"Runaway niggers" wurden hart bestraft

Im Untergrund. Schauspieler im Slave Haven Underground Railroad Museum in Memphis. Foto: imago/ZUMA Press
Underground Railroad Zug der Sklaven: Die geheime Untergrundbahn in die Freiheit

Die Schätzungen, wie vielen die Flucht tatsächlich gelang, schwanken zwischen 50 000 und 100 000. Und das in einem Zeitraum von 60 Jahren, 1800 bis 1860. Lächerlich wenig, angesichts der Tatsache, dass 1860 vier Millionen Sklaven in den USA lebten. Andererseits erstaunlich, dass es überhaupt so viele schafften. Sie hatten ja weder Landkarten noch GPS, ihr einziger Kompass war der Nordstern. Viele kannten die Welt jenseits der Plantagen nicht, und fast alle waren Analphabeten. Lesen und Schreiben zu lernen, überhaupt jede Form von Bildung war ihnen in der Regel verboten. Je dümmer die Herren ihre Leibeigenen hielten, desto leichter konnten sie sie unterdrücken. Die Flüchtlinge mussten sich auf Gerüchte und Nachrichten verlassen, die einer dem anderen zuflüsterte. Und wenn sie dann an einen fremden Ort kamen, woher sollten sie wissen, welchem Weißen sie trauen konnten, wer ein Spitzel war?

Das Risiko, vor allem für die Entlaufenen, aber auch für ihre Helfer, war riesig. 100 Hiebe mit der neunschwänzigen Katze, einer Peitsche mit neun geflochtenen Seilen, auf den Plantagen ein gängiges Strafmaß, gehörte fast zu den gemäßigten Vergeltungsmaßnahmen. Es konnte einem Geschnappten passieren, dass sein Ohr an einen Stamm genagelt und anschließend abgeschnitten wurde. Das Abhacken von Händen und Füßen war verbreitete Praxis. Ein „runaway nigger“ wurde an die Kutsche seines Masters gekettet, der dann seinen Pferden einheizte. Ein Lynchmord war kein schneller Tod, sondern qualvoll gestreckte Folter. In seinem Roman schildert Colson Whitehead die Brutalität des Systems in gruseligen Details.

Im tiefen Süden, wozu Georgia gehört, ging es besonders bestialisch zu. Doch von dort war der Weg in die Freiheit am weitesten. Wer nahe der Grenze zu den Nordstaaten lebte, hatte es leichter. Pennsylvania und Ohio waren die Bundesstaaten mit besonders aktiver Résistance.

Kopfgeldjäger kidnappten auch freie Schwarze

Die Situation wurde immer schlimmer. Seit der internationale Sklavenhandel 1808 verboten wurde, kein Nachschub mehr von außen kam, wuchs der Druck auf den Binnenmarkt. Denn mit dem Boom der Baumwollindustrie wurden viele Arbeitskräfte gebraucht. Und wer es in den freien Norden geschafft hatte, war keineswegs in Sicherheit. Auf die Entflohenen wurden Prämien ausgesetzt, Zeitungen veröffentlichten Steckbriefe. Professionelle Kopfgeldjäger hetzten und entführten die Flüchtigen, kidnappten auch freie Schwarze – davon erzählt der oscargekrönte Film „12 Years a Slave“, der auf einer wahren Geschichte basiert.

Noch dramatischer wurde es 1850 mit der Verabschiedung des „Fugitive Slave Law“, wonach Sklaven, selbst wenn sie im freien Norden lebten, Eigentum ihrer Peiniger blieben. Den Flüchtlingen zu helfen, galt als Diebstahl; per Gesetz waren jetzt eigentlich alle Amerikaner dazu verpflichtet, entflohene Sklaven auszuliefern.

Es gab nur einen Ort, der tatsächlich Freiheit und Sicherheit garantierte, „das gelobte Land“: Kanada. Im Britischen Commonwealth war Sklaverei seit 1833 verboten. Wobei die Glücklichen, die es über die Grenze schafften, schnell feststellen mussten, dass Rassismus und Diskriminierung damit nicht automatisch abgeschafft waren.

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