Mecklenburg. Wäre doch schade, wir hätten auf dem Weg zur Ostsee keinen Stopp eingelegt. Foto: Ulf Lippitz
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Von der Mongolei, über Polen bis zum Elsass Die Schweizen weltweit

Matthias Kirsch

Schon ein Hügel reicht, um sich mit dem Namen zu schmücken. Unsere Autoren haben sechs Schweizen besucht – von Mecklenburg bis nach Mongolei.

Mecklenburgische Schweiz

Wenn Berliner zu viel von der Stadt haben, fahren sie in die Schweiz. Nicht in die südliche, wo Bergzacken in den Himmel ragen, sondern in die nördliche, wo Hügel in Seen enden. Zwei Stunden von Berlin entfernt, mitten hinein nach Mecklenburg. Dorthin hat es Bildhauer Wilfried Duwentester verschlagen. Früher Carl-Herz-Ufer, Kreuzberg, jetzt Görzhausen, Pseudoschweiz.

Der Künstler lebt seit den frühen 90er Jahren hinter dem Röthelberg, einer Erhebung, von der Einheimische stolz behaupten, sie sei 1000 Dezimeter hoch. Eine imposante Zahl, die bei korrekter Umrechnung auf 100 Meter schrumpft. An dieser Stelle soll Herzog Georg von Mecklenburg vor etwa 200 Jahren gestanden, den in der Eiszeit entstandenen Hügelzug gesehen und euphorisch ausgerufen haben: Hier habt ihr eure eigene Schweiz! Bis heute erinnert ein rot-weißes Schild an den geografischen Namenspaten. „Schweiz, 832 Kilometer“ steht darauf.

Vom Möchtegernberg führt eine Allee hinab, an einem Feldweg mit Kunstwerken entlang. Mal steht unter Rubinien oder Linden ein Pinguinpaar mit Küken, mal lugt ein geschnitztes Fabelwesen aus einem Brunnenschacht hervor. „Der Spion“, nennt Duwentester diesen gespenstischen Kerl am Wegesrand. Sein Skulpturenpfad erstreckt sich über knapp 500 Meter, ist mit mehr als 40 Kunstwerken bestückt und endet am Schafstall, den Duwentester zum Wohnhaus und Atelier umgebaut hat.

Guck dir mal den Spinner an!

Zwei Schafböcke, erinnert sich Duwentester, gab es noch, als er 1993 in das Fünf-Gehöfte-Dorf kam. Plus eine Handvoll Dörfler, die dachten, er schieße einen kapitalen Bock, wenn er in diese entlegene Gegend übersiedle: Guck dir mal den Spinner an! Heute stehen seine Skulpturen auch bei ihnen im Vorgarten, zwei königsblaue Kühe schmücken einen Rasen, und der Nachbar verkauft Kuchen an kunstinteressierte Gäste. Manche kommen zu Fuß von der Burg Schlitz, einem Luxushotel hinter dem Wald, andere mit dem Rad aus Teterow, der größten Stadt der Mecklenburgischen Schweiz, zehn Kilometer entfernt.

Im Atelier legt Duwentester die Motorsäge aus der Hand, streicht über eine unfertige Frauenskulptur aus Eichenholz und fegt mit den Schuhen lässig die Späne beiseite. Der 72-Jährige denkt an die Wellen der Landschaft, auf der im Mai Raps blüht und im Juni der Mohn. Er sagt, er finde das sanft geformte Land „ausgesprochen erotisch“ und meint das völlig ernst. Zwei Katzen ziehen sich ins Dachgebälk zurück, ein paar Schwalben fliegen durchs offene Haus. „Die scheißen meine Kunst zu“, sagt Duwentester trocken.

Einmal, erzählt er, habe ihn eine Zahnärztin gefragt, wieso er seine Figuren denn in diese perfekte Natur hineinstelle? Lange habe er überlegt. Bis er eine Rechtfertigung fand: „Meine Skulpturen sind das Bauchpiercing der Mecklenburgischen Schweiz.“ Verschönerung für die einen, Verschandelung für die anderen, alles liegt im Auge des Betrachters. Zum Beispiel die fünf Meter hohe Pyramide in seinem Garten. Mecklenburg oder Mexiko? Das Bauwerk ist ein Recycling-Denkmal, denn Duwentester hat die Pyramide aus Baumarktpaletten errichtet und mit einer Blattgoldspitze gekrönt. Ein Hingucker für die Besucher, die meist im Sommer vorbeischauen (duwentester.com), um dem alten Mann seine Fantasiefiguren abzukaufen und bis nach Süddeutschland zu bringen.

Teterow: Berlin ohne Jutebeutel

Der Feldweg schlängelt sich durch dichte Laubwälder und an honigsüß riechenden Rapsfeldern entlang. Von einer Hügelkuppe sieht man den Teterower See. Zusammen mit dem Malchiner und dem Kummerower See bildet er das Dreieck der Schweiz, das auf eine Fläche von rund 50 Quadratkilometern kommt.

