Hans-Ludwig Kröber, Psychiater und Gerichtsgutachter, in seinem Büro in Berlin-Steglitz. Foto: Thilo Rückeis
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Warum töten Männer ihre Frauen? „Mitleid mit dem Ex ist fatal“

117 Frauen wurden 2019 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Psychiater Hans-Ludwig Kröber analysiert seit 30 Jahren die Täter.

Hans-Ludwig Kröber, 69, zählt zu den bekanntesten deutschen Kriminalpsychiatern. Bis zu seiner Emeritierung 2016 war Kröber Direktor der forensischen Psychiatrie an der Charité. Er erstellt bis heute Kriminalprognosen bei Straftätern.

Herr Kröber, bei wie vielen Partnerschaftstötungen sind Sie als Gutachter hinzugezogen worden?
Das sind ja mehr als 30 Jahre, also sicherlich eine stattliche zweistellige Zahl.

Dazu zählen Angeklagte, die vor Gericht standen, und Verurteilte, für die Sie am Ende der Haftzeit ein Prognosegutachten erstellt haben. Haben die alle etwas gemeinsam?
Das sind eigentlich durch die Bank Personen, bei deren Verhalten Frauen gegenüber man sich als Mann ein bisschen schämt, dass man dem gleichen Geschlecht angehört. Männer, die Mängel in ihrer sozialen Kompetenz haben, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Selbstständigkeit. Einerseits brauchen sie dringend eine stabilisierende Beziehung zu einer Frau, können sich Beziehung aber letztlich nur als Unterwerfung vorstellen. Es sind sozial nicht selten Loser, die sich nicht damit abfinden können, nun auch im privaten Bereich eine Niederlage zu erleiden.

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Wie wichtig ist denn der Faktor Emanzipation?
Der Zuwachs an sozialer Macht für Frauen ist ein wichtiger Faktor. In dem Moment, wo es Emanzipationsprozesse gibt, gibt es Reibungsprozesse, erweist sich der Herrschaftsanspruch des Mannes als Anmaßung.

Was heißt das konkret?
Als ich in den 80er Jahren in Heidelberg war, habe ich relativ viele türkische Täter begutachtet, die sich verpflichtet fühlten, ihre Frauen zu töten, weil diese sich nicht mehr unterwerfen wollten. Viele hatten sich in Deutschland viel besser emanzipiert als die Männer. Sie gingen arbeiten, hatten einen Führerschein gemacht, Freundinnen gefunden, wurden autonom und mächtiger als die Männer, die zusehen mussten, wie die Frauen ihnen und ihrer Herrschaft entwuchsen. Das schafft Konfliktstoffe, die in einer homogenen vordemokratischen Gesellschaft weniger ausgeprägt sind. Was die Männer, die das nicht akzeptieren können, nicht entschuldigen soll.

Gibt es so etwas wie einen typischen Ablauf?
Häufig habe ich erlebt – und zwar bei türkischen, arabischen wie bei deutschen Männern –, dass es vor der Tötung eine längere Phase der Trennung gegeben hat. Wo es immer hin- und hergeht, sich die Frau trennt und es dann doch noch mal versucht. In dieser Zeit der Ungewissheit wächst beim Mann der Hass an und die Wut, die aber nicht zugelassen werden, weil man sich damit ins Unrecht setzt. Das schaukelt sich auf, spitzt sich zu. Die Männer schießen sich komplett ein auf diesen Konflikt, leben in einer Blase und glauben irgendwann, dass es keine andere Lösung gibt.

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Und irgendwann kommt es zum Showdown?
Eine fatale Situation habe ich in dieser Konstellation wieder erlebt: Frauen, die nach der Trennung Mitleid mit ihrem Ex hatten. Sie haben sich gesorgt, ob der Mann etwas zu essen bekommt und die Wäsche gewaschen wird, sind bei ihm zu Hause vorbeigekommen, um zu helfen. Das führt dazu, dass die Männer wieder hoffen, sich einbilden, dass sie eine zweite Chance bekommen. Diese Hoffnung wird aber jedes Mal wieder neu enttäuscht, die Männer frustriert. Bis es dann richtig kracht.

