Nächste Dimension. Auch beim Lebensmittelkauf soll künftig Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen. Illustration: IRVANDY SYAFRUDDIN
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Supermarkt der Zukunft Im Einkaufsnetz

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Dieser Supermarkt weiß, ob daheim noch Salami im Kühlschrank liegt. Ein Besuch in der Zukunft.

Mein Sohn sitzt vor den Nudeln mit Tomatensoße und fragt: „Kann ich Parmesan?“ Kühlschrank auf, darin gähnende Leere. Sohn zwei mault: „Schmeckt nicht ohne!“ Die beiden stochern in ihren Spaghetti rum, ich bin entnervt. Extra für die gute rote Soße aus dem Glas bin ich zwischen Büro und Kita noch in den Edeka gesprungen. Und jetzt fehlt der Parmesan?

Kein Wunder, denke ich, dass die Deutschen durchschnittlich drei Stunden pro Woche mit dem Einkaufen von Lebensmitteln im stationären Handel beschäftigt sind, wie das Statistische Bundesamt vor einigen Jahren errechnet hat. Wahrscheinlich sind darunter jede Menge Fälle wie ich, die für jede Mahlzeit drei Mal losrasen. Könnte sich da nicht mal jemand etwas Schlaues einfallen lassen? Heute kann man doch alles tracken, vom Kleinkind bis zum Weihnachtspäckchen. Wieso eigentlich nicht den Inhalt des Kühlschranks?

Wenn man in diesen Tagen Antworten auf die drängenden Fragen der Gegenwart sucht, schaut man ja gerne ins Saarland. Da kommt nicht nur AKK her, dort steht auch der Supermarkt der Zukunft. Wie das klingt! Nach Zeitreise, nächster Dimension, Science-Fiction-Film. Ich steige in Sankt Wendel allerdings in einen sehr gewöhnlichen Bus, der einmal pro Stunde zum High-Tech-Supermarkt fährt. Er ist eine Art Showroom, in dem Wissenschaftler vom Labor für Innovationen im Einzelhandel ihre neuen Entwicklungen vorführen.

„Alexa, füge Müsli hinzu!“

Am Eingang des Modellwarenhauses liegen Äpfel und Bananen in Holzkisten, aus den Gängen leuchten mir bunte Packungen von Nudeln, Cornflakes und Kürbiskernen entgegen, ein paar Schritte weiter stapeln sich Käse und Wurst in der Frischetheke. Wo geht’s hier ins Neuland, bitte? Das soll mir der leitende Supermarkt-Entwickler, Gerrit Kahl, erklären, ein promovierter Informatiker. Schlank, kurze braune Haare, blaues Sakko, Jeans und Lederschuhe. Der 36-Jährige ist einer von 17 Mitarbeitern des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), die in der Zentrale des Handelsunternehmens Globus an der Einkaufswelt von morgen tüfteln. Als erstes drückt er mir ein Tablet in die Hand, in das ich meine Einkaufsliste eingebe: Nudeln, Brot, Müsli. Alles wie immer, nur ohne Stift und Zettel. Ich rufe in den Raum: „Alexa, füge Müsli hinzu!“ Sofort quäkt es auf dem Off: „Ich habe Müsli hinzugefügt.“

Dann hänge ich das Gerät an den Einkaufswagen. Es vernetzt sich auf der Stelle mit dem Warenhaus. Die digital erstellte Liste ploppt auf, das Tablet berechnet die optimale Route durch den Laden. Meine „customer journey“, wie Kahl das nennt, beginnt im Pastagang. Spaghetti, Linguine oder Farfalle? Ich entscheide mich für Tagliatelle. Als ich zur Packung greife, erscheint auf dem Display am Regal ein Rezept für Bandnudeln mit Lachs. Ich will es gerade lesen, da leuchtet im Fach nebenan eine Lampe auf und bestrahlt eine Flasche Merlot. Ich nehme die Flasche zur Hand, ihr Etikett erscheint auf dem Tabletbildschirm: Dieser Wein passt gut zu Pasta und Fisch. Ich denke: „Kunden, die diese Nudeln gekauft haben ...“ Es ist das Prinzip der Empfehlungen, das den Online-Handel durchdringt, in real life.

Die Supermarktketten spüren, dass sie sich etwas einfallen lassen müssen, um am Markt zu bestehen. Seit Amazon Fresh Mitte des vergangenen Jahres in den deutschen Markt eingestiegen ist und Berlin, Potsdam und München mit Lebensmitteln beliefert, sind die Händler alarmiert. Bislang hat der Internetgigant noch jede Branche aufgemischt, in die er vorgedrungen ist. Edeka, Rewe und Co. erwirtschaften bisher nur etwa ein Prozent ihrer Umsätze im Versandhandel. Sie mühen sich, frische Esswaren profitabel auszuliefern, weil die Gewinnspanne beim Verkauf von Nahrungsmitteln nur knapp über einem Prozent liegt. Kaufland hat seinen Lieferdienst gerade wieder eingestellt.

