Das Wettrennen hat begonnen: Wer baut das nächste große Ding?

Die Graft-Villa in Wannsee. Foto: Tobias Hein
Urbane Architektur Trend: Immer mehr Häuser aus Holz

Schon hat ein Wettrennen begonnen: Wer baut das nächste große Ding? Wien mit 20 Stockwerken, Flensburg mit zehn (ein weiteres Tom-Kaden-Projekt) – oder Berlin mit zwölf Etagen: das „Eckwerk“ in Friedrichshain?

Wolfram Putz von Graft Architekten ist optimistisch, dass sie im nächsten Jahr alle Genehmigungen haben, um loslegen zu können. Im Auftrag einer Genossenschaft soll Graft zusammen mit dem Büro Kleihues am Holzmarkt (genius loci!) einen großen Gebäudekomplex zum Wohnen und Arbeiten errichten. In den USA, wo die Architekten studiert und ihr Büro gegründet haben, ist der Holzbau bis zu vier Geschossen ohnehin gang und gäbe, allerdings oft in anderer Qualität. Jetzt hat Graft in Wannsee ein schwungvolles Einfamilien- und ein Doppelhaus mit Oregon Pine errichtet, beides Plusenergiehäuser. Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass die Holzbauten von heute alles andere als düster und plump sind. Allein die verbreiteten großen Fenster (natürlich mit Holzrahmen) sorgen nicht nur für Helligkeit, sondern auch urbanen Look. Einige Architekten setzen Lamellen ein oder, auch sehr beliebt, Schindeln, gerne aus Lärche, denn die ist besonders wasserresistent.

Inzwischen macht ein ganzer Reigen von nationalen und regionalen Preisen auf die architektonisch gelungensten und innovativsten Beispiele und damit auf die Möglichkeiten des Materials aufmerksam. Auf internationalen Konferenzen wird über den urbanen Holzbau diskutiert, Wissenschaftler und Praktiker arbeiten im Rahmen diverser Forschungsprojekte zusammen, auch die TU Berlin ist beteiligt, der Berliner Verlag DOM Publishers veröffentlichte das dicke Handbuch „Urbaner Holzbau“ als Planungshilfe für Newcomer, und auf dem – außerordentlich interessanten – Berliner Architektur-Festival „Make City“ im Juni war Holzbau ein Schwerpunktthema. Denn gerade in dem vom früheren Senatsbaudirektor Stimmann so oft beschworenen steinernen Berlin (das so steinern nie war, in den Decken, Dächern und Parkettböden der Gründerzeitbauten stecken viele Bäume), tut sich besonders viel. In Prenzlauer Berg gelang Kaden Kingbeil Architekten schließlich 2008 mit dem Wohnhaus „e3“ der Durchbruch in Sachen Hochhausbau: sieben Geschosse, das hatte es in ganz Europa noch nicht gegeben.

Vorfertigung führt zu enormer Beschleunigung

Dass das Holz erst jetzt diesen Aufschwung erlebt, hat verschiedene Gründe, vorneweg die Bauordnung. Vor ein paar Jahren noch waren fünf Stockwerke Holz in der Stadt gar nicht erlaubt. Die Bilder der brennenden Städte im Zweiten Weltkrieg hat jeder im Kopf. Was ist mit dem Brandschutz? Das ist meist die erste Frage, die die Architekten zu hören bekommen, und die sie mit leicht gequältem Lächeln beantworten. Die Feuerwehrleute stünden auf ihrer Seite: Die gingen lieber in ein brennendes Holzhaus als in eins aus Stahl. Denn Holz ist berechenbarer, man sieht ihm an, wie lange es noch hält. Stahl dagegen wird extrem heiß und bricht irgendwann. Nur weiß niemand, wann. Zudem dauert es, bis Holz durchgebrannt ist – lange genug, dass sich die Bewohner retten können. Das Äußere verkohlt zuerst und bildet so eine natürlich Schutzschicht. Dazu kommen andere Maßnahmen wie Sprinkleranlagen, ein Kern aus Stahlbeton oder externe Treppenhäuser. Inzwischen wird auch wie beim „e3“ in Gesprächen mit den Behörden und der Unterstützung externer Gutachter jedes Projekt individuell bewertet.

Dazu kam der geradezu revolutionäre technische Fortschritt. Was heute verbaut wird, hat mit den dicken Balken von Almhütten so wenig zu tun wie mit den löchrigen Brettern von Baracken. Das ist Hightechmaterial, für das der natürliche Rohstoff auseinandergenommen und neu zusammengesetzt wird. So werden Holzplatten lagenweise quer verleimt, zu Brettstapelholzelementen, die trotz ihres dünnen Profil besonders stabil sind. Nicht nur das Entwerfen am Computer, auch die computergesteuerten Werkzeuge und Maschinen, die millimetergenau arbeiten, haben die nötige Präzision gebracht. So werden Fenster und Steckdosen schon vorher aus den Platten ausgeschnitten, Kabelkanäle noch in der Werkstatt ausgefräst.

Das ist es, was den Münchner Architekten Arthur Schankula von Anfang an gereizt hat: die enorme Beschleunigung durch die Vorfertigung. „Das macht den Bauprozess viel besser kalkulierbar.“ 2011 hat Schankula in Bad Aibling ein schlankes achtgeschossiges Hochhaus mit Fichte aus der Region errichtet. Nachdem das Stahlbetonfundament gelegt war, auf dem die meisten größeren Holzbauten stehen, wurde jede Etage innerhalb von nur zwei Tagen installiert.

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