Sind die Tötungen typischerweise das grausame Ende einer Eskalation der Gewalt? Fängt es oft an mit einem Schlag und endet im Mord?
Bei den Tötungsdelikten, die ich kennengelernt habe, gab es nur sehr wenige Männer, die vorher regelmäßig Gewalt angewendet hatten.

Zeigen Gerichte zu viel Verständnis für die Männer?
Wenn wir nicht versuchen, einen Täter zu verstehen, lernen wir überhaupt nichts dazu. Wenn man im Prozess nachvollzieht, wie es zu dieser Tat kommen konnte, heißt das ja nicht, dass man den Angeklagten milder bestraft. Ich kenne eine Reihe von Urteilen, die zum Schluss kamen, dass der Angeklagte die Trennung nicht verkraftet habe, weil er die Frau als seinen persönlichen Besitz betrachtete. Das sei ein niedriger Beweggrund und erfülle damit den Tatbestand des Mordes. Bisweilen sind die Taten selbst auch heimtückisch. Die rechtlichen Möglichkeiten, einen Mann wegen Mordes abzuurteilen, sind gegeben.

Hört man den Verteidigern zu, kann man den Eindruck bekommen, die Opfer seien selbst schuld gewesen.
Natürlich muss man im Prozess die Rolle der Frau beleuchten und verstehen. Fast nie hat eine Frau provoziert, sie machten nur oft den Fehler mangelnder Eindeutigkeit. Der verlassene Mann aber fühlt sich ungerecht behandelt und glaubt, er sei zur „Gegenwehr“ berechtigt.

Hat sich die Rechtsprechung in den letzten Jahrzehnten verändert?
Früher wussten die – deutschen – Angeklagten das ganze Mitgefühl der alteingesessenen konservativen Berufsrichter hinter sich, die oft zum Schluss kamen, dass die Frau ja alles provoziert habe. In den 50ern war das noch ein Klassiker, wo solche Männer tatsächlich öfter dekulpiert und milder bestraft wurden. In den 70er Jahren bis in die 80er Jahre hinein gab es dann Tendenzen der Strafverteidiger, zu behaupten, dass ihre Mandanten im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt hätten, weil sie von ihrem Affekt hingerissen wurden.

Die Männer reden dann oft von einem Blackout …
… und die Erinnerung setzt erst wieder ein, als sie im Polizeiauto sitzen. Diese amnestische Lücke beweist dann angeblich die tiefgreifende Bewusstseinsstörung. In aller Regel ist das gelogen, so etwas passiert in der Wirklichkeit nicht. Eine klassische Verteidigungsfinte.

Es gibt die Kritik, dass die Taten als schicksalhafte private Verstrickungen verharmlost werden. Die Femizide seien ein gesellschaftliches Massenphänomen. Stimmen Sie dem zu?
Wenn 120 von insgesamt 40 Millionen Frauen im Jahr von ihren Männern getötet werden, kann man nicht sagen, dass das eine typische Folge der Sozialstruktur ist. Das ist geradezu absurd.

Welche Rolle spielen geschlechtsspezifische Stereotypen?
Natürlich wird das Geschehen von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beeinflusst, von den Rollenzuschreibungen einer Frau innerhalb der Gesellschaft, wie sie sich sozial entwickeln und entfalten kann. Aber bei uns spielen doch die individuellen Bedürftigkeiten und Schwächen von zwei Personen eine wesentliche Rolle. Frauen, die schwierige Männer retten wollen, bis sie es aufgeben, und Männer, die es nicht schaffen, hinreichend selbstbewusste und verantwortungsbereite starke Männer zu werden. Zumeist liegt ein Konflikt zugrunde, der alten Rollenklischees folgt, der aber am Ende nur noch sehr wenig mit der Sozialstruktur der Gesamtgesellschaft zu tun hat.

Neigen diese Männer nach der Haftzeit zum Rückfall?
Beziehungen führen viele dieser Männer nach einer Art Schablone, die durchaus Wiederholungsgefahr birgt. Jemand, der seine erste Frau umgebracht hat, ist jedenfalls nicht davor gefeit, seine nächste Freundin umzubringen.

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