Der Seeteufel kommt, der Zug stock

In jedem Waggon kümmert sich ein Steward um die Reisenden. Foto: Belmond
Venice Simplon-Orient-Express Ein krimineller Zug

Im Venice Simplon-Orient-Express gibt es eine Klassengesellschaft, die der Ersten Klasse. Tom und Chris, ein Paar aus Nordengland, sitzen im Anzug auf Hockern im Barwagen und schwärmen vom „treat“, den sie sich heute gönnen. Drei-Gänge-Menüs, rote Polstersitze, Brokatvorhänge an den Fenstern, Tischlampen aus Messing und Besteck aus Silber. Es gäbe junge Leute, die gar nicht mehr wissen, was der Orient-Express sei, erzählt Tom. „Madness!“

Die Außenbezirke von Verona huschen vorbei. Romeo-und-Julia-Stadt, wie passend: ein Liebespaar auf einer Bank. Sie, jung, blond, in Jeans gekleidet, er, älter, grauhaarig, in schwarzen Hosen. Beide sitzen eng umschlungen, die Vespa neben sich geparkt. Hätte Hercule Poirot sofort eine Affäre gewittert?

Der Seeteufel kommt, der Zug stockt. Mitten in der Kurve hält er für zehn Minuten. Der Express fährt nicht nach Fahrplan, muss auf aus- und einfahrende Züge Rücksicht nehmen. Die Gäste nehmen das vorzügliche Essen in leicht geneigter Haltung ein, wie ein Schluck Wasser hängen sie in der Kurve, ein Glas Sauvignon Blanc aus Südtirol hilft. Fährt man auch gleich durch: Die Berge werden höher, schroffer, eine alte Festung rauscht vorbei, jedes Foto aus dem Fenster gerät zur Landschaftsaufnahme mit Stromleitung. Instagram #viewwithcables. Am Brenner hält der Zug. Grenzer in verschiedenen Uniformen und ein Mann mit der Weste „Sozialnotdienst“ gehen vorüber.

Wer den Express nimmt, will bummeln

Drinnen serviert Rory den High Tea im Abteil. Macaron, Zitronentarte, Tee, den restlichen Champagner hat er kalt gestellt. Vor allem Engländer und Amerikaner genießen die Nostalgie an ein vergangenes Zeitalter. Bridget und Mark sind ein Paar Mitte 50 aus Yorkshire, sie wollten schon immer mal die Strecke fahren, jetzt haben sie endlich ein „günstiges Angebot“ erhalten – über den Preis schweigen sie sich natürlich aus.

Michele Rocca ist der General Manager, der fahrende Hoteldirektor. Vor einem Jahr, so erzählt er, hätte die Schweizer Bahngesellschaft angeboten, den Zug durch den neuen Gotthardtunnel zu leiten, dann wäre er schneller am Ziel. Um Gottes willen, Rocca schlägt die Hände vors Gesicht, genau darum gehe es ja: Wer den Express nimmt, will bummeln. Er sitzt im Barwaggon, um ihn herum flitzen weißlivrierte Kellner, ein Pianist spielt Melodien für Millionen. Rocca sagt, wer rechtzeitig plant, kann ein bestimmtes Lied vorbestellen – und um die Hand seiner Angebeteten anhalten. Ist schon passiert. Rocca schwört, dass das Paar noch zusammen ist.

Es ist bald 19 Uhr, Abendessen. Frauen in schulterfreien Cocktailkleidern, Männer im Smoking. Rocca sagt, nur mancher Amerikaner halte die Kleiderordnung für Auslegungssache. No, Sir, das Empire mag untergegangen sein, seine Etikette nicht. Sollte sich ein Gast nicht daran halten, wird er aufgefordert, dem Kellner in ein Abteil zu folgen – um sich Hemd oder Hose vom Personal auszuleihen. Das geschehe zum Glück nicht so oft, sagt Rocca.

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