nobu Hotels. Foto: Nobu Vergrößern
Beinahe ein Kunstwerk: die Treppe in der Rezeption des Nobu Hotels. © Nobu

Eine gigantische Holztreppe führt hinauf zu den 117 Zimmern. Oben hilft jetzt ein Tee, die Füße in Hotelschlappen gesteckt, die als plüschige Flip-Flops gestaltet sind. Ein paar Übungen auf der Yogamatte, die hier in jedem Schrank steht, können ebenfalls nicht schaden. Neben dem Kopfkissen liegt eine Broschüre, die drei besonders entspannende Figuren empfiehlt. Ob viele Gäste erst mal verschnaufen müssen, wenn sie ein wenig Zeit im quirligen und unerwartet bunten Warschau verbracht haben?

Gelegenheit zur Selbstreflexion gibt es ebenfalls. Schrank und Decke sind gigantische Spiegel. Eine Anspielung auf Robert De Niros legendäre Selbstgesprächsszene in „Taxi Driver“? Immerhin war es der Hollywood-Schauspieler, der Anfang der 90er Jahre den japanischen Starkoch Nobuyuki Matsuhisa überredete, gemeinsam die Marke „Nobu“ zu gründen. Mittlerweile verfügen sie, zusammen mit dem Filmproduzenten Meir Teper, über 43 Restaurants, die von jährlich drei Millionen Gourmetgästen besucht werden.

Mahagoniwände und Jugendstiltische

Ihr 18. Hotel folgt nun einer Warschauer Tendenz: Moderne und Vergangenheit sollen sich im Nobu verbinden. Ein Teil der Zimmer im hinteren Gebäudeflügel sind vom einstigen „Hotel Rialto“ übernommen, das seine Art-déco-Möbel auf Flohmärkten in ganz Europa zusammengekauft hat.

Es gilt, mit seinen Mahagoniwänden und Jugendstiltischlein, als Warschaus erstes Boutique-Hotel. Nobu-Besucher können wählen, ob sie lieber klassisch europäisch oder avantgardistisch japanisch schlafen wollen.

Fernost in Osteuropa: So sieht ein Zimmer im Hotel aus. Foto: Nobu Vergrößern
Fernost in Osteuropa: So sieht ein Zimmer im Hotel aus. © Nobu

Sozialistischen Realismus haben sie ohnehin fast immer im Blick: Nur wenige Hundert Meter entfernt ragt der Kulturpalast empor, jenes Stalin-Bauwerk, vor dem sich 1967 Jugendliche mit der Polizei kloppten. Zum Rolling-Stones- Konzert waren mehrheitlich Parteifunktionäre geladen, die Fans wollten rein. Vom Nobu-Fitnesscenter im Dachgeschoss sieht man den Koloss am besten.

So gestählt vielleicht ein neuer Anlauf, runter auf die Wilcza, die Wolfs-Straße mit den wilden Wortspielen. Sie läuft sich wie eine Checklist der modernen Großstadt: ein alternativer Gemüseladen (Kooperatywa Dobrze), der als Verein geführt wird und Äpfel und Karotten aus der Region bezieht, mehrere Läden mit veganem Mittagstisch, eine Kaffeerösterei, die Equipment für Filterkaffee verkauft und schnelles W-Lan hat, sowie unzählige Bars für den Aperol Spritz danach.

Weiter in Richtung Altstadt gehen und stehen bleiben vor Boutiquen wie „Pan Tu Nie Stam“, wo sie neben Notizbüchern und Ansteckpins auch bodenlange Mäntel verkaufen, deren Muster sich aus Brotlaiben zusammensetzt. Im Minieinkaufszentrum Mysia3 bieten heimische Designer Yoga-Tops, Naturkosmetik und ornamentalen Schmuck zum Verkauf.

Ein Besuch im Neonmuseum gehört zum Programm jedes vernünftigen Stadtbummels. Foto: Julia Prosinger Vergrößern
Ein Besuch im Neonmuseum gehört zum Programm jedes vernünftigen Stadtbummels. © Julia Prosinger

Wem Warschaus westliche Weichsel-Seite nicht hell genug strahlt, der fährt hinüber ins Studentenviertel Praga. Dort steht auf einem alten Fabrikgelände, der Soho-Factory, wo früher der Kultroller „Osa“ produziert wurde, das Neon-Museum. Die Macher:innen haben mehr als 200 Leuchtreklamen gesammelt und restauriert.

Durch die vielen Posts ihrer Besucher:innen aus aller Welt rangieren sie auf Instagram unter den meistfotografierten Spots weltweit. Oft auf den Fotos: die Warschauer Seejungfrau, die im Sozialismus über öffentlichen Bibliotheken schwebte, oder der riesige Schriftzug „Berlin“, der auf der Hauptschlagader der Stadt, der Marszamkowska-Straße, einst ein Geschäft für Haushaltswaren zierte.

