Tina Turner könnte sich bestimmt ein Ticket leisten

Luxuriöse Schlafwagen für 180 Passagiere. Foto: Helen Cathcart
Venice Simplon-Orient-Express Ein krimineller Zug

Neben ihm sitzt ein Mann, ein mächtiger Amerikaner, dessen weißes Hemd aus dem Bund herausschaut. Mag auch daran liegen, dass in den Gläsern vor ihm nicht allein Tonic schwimmt. Er dreht sich auf dem Sofa um und liegt plötzlich halb auf dem Boden. Die anderen Gäste steigen in ihren Lackschuhen und High Heels über ihn hinweg.

Drinnen im Waggon füllen gedämpfte Geräusche den Raum. Gläser klirren mezzopiano, Silberbesteck zerteilt vorsichtig das Lammfilet, nur eine Amerikanerin unterhält alle in fortissimo. Sie stünde bei Poirot sofort unter Generalverdacht. Wer so viel plappert, hat etwas zu verbergen. Man denkt an Mrs. Hubbard aus dem Agatha-Christie-Krimi. Eine Amerikanerin, die mit lautstarken Beschwerden nervte. Ihre reale Nachfahrin plappert von Rabatten in feinen Hotels, 200 Dollar, 500 Dollar, oh dear, wie vulgär. Der ältere britische Gentleman neben ihr, stellt sich heraus, ist schwerhörig. Man beneidet ihn ein wenig.

Der Express fährt durch die Schweiz. Graham Greene hat einmal über eine Tagesfahrt auf diesem Abschnitt geschrieben. „Wie kann ein so schönes Land nur so langweilig sein?“, heißt es in „Die Reisen mit meiner Tante“. Ebenfalls nachzulesen in dem Roman von 1969 ist der Verfall der einst mondänen Verbindung in den Orient. Ende der 60er Jahre setzte die Konkurrenz der Flugzeuge dem Express zu. Es gab drei Klassen statt nur einer, kein Restaurant an Bord mehr, Gastarbeiter und nicht Kronprinzen saßen in den Abteilen. 1977 fuhr der letzte reguläre Express. Fünf Jahre später rollte er wieder als Erlebniszug für Schwerreiche von London nach Venedig. Nicht das Original, aber restaurierte alte Waggons, mit Mahagoni und Rosenholzintarsien.

An eine gewisse Klientel kommt man nicht heran

Lichter, viele Lichter blitzen plötzlich auf. Der Express fährt nun südlich des Zürichsees entlang, man sieht das dunkle Gewässer und verschwommene Spiegelungen. Da drüben muss Tina Turner wohnen. Die könnte sich bestimmt ein Ticket leisten. Aber Tina Turner, wie sie nachts vor der Gemeinschaftstoilette Schlange steht, das kann man sich auch nicht vorstellen. Michele Rocca weiß das. An eine gewisse Klientel kommt man nicht heran ohne den nötigen Raum für Privatsphäre. Deshalb baut die Muttergesellschaft Belmond gerade an größeren Abteilen mit eigenen Toiletten. Ab nächstem Jahr werden sie eingesetzt.

Mitternacht in Zürich, der Zug parkt eine Stunde am Hauptbahnhof. Lautsprecherdurchsagen verhindern, dass man durchschläft. Wenigstens ist man in der Einzelkabine weich gebettet. Das ältere Ehepaar nebenan teilt sich ein Abteil. Das bedeutet, einer hat das kürzere Streichholz gezogen und muss oben im Etagenbett schlafen. Der Rest vom Champagner dient nun als Einschlafdroge. Morgen früh um sieben klingelt schon der Wecker. Dann erreicht der Zug den Gare de l’Est in Paris – und die Reise in die Komfortzone der Vergangenheit ist vorbei.

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