Zweite Station: Am Berg

Dass der Berg heilt, belegen Studien. Hier auf den Holzerböden in Ahrntal kann man seine Sorgen vergessen. Foto: TVB Kornplatz/Josef Gorfer
Unterwegs im Ahrntal Urlaub für Asthmatiker in Südtirol

ZWEITE STATION: AM BERG

Erst soll man das Atmen lernen und jetzt auch noch das Gehen! Südtirol, das ist, wo Selbstverständliches schwindet. Oder: eine Chance zum Neubeginn.

Zunächst den Wald um Einlass bitten. Gedanklich. „Ein Haus betritt man ja auch nicht, ohne anzuklopfen“, sagt Stefan Fauster, Wanderführer und Hotelbesitzer, den man meist nur von hinten sieht, so gut gehen kann der. Leise soll man dabei sein, erklärt er, den Berg hinauf tanzen, den Körper zum Hang hin.

Auf den Holzerböden im Ahrntal tanzt Fauster jetzt über Steine, manche liegen wackelig auf anderen, über weiteren wuchern Moos und Farn. Knöchelbrechaufstieg. Fauster zögert nirgends. Aber er predigt ununterbrochen.

Enkeltauglichkeit

Von der Natur, die uns Menschen so reich beschenkt hat. Von der Nachhaltigkeit, die er lieber „Enkeltauglichkeit“ nennt. Von seinem Hotel im Tal, dem Drumlerhof, den er nach der Gemeinwohl-Philosophie führt. Mit Biomasse beheizt, mit Lebensmitteln aus der Region versorgt, Schokolade und Kaffee fair bezogen, weitgehend CO2-neutral.

Stefan Fauster, 58, führt sein Hotel, den Drumlerhof, nach dem Prinzip der Gemeinwohl-Ökonomie. Foto: Drumlerhof Vergrößern
Stefan Fauster, 58, führt sein Hotel, den Drumlerhof, nach dem Prinzip der Gemeinwohl-Ökonomie. © Drumlerhof

Fauster deutet auf Arnika, die macht eine gute Heilsalbe, und vom Grünen Heinrich ernährten sich seine Vorväter, den bekomme man abends im Hotel in den Schlutzkrapfen serviert. Eine Art Ravioli, abgeleitet vom Wort für gleiten – schlutzen.

Auch Fauster gleitet weiter, riechst du die Alpenrose, hörst du die Sandsieder sprudeln? In Südtirol duzt man schnell. Fauster erzählt von den Ahnen, die die Kinder nach diesen geysiergleichen Quellen schickten, wenn einer was am Magen hatte. Heilschlamm.

Endlich verlangsamt er seinen federnden Schritt, geht auf eine mit Geweihen geschmückte Hütte zu, die Holzeralm. Beugt sich zu einem sprudelnden Bach und zieht eine Emailletasse unter einem Stein hervor. Ach, deshalb hat er nichts zu trinken dabei, an diesem heißen Tag! Er weiß, wo die Natur ihn versorgt.

Ein Hotel aus Zirben

Fauster sprintet voran, deutet auf die Zirben, die gehören zur Familie der Kiefern. Sein ganzes Hotel hat er aus ihnen gebaut. „Spart 3500 Herzschläge am Tag.“ Wenn seine Kinder irgendwann keine Lust mehr auf den Betrieb hätten, könnten sie den Drumlerhof mit der Motorsäge klein hexeln.

Rastplatz am Kailbachmoos. Foto: Prosinger Vergrößern
Rastplatz am Kailbachmoos. © Prosinger

Es dauert, bis man den durch Wiesenenziane und Johanniskraut Vorausgetanzten einholt. Er schnappt nicht nach Luft. „Geht’s?“, fragt er, klingt ein bisschen vorwurfsvoll. „Wir haben ein anderes Verhältnis zu Steilheit.“ Gemsen-Gene. Fauster ist auf einem kleinen Bergbauernhof aufgewachsen, er kannte jedes geschlachtete Schwein mit Namen, und seine Mutter machte ein Kreuzzeichen über dem Brot, bevor sie es anschnitt. Aus Respekt.

Durch den eisigen Gebirgsbach

Hier oben hat seine Natur eine Arena errichtet. Eine Hochebene, halb umgeben von Felsen, halb mit Schnee bedeckt, selbst im Sommer. Das Kailbachmoos. Wind pfeift hindurch. Fauster führt seine angestrengten Großstädter her. Sie sollen sich von einem der großen Gesteinsbrocken „aussuchen lassen“. Sich darauf legen, ihren Ballast in diesem Amphitheater abwerfen.

Wanderführer Fauster kann so gut gehen, dass man ihn meist nur von hinten sieht. Foto: Prosinger Vergrößern
Wanderführer Fauster kann so gut gehen, dass man ihn meist nur von hinten sieht. © Prosinger

„Moor und Berge haben die Kraft, das aufzunehmen.“ Anschließend führt er sie mit nackten Füßen über Schnee und durch den eisigen Gebirgsbach. Welch Glück, wenn der Schmerz nachlässt! Das Moor schmatzt unter Fausters Füßen.

Dass der Berg heilt, haben Studien längst nachgewiesen. Gebirgsluft macht schlank, senkt das Herzinfarkt-Risiko, die Blutwerte verbessern sich. Angeblich liegt’s am Reizklima: Dünne, trockene Luft und starke Sonneneinstrahlung aktivieren den Abwehrmechanismus, die Zellen erneuern sich schneller.

„Geht’s?“, fragt Fauster wieder im munteren Südtiroler Ton. Und stürmt, ohne die Antwort abzuwarten, hinab ins Tal.

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