Sorgt für Kontroverse: Die App "Clubhouse" (Illustration). Foto: imago images/photothek/Florian Gaertner
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Spitzenpolitiker plaudern bei „Clubhouse“ Passiert das gerade wirklich?

Politik zwischen „Bella Ciao“ und „Candy Crush“: Die neue App „Clubhouse“ ermöglicht Situationen, die zuvor undenkbar gewesen wären. Und jetzt? Ein Zwischenruf.

Wer hätte gedacht, dass man den Freitagabend in der Pandemie mal damit verbringt, Bodo Ramelow und Manuela Schwesig zuzuhören, wie sie gemeinsam „Bella Ciao“ singen? Und, dass man ganz nebenbei erfährt, dass Thüringens Ministerpräsident während der stundenlangen Bund- und Länderkonferenz am Dienstag das Computerspiel „Candy Crush“ zockte? Nach eigenen Angaben übrigens auch sehr erfolgreich.

„Bis zu zehn Level ‚Candy Crush‘ schaffe ich“, sagte Bodo Ramelow (Die Linke) in illustrer Runde in der neuen App „Clubhouse“ am Freitagabend. Wahrscheinlich kaum jemand hätte damit gerechnet, nicht einmal die anwesenden Politiker:innen selbst.

Die US-App, die seit rund einer Woche auch im App-Store in Deutschland verfügbar ist und einen wahren Hype erlebt, macht es möglich. Nutzer:innen können sich in sogenannten „Rooms“ zusammenfinden und dort zu beliebigen Themen sprechen - vom politischen Tagesgeschehen über die Start-Up-Szene bis hin zu Fußball.

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Der Room „Nachtgespräche – zwischen Trash und Feuilleton“ sorgte bisher am meisten für Aufregung. Teilnehmer:innen waren unter anderem Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sowie SPD-Nachwuchspolitikerin Lilly Blaudszun, SPD-Politiker Kevin Kühnert, der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Paul Ronzheimer und Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann.

In dem Gespräch, das von sechs jungen Leuten moderiert wurde, ging es unter anderem um „Trash“-Themen wie Heidi Klum und Ehemann Bill Kaulitz, Schwesigs Filmrolle als 15-Jährige, aber auch um ernsthafte Themen wie den Corona-Gipfel am vergangenen Dienstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Frage ist, muss das wirklich sein? Müssen Spitzenpolitiker:innen mit Nutzer:innen vor tausend Leuten aus dem Nähkästchen plaudern und sich, jenseits des politischen Geschehens über irgendetwas zwischen „Feuilleton“ und „Trash“ äußern?

Um ehrlich zu sein, vielleicht ein bisschen. Ramelow erklärte bei einem weiteren Gespräch am Samstag, dass ihm die Runde gut getan habe. Er durchlebe zurzeit die schlimmste Phase seines Lebens. Da sei ein bisschen Ablenkung und ein lockeres Gespräch mit netten jungen Leuten hilfreich gewesen.

Man mag ihm da nur zu gern zustimmen. Ein bisschen Abstand von den Sorgen und der Trostlosigkeit des Alltags hilft gerade wahrscheinlich nicht nur ihm. Es ist zumindest schwer vorstellbar, dass an einem Freitagabend jenseits der Pandemie etliche Spitzenpolitiker:innen, Influencer:innen und Journalist:innen sowie rund 1500 Zuhörer:innen nichts besseres zu tun hätten, als derartigen Gesprächen zu lauschen.

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Dass diese ungewohnte Lockerheit aber auch eine Gefahr birgt, wurde schnell deutlich. Kai Diekmann gab am Freitagabend bereits zu Bedenken, dass Politikern wie Ramelow bewusst sein müsse, dass sie sich in einem öffentlichen Raum bewegen.

Denn, auch wenn die AGB der App es vorsehen, dass nicht direkt aus Gesprächen zitiert werden soll, sind sich viele Journalist:innen einig darüber, dass es Teil der Pressefreiheit ist, Gesprächsinhalte von Spitzenpolitiker:innen in öffentlichen Räumen, die im öffentlichen Interesse sind, an die Bürger:innen weiterzugeben. Gerade auch, weil es bei dem Gespräch am Freitagabend um die Ministerpräsidentenkonferenz ging, deren Ergebnisse den Alltag der Bürger:innen enorm einschränkt.

Am Samstagabend wurde die Stimmung hitziger. Im Room „Das ist die Bar“ wurde über einen Kommentar von „WamS“-Chefredakteur Johannes Boie diskutiert, der am Samstag veröffentlicht wurde und die Ausdrucksweise und den Auftritt Ramelows kritisierte - unter anderem, weil er die Bundeskanzlerin das „Merkelchen“ nannte, als es spaßeshalber darum ging, ob man die nächste MPK nicht auch bei Clubhouse abhalten könne.

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Auch Ramelow nahm teil und gab etwas naiv zu Bedenken, dass er nicht damit gerechnet habe, dass Inhalte des lockeren Gesprächs „aus dem Kontext“ heraus medial aufbereitet werden würden. Und so erlebte man am Samstagabend eine Situation wie einen Unfall, bei dem man nicht hin- aber auch nicht weghören möchte. Ramelow stritt mit Journalist:innen und Medienschaffenden über die Kommunikation im Social-Media-Neuland „Clubhouse“ - und wie damit nun umgegangen werden müsse.

Einige argumentierten, dass diese neue Atmosphäre geschützt werden müsse - andere gaben zu Bedenken, dass es sich um ein elitäres Medium handele, da die App bislang nur für Apple-Nutzer:innen verfügbar ist und nur diejenigen, die zuvor eingeladen wurden, sich anmelden können.

Dass es dabei auch darum ging, ob man während stundenlanger Politikdebatten „Candy Crush“ zocken sollte, mutete der Situation eine gewisse Komik an. Irgendwas zwischen „Feuilleton“ und „Trash“ war also auch für diese Debatte zutreffend.

Dabei zog es längst nicht alle auf die Bühne. FDP-Parteichef Christian Lindner blieb ungewohnt zurückhaltend. Bei dem Gespräch am Samstagabend stand sein Name nur in der Liste der „stillen Zuhörer“. Womöglich auch eine Taktik - zumindest, um das anfängliche Kommunikationsdilemma zu vermeiden, das Bodo Ramelow nun erlebt.

Bei all der Tragik sang am Samstagabend CDU-Politiker Philipp Amthor versöhnlich das Pommernlied. Ein bisschen schief, aber eben auch sehr passend, wenn man an einen „echten“ Bar-Abend um ein Uhr nachts denkt. Die Abende in der Pandemie haben wieder einen Sinn - zumindest bis es wieder im echten Leben an die Bar geht.

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