Alltag zwischen Ruinen: Ende März wurden in Butscha dutzende Leichen gefunden. Zwei Monate später eröffnen die Märkte und Läden. Foto: Imago
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Stimmen aus einer zerbombten Stadt Butscha versucht sich an der Rückkehr zur Normalität

Charlotte Plantive - AFP

Butscha ist zu einem Mahnmal für das Kriegsverbrechen geworden. Hier erzählen die Bewohner von ihrer Normalität, Neuanfängen und dem Erinnern.

Die meisten Verkaufsstände auf dem Markt in Butscha sind geschlossen. Vereinzelt bieten Händler Eier, Fleisch oder Gemüsesamen an. Die Wiedereröffnung der Markthalle ist ein Versuch der Rückkehr zur Normalität in der Stadt nordwestlich von Kiew, die zu einem Mahnmal für Kriegsverbrechen geworden ist.

Nach dem Abzug der russischen Truppen Ende März wurden in Butscha dutzende Leichen in ziviler Kleidung in den Straßen gefunden - einige mit gefesselten Händen.

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Seitdem wurden weitere Leichen in den Städten und Dörfern im Umkreis gefunden. Der Kreml bestreitet jegliche Beteiligung Russlands an den Gräueltaten.

"Es wird jeden Tag besser"

In der Markthalle verschwindet die 69-jährige Natalija Morgun fast hinter den Eiern, die sie an ihrem Stand gestapelt hat. "Gott sei Dank kehrt langsam die Normalität zurück", sagt sie, während ihr Tränen die Wangen herunterlaufen. Es sei das erste Mal seit Kriegsbeginn, dass sie sich erlaube zu weinen, sagt sie. "Es ist beschämend für mich zu sagen, dass ich in Russland geboren bin."

Etwas weiter steht Valerija Bilyk, gekleidet in rot und pink, den Farben ihres Schlachterei-Standes. Die 21-Jährige möchte nicht "darüber nachdenken", was in Butscha passiert ist. Sie lenkt sich lieber zusammen mit ihrem Mann bei der Arbeit in der Markthalle ab, die vergangene Woche wiedereröffnet hat.

"Es wird jeden Tag besser und besser", sagt Bilyk. Die Läden würden nach und nach wieder öffnen, Familien zurückkehren. Wenn man die Ruinen nicht beachte, "fühlt es sich an, als ob wir uns fast schon erholt hätten von alledem".

Die ukrainische Stadt Butscha wagt den Versuch der Normalität. Foto: Aziz Karimov/dpa Vergrößern
Die ukrainische Stadt Butscha wagt den Versuch der Normalität. © Aziz Karimov/dpa

"Es gibt mehr Katzen als Menschen"

Doch die Ruinen vor der Markthalle sind schwer zu ignorieren. Zwar wurden der Schutt und die ausgebrannten Autos inzwischen aufgeräumt. Die ausgebrannten Gebäude, die Einschusslöcher und die Zerstörung zeigen jedoch deutlich, was geschehen ist. Auch einige Marktläden scheinen geplündert worden zu sein.

Die meisten Händler sind noch nicht zurückgekehrt und die wenigen Kunden zwischen den Ständen sind zumeist ältere Leute. "Es gibt mehr Katzen als Menschen", sagt jemand im Vorbeigehen.

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"Wir müssen in eine tägliche Routine wechseln, um zu vergessen."

Zu den neuen Händlern gehören Serhij und seine Frau Maryna. Sie ist Englischlehrerin, er Ingenieur und seit Kriegsbeginn arbeitslos. Sie verkaufen Geburtstagsdekoration auf dem Markt, um Marynas Gehalt etwas aufzustocken. Kinder müssten gerade in harten Zeiten lachen dürfen, sagt Maryna.

Dennoch lassen die Erinnerungen an die russische Besatzung das Paar nicht los. Serhij spricht über den Patenonkel seiner Schwester, der gefoltert wurde, und zeigt Aufnahmen des Körpers auf seinem Smartphone. Maryna erzählt von dem Tod der Mutter eines ihrer Schüler. Dann ändert sie das Thema: "Wir müssen in eine tägliche Routine wechseln, um zu vergessen."

"Dutzende Generationen" werden sich noch daran erinnern

Andere wollen nicht vergessen. Der Kunde Dmytro Jefremow sieht ein, dass das Leben weitergehen muss. Doch würden sich noch "dutzende Generationen" daran erinnern, was in Butscha geschehen sei und zwar "bis zu ihrem Todestag", versichert er. "Und wir werden es ihnen heimzahlen", fügt er hinzu.

Die 34-jährige Olena Chochlowa, schwanger mit ihrem zweiten Kind, hat Gemüse gekauft. Sie wohnt in der berüchtigten Jablunska-Straße, in der viele Leichen gefunden wurden. Sie habe Schreckliches gesehen, bevor sie am 10. März aus der Stadt geflohen sei, erzählt sie.

Sie habe erkannt, dass sie ihr Leben trotzdem weiterleben müsse, sagt Chochlowa. "Wenn man es nicht tut, wird man verrückt." Im August soll ihre Tochter zur Welt kommen. Sie wird sie Stefania nennen.

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