Polizeibeamte stehen an einer Absperrung in der Nähe vom Tatort, an dem zwei Polizeibeamte in Kusel durch Schüsse getötet wurden. Sebastian Gollnow/dpa
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„Tod und Trauer gehören dazu“ Die Arbeit von Polizeipsychologen wird immer wichtiger

Jens Albes Wolfgang Jung

Todesschüsse in der Pfalz, bundesweit mehr Hass und Gewalt: Seelsorger und Psychologen helfen Polizisten traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

Leichen in einem ausgebrannten Unfallauto, kinderpornografische Ermittlungen mit schier unerträglichen Bildern oder jüngst zwei erschossene Kollegen in der Pfalz: Polizisten erleben extreme Belastungen. Um so wichtiger kann ihre psychosoziale Betreuung sein. Wie sieht diese aus? Gibt es genug Angebote?

Jörg Radek, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sagt am Donnerstag: „Von Polizistinnen und Polizisten wird erwartet, dass sie gefestigt sind und souverän bleiben.“ Diese Widerstandsfähigkeit bei seelisch belastenden Erlebnissen sei jedoch nicht bei allen gleich ausgeprägt. „Wir sind und bleiben Menschen. Menschen, die nicht immer einfach alles abschütteln können.“

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Polizeipsychologen und Polizeiseelsorger seien daher außerordentlich wichtig, ergänzt Radek. „Es gibt zu Schichtende nicht immer die Möglichkeit, sich über belastende Erlebnisse auszutauschen. Es ist auch nicht jedermanns Sache, das in größeren Runden anzusprechen.“ Dafür seien Psychologen und Seelsorger vertraulich ansprechbar.

„Die Gewalt gegenüber Polizeibeamtinnen und -beamten nimmt seit Jahren zu. Das reicht von Pöbeleien über Schubsereien, Steinen oder Pyrotechnik bis zu extremer Waffengewalt“, betont der GdP-Vize. Es müsse daher „eine größere Verfügbarkeit der psychologischen Dienste“ geben. „Das mentale Auffangen dieser Situationen würde durch deutlich mehr Angebote der psychologischen Betreuung spürbar verbessert.“

Notfallbetreuung nach den Morden in Kusel

Am vergangenen Montag sind eine 24-jährige Polizeianwärterin und ein 29 Jahre alter Oberkommissar bei einer Verkehrskontrolle bei Kusel in Rheinland-Pfalz erschossen worden. Seit Dienstag sitzen zwei Männer wegen Verdachts auf gemeinschaftlichen Mord in Untersuchungshaft. Die Ermittler vermuten, dass sie Jagdwilderei vertuschen wollten.

Polizeibeamte sperren die Zufahrt zum Tatort in Kusel. Thomas Frey/dpa Vergrößern
Polizeibeamte sperren die Zufahrt zum Tatort in Kusel. © Thomas Frey/dpa

Vor allem für die ermittelnden Polizisten am Tatort, aber auch andere betroffene Kollegen hat die Polizei Rheinland-Pfalz wieder - wie schon etwa bei der Ahrtal-Flut mit 134 Todesopfern im Juli 2021 - ein Kriseninterventionsteam eingerichtet, diesmal mit 34 Mitgliedern: Polizeipsychologen, -seelsorger und -beamte sowie sogenannte Sozialberater.

Das Team spreche mit betroffenen Beamten - sofern es diesen möglich sei - über ihre Belastungen und einen geeigneten Umgang damit, sagt Jan Karweik, Sprecher der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz am Hunsrück-Flughafen Hahn. Reiche diese „Notfallbetreuung“ nicht aus, könnten sich psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlungen anschließen.

Auch Hubertus Kesselheim, katholischer Polizeiseelsorger für die Polizeipräsidien Trier und Koblenz, sagt, das Wichtigste sei in den nächsten Wochen, für die Stabilisierung da zu sein. „Den Kolleginnen und Kollegen ein Forum geben, in dem sie reden und sich vergewissern können. Damit sie wieder den Boden unter den Füßen spüren, ihre Sicherheit zurückgewinnen und die Bilder, die unweigerlich im Kopf entstehen, einordnen können“, erklärt der Lehrbeauftragte der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz und der Fachhochschule des Saarlandes. „Und dazu kommt natürlich auch die Trauerarbeit.“

Blumen liegen und Kerzen stehen am Eingang der Polizei in Kusel. Harald Tittel/dpa Vergrößern
Blumen liegen und Kerzen stehen am Eingang der Polizei in Kusel. © Harald Tittel/dpa

Laut Kesselheim ist es menschlich, wenn Polizisten nun Wut und Hass auf die Täter empfänden. Aber der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gelte auch für jemanden, der einen Polizisten erschossen habe. „Das wird auch in der Ausbildung im Fach Berufsethik thematisiert und diskutiert“, erläutert der Polizeiseelsorger.

Mit Blick auf Forderungen einer Aufrüstung der Polizei sagt Kesselheim: „Was in Kusel passiert ist, ist ein furchtbarer Einzelfall.“ Die Polizei müsse aber eine Bürgerpolizei bleiben. „Sie darf nicht mit dem Messer zwischen den Zähnen durch die Gegend laufen. Sie ist gut ausgestattet und in Teams unterwegs. Aber natürlich ist es auch eine Polizei, die verletzlich ist.“ Alle könnten dazu beitragen, dass der Respekt für Polizisten nicht verloren gehe. „Dass der Mensch in der Uniform sichtbar wird.“

Der Umgang mit Trauma wird immer mehr ein Thema

Die stellvertretende GdP-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz, Stefanie Loth, sagt, es gebe auch an jeder Polizeidienststelle in ihrem Land in belastenden Situationen einen ersten Ansprechpartner mit besonderer Fortbildung. Dies sei ein niedrigschwelliges und dezentrales Angebot vor der Einschaltung eines Polizeipsychologen.

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„Trauer und Tod gehören zur Polizeiarbeit dazu“, sagt die Polizistin. Daher sei es wichtig, zuerst viel mit eigenen Kollegen zu reden. Psychosoziale Hilfe in der Polizei sei früher weniger angesehen gewesen. „Heute ist das mehr ein Thema“, sagt Loth. Auch bei der Polizei änderten sich Männlichkeitsbilder im Laufe der Zeit.

Der schleswig-holsteinische GdP-Vorsitzende Torsten Jäger weist gleichwohl in der gewerkschaftseigenen Zeitschrift Deutsche Polizei (November 2021) auf nicht wenige personelle Ausfälle wegen einer psychischen Erkrankung in der Polizei hin. Diese könne „schwerer wiegen und länger nachwirken als gebrochene Knochen“. Viele betroffene Polizisten versuchten ihre Erkrankung im Dienst zu verschweigen und sich heimlich auf eigene Kosten im Privatleben behandeln zu lassen: „Das ist total schlecht.“ (dpa)

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