Eine Regel: Don't drink and text!

Der Computer hilft leider wenig, wenn sich Paare trennen. Foto: Fotolia
Trennungen in Zeiten des Internets Das Ende der Vermailung

Verletzte Egos sind irrational. Sie bringen uns dazu, Dinge zu machen, von denen wir dachten, dass wir sie eigentlich nicht nötig hätten: ordentlich den Ex-Freund zu beschimpfen oder öffentlich mit einem anderen zu flirten, nur um dem Ex wehzutun. Das ist im realen Leben so – und im virtuellen. Ein böser Tweet ist schnell geschrieben und erfordert wenig Mut. Viele Menschen vergessen dabei: Im realen Leben brüllt niemand vom Balkon, was man der Ex-Partnerin alles Schlechtes an den Hals wünscht, allein schon wegen der Nachbarn. Im Internet beschwert sich kein Anwohner über Ruhestörung, die Hemmschwelle für Unfreundlichkeiten und Gemeinheiten sinkt enorm.

Eine weitere wichtige Regel für Frischgetrennte lautet: Don’t drink and text. Viele Menschen erinnern sich an Situationen, in denen sie das Smartphone besser nicht in ihrer Nähe gehabt hätten. Nach drei Gläsern Mojito der Exfreundin ein schwülstiges Video auf die Pinnwand posten? Den Ex auf Twitter beleidigen, weil er ohne einen in den Urlaub gefahren ist? Auf der nach oben offenen Skala der Peinlichkeiten reizen wir aus, was geht.

Sieht die Lösung so einfach aus: Weniger Privates im Netz breitzutreten? Sicher, wer Distanz zu seinen Onlineaktivitäten wahrt, wer sein Privatleben weitestgehend aus dem Internet verbannt, ist weniger angreifbar. Nur, will man das? Nicht ohne Grund sind Twitter-Accounts, die höchstens zum Verbreiten von Pressemitteilungen genutzt werden, so langweilig. Authentizität lebt von Gefühlen. Ein glattgebügeltes Onlineprofil erweckt keine Neugierde, keine Spannung.

Und die möchten Benutzer dieser Medien erzeugen, um vielleicht darüber wieder neue Menschen kennenzulernen. Auch dieser Teil des Trennungstheaters, das endgültige Entkoppeln von einer Person, hält genug Drama bereit. Wie bändele ich mit jemandem an, ohne dass meine Exfreundin es entdeckt, wenn sie meine Timeline anschaut?

Ich habe von Fällen gehört, in denen Bekannte aus Diskretionsgründen keine Tweets einer bestimmten Person mehr favorisierten – nur damit kein Verdacht entsteht. Das Favorisieren, also das Markieren eines Tweets mit einem Sternchen, zeigt an, dass man die Nachricht mag. Kommt dies zu oft vor, könnte es auffallen – und jemand den beiden Twitterern eine persönliche Verbindung nachsagen.

Mit einem neuen Medium entstehen neue Situationen, auf die uns niemand vorbereitet hat und mit denen wir umgehen müssen. In Zeiten, in denen Facebook es uns ermöglicht, der Welt mitzuteilen, mit wem wir uns gerade wo befinden und wie wir uns dabei fühlen, wie können wir da diskret sein? Zumal kein Grund besteht, alles geheim zu halten. Es ist doch gerade schön, sein Glück in die Welt hinausbrüllen zu können, ohne wegen nächtlicher Ruhestörung verhaftet zu werden.

Hat sich dank der sozialen Medien das Entlieben verändert? Die Trennung kann schwerer werden als früher, da man viel mehr Möglichkeiten hat, an die einstigen Partner erinnert zu werden. Manchmal ungewollt. Schließlich ist der Facebook- Algorithmus ein gefühlloser Idiot, schlägt er doch besonders gern frisch Getrennte als potenzielle neue Freunde vor. Die technische Komponente macht uns einen Strich durch die Rechnung. Damit müssen wir umzugehen lernen.

Wie geht nun das richtige Entlieben im Netz? Eigentlich kennen wir den Weg: einen digitalen Kontaktabbruch, sobald wir bemerken, dass wir uns verletzend oder peinlich verhalten – oder der andere die Grenzen überschreitet. Das Entfreunden auf Facebook oder das Blocken auf Twitter müsste genauso selbstverständlich sein wie das Löschen der Nummer aus dem Speicher des Telefons oder das Meiden gemeinsamer Lieblingsorte in der realen Welt. Wenn wir nur nicht so furchtbar inkonsequent wären.

Zur Startseite