Die bekannteste Figur der Underground Railroad ist eine Frau

Die Freiheitskämpferin Harriet Tubman (1820/1822-1913). Foto: mauritius images / Science Source
Underground Railroad Zug der Sklaven: Die geheime Untergrundbahn in die Freiheit

Nicht zufällig hat Colson Whitehead eine Frau zur Hauptfigur seines Romans gemacht. Sklavinnen hatten doppelt zu leiden, waren sie doch nicht nur der gängigen brutalen Willkür ausgesetzt, sondern wurden als sexuelles Freiwild missbraucht. Wollten sie fliehen, standen sie vor der horrenden Entscheidung, ob sie ihre Kinder mitnehmen oder zurücklassen sollten. Die Mutter des Bahnvorstehers William Still zum Beispiel war bei ihrem Versuch, mit allen vier Kindern wegzurennen, schnell wieder eingefangen worden. Beim nächsten Mal ließ sie die beiden Jungen zurück, in der Hoffnung, dass sie besser für sich selbst sorgen könnten, und nahm nur die Mädchen mit.

Auch die bekannteste Figur der Underground Railroad ist eine Frau: Harriet Tubman. In Maryland geboren (ob 1820 oder 1822, wusste sie selber nicht), wurde sie von ihrem Master schon als Sechsjährige an andere Farmer vermietet, die sie missbrauchten. Bei einer Familie diente sie als Babysitterin; wann immer der Säugling schrie, hat man sie verprügelt. Ihre drei älteren Schwestern wurden in den tiefen Süden verkauft. Mit 13 traf Tubman ein schweres Eisengewicht am Kopf, das ein weißer Aufpasser einem anderen Schwarzen hinterhergeworfen hatte. Danach litt sie ihr Leben lang unter schweren Kopfschmerzen, epileptischen Anfällen und Narkolepsie. Ihre Entschlossenheit konnte das nicht schmälern. Als ihr selber der Verkauf in den tiefen Süden drohte, lief sie weg und gelangte 1849 nach Philadelphia.

Tubman soll die Vorderseite eines Geldscheins krönen

Ein Jahr später zog sie zum ersten Mal als Schaffnerin los, zurück in die Gefahrenzone. Überzeugt, unter Gottes Schutz zu stehen, unternahm „Moses“, wie man sie nannte, die lebensgefährliche Reise insgesamt 13 Mal. Mindestens 70 Menschen hat sie gerettet, Verwandte, Freunde, Fremde. Klein und tiefschwarz, verkleidete sie sich als alte Frau oder als Mann, führte ihre Gegner auf falsche Spuren. Und „General Tubman“ hatte immer eine Pistole dabei. Die sie auch als Drohmittel einsetzte, falls ein Flüchtling Angst kriegte und zurückgehen wollte; das hätte für alle anderen das Ende bedeutet. Stolz verkündete sie, nie einen Passagier verloren zu haben. Und sie machte weiter, nachdem der Civil War die Sklaverei 1865 beendet hatte, setzte sich als Freiheitskämpferin nun für die Rechte von Frauen ein. Sie selbst heiratete 1869 einen 22 Jahre jüngeren Mann.

Im vergangenen Jahr verkündete der US-amerikanische Finanzminister, dass Tubman – als erste Schwarze überhaupt und als erste Frau seit über 100 Jahren – die Vorderseite eines Geldscheins krönen soll, und zwar die 20-Dollar-Note. Damit verdrängt sie Andrew Jackson, den siebten US-Präsidenten. Wobei sich immer noch ein kleines Plätzchen fand für den militanten Sklavenhalter und Rassisten, der für den Genozid an Indianern verantwortlich war: auf der Rückseite der Note.

Bis der Schein fertig ist, soll es allerdings Jahre dauern, und bis er tatsächlich im Umlauf ist, noch weitere. Bis dahin, unkte ein Komiker, werde es wohl gar kein Bargeld mehr geben.

Die Underground Railroad, schreibt der Historiker Tom Calarco, wurde zur „Metapher für Hoffnung, Freiheit und Hilfsbereitschaft“. Das ist sie nach wie vor. Der Name wird heute wieder benutzt für die Wege und Unterstützung, die Asylsuchende, etwa aus Syrien oder Afghanistan, finden, um aus Trumps Amerika ins sichere Kanada zu gelangen.

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