Aktion Neonreklame

Aber die pinken, gelben, grünen und blauen Schilder sehen nicht nur gut aus, sie erzählen auch von polnischer Geschichte. Nach Stalins Tod begann eine Art Leuchtwettrüsten mit den kapitalistischen Staaten, in denen Neon für Reklame stand. In der Planwirtschaft Polens hingegen entwarfen bekannte Künstler und Architekten, staatlich gefördert, besonders gelungene Schriftzüge.

Die Neonkunst wurde weniger zensiert als beispielsweise die Literatur. Unter dem Titel „Aktion Neonreklame“ sollten die dunklen Bauten im Ostblock verschönert werden. Selbst auf den Dörfern strahlten die Röhren von den Häuschen. In einer Zeit, als das kriegszerstörte Warschau noch keine Straßenbeleuchtung hatte, gaben die Schriftzüge in den Geschäften Orientierung in der Dunkelheit.

Kunst am Bau ist auch in Warschau sehr angesagt. Foto: Julia Prosinger Vergrößern
Kunst am Bau ist auch in Warschau sehr angesagt. © Julia Prosinger

Und nun erlebt Warschau ein Neon-Revival. Denn die schicken Restaurants rund um die Wilcza-Straße tragen nicht nur kreative Namen – sie leuchten auch wieder in grellen Farben. „CoPhi“ heißt ein neues Café in strahlendem Weiß, „Pardon my French“, schreit der Maniküre-Laden flackernd vom Granit.

In neuem Gewand erscheint auch die „Hala Koszyki“, eine Markthalle von 1908, die einen nun mit einer großen Auswahl an Cafés, Restaurants und Boutiquen überfordert. Nachts verströmt sie ihren Namen neonblau. Und welche Farbe hat die Plüschjacke im Hinterhof-Secondhand? Neonbunt!

Led Zeppelin vom Plattenspieler

Ein bisschen echtes Grün kann jetzt nur guttun. Also vor dem Abendessen durch den vom Nobu 20 Minuten entfernten Mazienki joggen, Warschaus größten Park. Enten vor dem Wasserpalast beobachten, innehalten vor dem massiven Chopin-Denkmal. Sonntagnachmittags spielt hier bei gutem Wetter eine Pianistin seine Musik.

Ansonsten: Zurück im Hotel den zimmereigenen Plattenspieler mit Led Zeppelin anwerfen (weitere Platten gibt’s an der Rezeption, Chopin ist nicht dabei) und die Schublade mit dem Steamer öffnen. Es lohnt sich, die Abendgarderobe glatt zu dampfen, bevor man sich im gläsernen Lift zum Dinner ins Restaurant herabgleiten lässt. Egal, was die Glitzerwelt der Wilcza durchs Panoramafenster verspricht, egal, wie ohrenbetäubend laut der DJ im schwarz-weißen Hoodie Techno auflegt. Jetzt beginnt das, wofür die Gäste von Las Vegas bis London in die jeweiligen Nobus kommen: Sushi.

Das Nobu hat weltweit einen guten Ruf als Spezialist für japanisches Essen. Foto: Nobu Vergrößern
Das Nobu hat weltweit einen guten Ruf als Spezialist für japanisches Essen. © Nobu

Der französische Küchenchef Yannick Lohou hat die typische Nobu-Küche – japanische Klassiker mit südamerikanischem Twist – noch um die polnische Dimension ergänzt: Zum Sashimi reicht er Pflaumen-Wodka-Chutney. „Die Polen lieben Eingelegtes!“, sagt er und tischt drei Tage lang marinierten Black Cod auf, das Gericht, mit dem der Nobu-Gründer Matsuhisa berühmt wurde, dazu Ingwerwurzel, Zitrone und eingelegte Aprikose.

Der Koch karrt Tacos mit Hummer, Lachs, Lavendel heran, bringt anschließend eine Pfanne, in der Pilze und Rinderfiletstreifen brutzeln, serviert Foie Gras mit Aal auf Bananenblättern und Garnelen-Tempura mit Wassermelone, Koriander und Jalapeño.

Einer geht noch

Der Bauch ist voll, die Augen flackern schon röhrenhaft. Noch einen preisgekrönten Sake von der japanischen Insel Sado, die unter Naturschutz steht und deshalb beste Rohstoffe für das Reisgebräu bereithält? Einen, wirklich nur einen.

Denn am nächsten Morgen geht es früh auf das Gebäude der Universitätsbibliothek hinauf, einen der größten Dachgärten Europas. Hinter violetten Sträuchern posieren Freundinnen kichernd für Instagram-Bilder. Der Kulturpalast erstrahlt im Morgenlicht.

Und das da am Horizont leuchtet heller als alle Neon-Röhren dieser Stadt zusammen: Im Osten geht die Sonne auf.

Reisetipps: Mit dem Zug in fünfeinhalb Stunden von Berlin nach Warschau, einfache Fahrt ab 27,90 Euro im Spartarif. Das Doppelzimmer im Nobu kostet ab 140 Euro pro Nacht, mehr Infos unter nobuhotels.com.

Die Reise wurde unterstützt von Nobu Hotels

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