Die Roten Khmer haben selbst Brillen getragen.

Sonntagsinterview „Ich hätte lieber einen lebenden Vater“


Ihre Brille liegt auf dem Tisch. Damals wäre sie Ihr Todesurteil gewesen.
Mein Vater hat seine Brille aus Angst versteckt. Er war hoher Funktionär im Bildungsministerium, trug immer Anzug und Krawatte. Eines Tages hat er seine Krawatten im Wald vergraben, und damit sein Leben. Die Roten Khmer haben selbst Brillen getragen. Man sieht das auf Archivbildern und denkt, warum ist das bei uns ein Verbrechen und bei denen nicht?


Die absurde Logik des Terrors.
Wie können Brillen etwas über Klassen aussagen? Auch Arme können schlecht sehen. Man trägt ja nicht eine Brille und spricht automatisch zehn Sprachen. Man ist nicht reich, wenn man einen Kugelschreiber hat. Der Kugelschreiber war übrigens ein Zeichen der Roten Khmer. Alle hatten einen, zwei, drei Stifte in ihrer Brusttasche, selbst Pol Pot. Je mehr man hatte, desto höher stand man. Hätten wir hingegen einen Kugelschreiber gehabt, hätte es geheißen: Das sind Intellektuelle, die schreiben können. Das ist nicht zu verstehen.


Wenn man nach Kambodscha fährt, fällt einem auf, wie schön das Land ist, wie beeindruckend die Kultur, die Tempel von Angkor.
Und die Leute sind so nett, friedlich und hilfsbereit. Dieses Volk war zu einem Massaker fähig? Ich habe keine Lust, alles zu verstehen. Man muss sagen, dass diese Dinge passiert sind und wie.


Wir sitzen in dem Hamburger Verlag, in dem Ihre Autobiografie „Auslöschung“ erschienen ist. Wie ist es für Sie, in Deutschland zu sein?
Ich habe mich immer für Deutschland interessiert, unsere Länder sind zwei Länder mit Tragödien. Ich war in Nürnberg, das hat mich berührt, ich kannte ja all die Bilder der Aufmärsche der Nationalsozialisten und die Filme von den Nürnberger Prozessen. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin finde ich sehr gelungen in seiner Klarheit und Präsenz in der Stadt.


Fehlt ein solches Mahnmal in Kambodscha?
Das Problem ist, wie konserviert man Erinnerung? Mit einem Museum, einem Mahnmal? Ich mag Museen nicht, wo man Tickets kaufen muss, wie im ehemaligen Foltergefängnis S-21 in Phnom Penh. Choeung Ek, eines der sogenannten Killing Fields, auf denen die Menschen zu Tausenden erschlagen wurden, ist etwas besser aufbereitet. Es braucht Künstler, die sich etwas überlegen, ein pädagogisches Konzept, Orte der Besinnung. Derzeit sieht man nur Gefängniszellen, Dokumente, Totenschädel. Die Touristen rennen durch, sagen: Oh, was für ein Horror, und dann trinken sie ein Bier und fahren zum Fluss.


Chum Manh, einer von sieben Überlebenden von S-21, kommt jeden Tag an den Ort, an dem er hätte ermordet werden sollen. Weil er sonst nichts hat.
Niemand kümmert sich in Kambodscha um die Opfer, alle kümmern sich um die Henker. Ich sage immer: Ihr gebt so viel Geld für das Rote- Khmer-Tribunal aus, gebt dem Mann doch ein kleines Stipendium, damit er seine Geschichte aufschreibt, mit Schulklassen redet und mit den Guides, die nur Quatsch erzählen. Aber niemand tut etwas. Es gab noch einen weiteren Überlebenden, einen Maler. Er war krank und hätte eine Dialyse gebraucht. Sie war teuer, niemand hat sie bezahlt, und so ist er gestorben.

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