Für die Ostseetouristen ist dies Hinterland, Rostock ist 65 Kilometer entfernt, oder Durchfahrtszone auf ihrem Weg an die Küste. Nur wenige Autofahrer verirren sich nach Teterow, dem Herz des Landstrichs. Helge Apelt arbeitet daran, das zu ändern. Dafür braucht der Gastronom Rinderbäckchen und Feldgemüse – und verlangt dafür unschweizerische Preise. Das teuerste Gericht auf der Karte kostet bei ihm 26 Euro. Früher Prenzlauer Berg, Barkeeper, heute „Stadtmühle“, Restaurantbetreiber (stadtmuehle-teterow.de).

Der 35-Jährige hat sich vor knapp zehn Jahren aus der Hauptstadt verabschiedet, für seine neue Existenz hat er die Vorliebe für ausgefallene Getränke und regionale Produkte mitgenommen. Er bietet Gin aus Rostock, natürlich hergestelltes Eis aus Neubrandenburg und einen Müritz-Zander mit Joghurtpraline an. Für Apelt ist Teterow die Fortführung von Berlin ohne Jutebeutel. Solche kulinarischen Konzepte funktionieren plötzlich in einer Region, die früher für ihre Landgaststätten mit Schnitzel und Defensivservice berüchtigt war.

Die alte Stadtmühle ist ein wuchtiger Klotz aus dem Mittelalter. Ein Bach fließt aus dem Mühlenteich unter dem Fachwerkgebäude hindurch. Vor dem Eingang baut Apelt im Sommer Tische mit Grillplatten auf, darauf können die Gäste ihr Barbecue selbst zubereiten – koreanische Szenerestaurants in Berlin setzen auf ein ähnliches Machs-doch-selber-Prinzip. Am Ende greifen die Griller vielleicht noch zu einem Hammerdrink wie dem „Fun Goch“, eine selbst ausgedachte Mischung aus Absinth und Erdbeersaft. „Mehr als drei pro Person empfehlen wir nicht“, sagt Apelt.

Teterow ist klein, etwa 9000 Menschen leben in der Stadt, die zwei Jahre älter als Berlin ist und ihr Stadtrecht 1235 erhielt. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten der Region wurde Teterow im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Das mittelalterliche Zentrum mit den zwei Backsteintoren und viel Kopfsteinpflaster existiert noch, die evangelische Stadtkirche ist gerade aufwendig saniert worden, hinter dem Altar bewundern Besucher die Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert.

Lelkendorf: Neues Leben im alten Schloss

Auf der anderen Seite der Stadt, 20 Kilometer über gewundene Straßen und manch enge Allee entfernt, werkelt ein Ehepaar aus Berlin noch an der Zukunft. In Lelkendorf haben Mechthild und Joachim von Levetzow das Gutshaus der Familie erworben und bringen es nun auf Vordermann. Seit 25 Jahren arbeiten sie daran, zuerst nur an Wochenenden, als sie noch Studienrätin und er Bauingenieur war, seit ihrer Pensionierung vor einigen Jahren in Vollzeit.

Eingangshalle, Treppe, zwei Etagen, Dach, alles fertig. Gerade wird der Dachstuhl ausgebaut. Das Paar lebt inzwischen in Lelkendorf. Der 75-jährige Schlossbesitzer zitiert einen Spruch seines Vaters: „Leg dir ruhig ein Schloss zu, aber nie ohne Angestellte.“ Es ist stark anzunehmen, der Vorfahre wäre entsetzt über die Plackerei seines Sohnes am Rande der Seenplatte.

Noch vor 30 Jahren hätte Joachim von Levetzow selbst nie daran gedacht, auf den Stammsitz zurückzukehren. Die Familie war nach dem Zweiten Weltkrieg von den Russen enteignet worden und zog in den Westen Deutschlands. Als Deutschland wiedervereinigt wurde, erwarb seine Mutter das Gutshaus für eine symbolische Mark zurück. In den dreigeschossigen Bau aus dem 13. Jahrhundert waren inzwischen eine Post, eine Kneipe, Gemeindebüros und eine Turnhalle gebaut worden. Als die ersten Handwerker zur Sanierung eintrafen, kämpften sie gegen Schwammbefall, kaputte Abflussrohre und ein undichtes Dach. „Wer kauft sich denn so eine Hütte?“, fragten sie.

Bedächtig hat die Familie das Haus wiederaufgebaut. Die zwei Söhne mussten jedes Wochenende mithelfen und Schutt raustragen. Jeden Sonntagmittag, wenn die Dörfler aus der Kneipe schwankten, kamen ihnen die Levetzows mit Schubkarren entgegen. Der Bau mit dem 27 Meter hohen Backsteinturm wurde parzelliert, es kamen Eigentums- und drei Ferienwohnungen hinein, das Ehepaar Levetzow lebt im Erdgeschoss, auf 145 Quadratmetern und mit Premiumsicht von der Frühstücksterrasse. „Paradiesisch“, sagt Joachim von Levetzow und blickt bis zum Kummerower See hinunter.

Viermal im Jahr hat die Familie bisher zu Musikabenden geladen (schloss-lelkendorf.de). Neben der Auffahrt hat sie eine Maschinenhalle zu einem Theater umgebaut und eine Kunstgalerie in ein Portiershäuschen installiert. Jetzt gibt sie die Leitung des dazugehörigen Kunstvereins ab. Zwei Wohnungseigentümer aus dem Schloss übernehmen: ein Schweizer Ehepaar.

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