Wer nachdenkt, verliert

Unsere Autorin hat es geschafft: nach ihrem erfolgreichen Ritt. Foto: S. Markutzyk
Surfen in Portugal Ich war noch niemals auf Hawaii

Drei Schritte braucht es, um vom Liegen in den Stand zu kommen. Arme auf Brusthöhe durchdrücken, die Hüfte dabei einseitig leicht absacken lassen, das schwache Bein vorziehen, das starke hinterher. Jeder hat ein schwaches und ein starkes Bein, sagt Hugo. Weil ich meine Gliedmaßen nicht so gut kenne, wie ich sollte, schubst er mich von hinten. Mit dem rechten Bein fange ich mich auf, das ist der Schwächling, daran hängt jetzt die „Leash“, die Verbindung zu dem Kunststoffmonster, mit dem ich gleich eins werden soll.

Aufsteh-Trockenübungen. „One, two, three, boom“, sagt Hugo. Dabei nicht nachdenken! Wer nachdenkt, verliert. Eins, zwei, drei, boom. Dabei nicht nach unten gucken. Wer runterguckt, fällt, sagt Hugo. Ich stehe perfekt. Hell yeah! Endlich darf ich surfen.

Verdammt. Ich stehe hüfthoch im eisigen Meer, weiter darf ich nicht. Weiter will ich auch nicht. Die Wellen hier werden bis zu sechs Meter hoch, in der Ferne ragen die Köpfe der Profis wie schwarze Bojen aus dem Wasser, und ich kann nicht mehr. Ich bin eine durchschnittlich grimmige Berlinerin mit zu großem Ego und zu wenigen Muskeln. „Vor der Welle sind wir alle gleich“, sagte mal Laird Hamilton, der wahrscheinlich bedeutendste Big-Wave-Surfer des 21. Jahrhunderts. Aber manche hier sind gleicher. Seit einer Stunde kämpfe ich mit dem Board, der Leine, dem Wasser und mit mir. Der alte Waschlappen und das Meer.

Ich paddle, spüre den Druck, jetzt oder nie

Ich erspähe Hugo am Ufer, wie er mit jemandem plaudert, und verfluche auch ihn. Was ist das überhaupt für ein Lehrer, macht der noch irgendwas? Trotzig wende ich mich dem Wasser zu, es reicht mir bis zur Brust. „Surfen ist ein königlicher Sport für die natürlichen Könige dieser Erde“, schrieb der Abenteurer Jack London 1907, als er zum ersten Mal die nackten Hawaiianer bei ihrer Lieblingsbeschäftigung beobachtet hatte. Ich wische mir den Rotz aus dem Gesicht.

Sobald die Welle, die man reiten will, auf einen zurollt, muss man vor ihr wegpaddeln, um sich ihrer Kraft im richtigen Moment auszuliefern. Jede Welle ist anders, sagt Hugo, und die, die sich da gerade vor mir aufbäumt, ist meine. Ich paddle, spüre den Druck an meinen Füßen, der hintere Teil des Bretts hebt sich, jetzt oder nie. Wer zögert, verliert. Ich stehe auf. Ich falle.

Meine Füße sind rot, die Haut brennt

Tag zwei. Ich sollte gerade an einem der Traumstrände sein und königlich durchs Wasser gleiten. Ich gleite aber nicht. Ich liege in meinem Bett. Alles tut weh. Das ist kein Muskelkater mehr, mit Freiheit hat das nichts zu tun, das ist die Hölle der Törichten. „Nimm eine Welle, und du bist auf dem Gipfel der Welt“, sangen die Beach Boys. Nur einer von ihnen konnte surfen.

Gestern Abend war es noch eine klare rote Linie gewesen, die sich quer vom Innen- über meinen rechten Außenschenkel zog. Dort, wo mich das Surfboard rammte. Jetzt quillt die Haut drum herum lila hervor, mit einem Hauch von braun. Ich drücke vorsichtig drauf, um sicherzugehen, dass es schlimm wehtut. Immerhin, der blaue Fleck an meiner Taille sieht nicht so fies aus, wie ich es erwartet hatte, als ich ihn vor dem Schlafengehen entdeckte. Von meinen Füßen kann man das nicht behaupten: Ihre Oberseiten leuchten in einem prallen Rot. Die Haut brennt. Es war das Brett. Ich schleifte zu oft liegend auf ihm herum, beim erbärmlichen Versuch, eins mit ihm zu werden. Ich sehe aus, als käme ich aus einer ungesunden Zweierbeziehung. Ich und das Brett, wir brauchen eine Paartherapie.

Zur Startseite