Es geht um viel Geld

Amazon kann locker mitspielen, weil die Logistik bereits besteht und andere Produkte die Lebensmittel querfinanzieren. Bei Amazon Fresh wählen die Kunden aus 85 000 Artikeln; in einem großen deutschen Supermarkt sind es in der Regel halb so viele. Die Händler vor Ort müssen also mehr liefern als Nudeln, Klopapier und Milch. Am besten das, was der Versandhandel nicht bieten kann: das Erlebnis.

Es geht um viel Geld. Der deutsche Lebensmittelmarkt war laut der Gesellschaft für Konsumforschung im Jahr 2017 mehr als 180 Milliarden Euro schwer. Um nicht abgehängt zu werden, experimentieren die Marktbetreiber mit ständig wechselnden Aktionsständen. Heute eine Sushi-Bar, morgen eine Salumeria oder Patisserie. Sie setzen Schlemmerabende auf das Programm, Kaffee und W-Lan gibt es sowieso. Der Supermarkt soll zum Treffpunkt und Freizeitort werden. Das spiegelt auch die Architektur der neuen Warenhäuser wider: Die Decken sind nicht mehr abgehängt, die Regale nur noch halbhoch, zwischen ihnen ist mehr Platz.

Außerdem wollen die stationären Händler endlich die Vorzüge des Online-Business für ihr Geschäft nutzbar machen. Das heißt vor allem, dass sie mehr über ihre Kunden erfahren und ihnen maßgeschneiderte Angebote unterbreiten möchten. Bisher bekommt meine Freundin, die seit 20 Jahren Vegetarierin ist, zuverlässig den Prospekt zur Aktionswoche Grillen, und mein laktoseintoleranter Bruder die Werbung für Joghurt. Im Supermarkt der Zukunft weiß das Tablet, wen es vor sich hat. Ich habe sämtliche Allergien meiner Familie darin gespeichert. Keine Haselnüsse, Birnen oder Äpfel für uns. Im Gang mit den Frühstückscerealien halte ich das Gerät vor das Regal. Von Fitnessflocken und Bircher-Müsli blinken mir rote Warnkreuze entgegen. Dafür bekommt ein Früchtemüsli einen grünen Haken. Ah, die exotische Variante, mit Mango und Kokosnuss.

Die Ausweitung der Quengelzone

Als ich die Tüte in den Wagen lege, leuchten im Regal nebenan einige Etiketten auf. Rosinen, Mandeln und getrocknete Aprikosen bekommt man günstiger, wenn man die Flocken kauft. Nichts davon steht auf meiner Liste – aber 20 Prozent Rabatt? Über das Tablet flimmert die Erinnerung, dass mein Sohn am Wochenende Geburtstag feiert und sich Karottenkuchen wünscht. Also her mit den Mandeln.

Ein paar Schritte weiter habe ich auf einmal Stimmen im Ohr. Sie flüstern mir zu, dass sich zu den Nudeln, die ich eben eingepackt habe, der Grana Padano aus dem Angebot empfiehlt. Ich schaue mich suchend um. Niemand zu sehen. Das Säuseln kommt aus einem Lautsprecher an der Decke, der sich über eine eingebaute Kamera so ausrichtet, dass er gezielt einzelne Kunden anspricht. Es fühlt sich seltsam an. Aus allen Ecken wispert es „Kauf mich“. Es ist die Ausweitung der Quengelzone. Einerseits. Andererseits: Stimmt ja. Ich kann den Kram gebrauchen. Und muss nicht kurz vor dem Abendessen noch mal in den Laden hechten, um Parmesan zu holen.

Also weiter zur Frischetheke. Hinter der Scheibe liegt haufenweise Käse. Welcher ist der aus dem Angebot? Ich zeige mit meinem Finger, eigentlich mit meinem ganzen Arm, auf die Ware, bis das Display Sorte und Kilopreis ausweist. Wie ein Jedi-Ritter, der mit dem Leuchtschwert die Dunkelheit zerteilt, fuchtele ich vor der Theke herum, bis der Grana Padano zu 1,99 Euro auf dem Display erscheint. 200 Gramm davon, bitte. Ich bin heilfroh, dass mich nur der Schöpfer dieser Anwendung dabei beobachtet. Kurz einen Verkäufer fragen, wo der Parmesan liegt? Klingt gerade verlockend.

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