Die Algarve endet am Steilfelsen

Surfschüler tragen neongelbe Shirts mit der Aufschrift "Freeride". Foto: S. Markutzyk
Surfen in Portugal Ich war noch niemals auf Hawaii

Der Surfer Gerry Lopez sagt: „Surfen ist wie das Tor zu deinem Leben. Große Wellen stellen Körper, Geist und deine Seele auf die Probe.“

Ich habe mich vom Weißwasser ausknocken lassen. Kopf und Nebenhöhlen sind auch zu – trotz der Nasenspülung meines Lebens scheine ich verschnupft zu sein. Gott sei Dank. Ich melde mich krank.

Nachdem ich noch mal geschlafen habe und sich alles schlimmer anfühlt, beschließe ich, mich zu bewegen. Sanft. Jetzt, wo meine Würde auf dem Grund des Meeres liegt, geht auch ein Rentnerbike. Ich klaue Aloe Vera aus dem Nachbargarten, für die wunden Füße, leihe mir ein Elektrorad und fahre eine halbe Stunde zum südwestlichsten Punkt Europas, dem Kap Sankt Vinzenz.

Die Algarve endet an einem mächtigen Steilfelsen. Weiter im Norden blühen jetzt die Feigenbäume, aber hier wächst nichts höher als bis zum Knie, die Vegetation ist mir sympathisch. Dornengewächse, vereinzelt Blumen, lila und gelb.

Heute werde ich meine Würde vom Grund des Meeres klauben

Zum ersten Mal sehe ich Touristenhorden. Und einen Würstchenstand. „Die letzte Wurst vor Afrika“ steht da – auf Deutsch. Aus Scham kaufe ich der Portugiesin nebenan eine bestickte Decke ab, während mir der Schweiß von der Stirn rinnt. Perfektes Wetter heute. Auf dem Rückweg halte ich – lange sitzen tut weh – an kleinen Stränden, die Wellen wunderschön. Sie sind der Grund, warum Sagres das Epizentrum der algarvischen Surfszene ist. Hier findet man immer einen Strand mit passenden Bedingungen. Die Profis kommen in den Wintermonaten, ideale Anfängervoraussetzungen herrschen von Juni bis September. Dann reicht hier auch ein kurzbeiniger Wetsuit. Ich starre auf die Wellen, die sich an einem Felsen brechen. Wir haben noch eine Rechnung offen.

Der Wecker klingelt. Heute, am Tag drei, gibt es kein Entrinnen. Der Atlantik soll mir ins Gesicht knallen. So oft er eben will. Ich werde meine Würde vom Grund des Meeres klauben und mit ihr zum Strand surfen. Ich stopfe so viel Frühstück in mich, wie reingeht, ich brauche Kraft.

Hier werden Meister gekürt. Portugal ist der angesagte Surfspot. Foto: S. Markutzyk Vergrößern
Hier werden Meister gekürt. Portugal ist der angesagte Surfspot. © S. Markutzyk

Die anderen haben heute schon die cooleren Boards, schmaler, leichter. Ich trage meinen Loserknochen zum Strand. Aufwärmen, Trockenübungen, los. Alles wie immer, nur in Miniatur. 25 Meter Strand, Felsen links und rechts, dazwischen Wellen. Ich perfektioniere mein Versagen. Ich falle professionell. Ich trage das Brett ins Meer und falle wieder heraus. Waren es zwei Stunden? Raum und Zeit verschwimmen. Egal.

"That’s your wave!"

Hier draußen auf dem Wasser passieren Dinge, die eine Großstadtfrau wie ich nicht verkraften möchte. Das Image des Surfers: ultimative Sexyness. Doch nur weil niemand darüber spricht, bedeutet das nicht, dass nicht trotzdem jeder in seinen Wetsuit pinkelt.

Jede Welle ist anders – und diese hier sind alle ein bisschen größer als noch vorhin. Ich starre. „That’s your wave!“, brüllt plötzlich der Surflehrer. Ja, okay. In der Eile wälze ich mich wie eine Seekuh aufs Brett. Jetzt hilft nur paddeln, zum Strand schauen, die Welle ist da, und fürs Abbrechen ist es eh zu spät.

Ich starre weiter geradeaus. Es passiert irgendwas und … ich stehe. Oh Gott. Die Welle trägt mich, es fühlt sich gewaltig an, leicht und stabil gleichzeitig. Mein Brett und ich, wir gleiten in den Sand.

Ich habe es gesehen, das Glück und die Freiheit. Sie sind da, wo der Rest der Welt nicht ist.

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