"1,7 Millionen Tote und noch mehr zerstörte Leben"

Sonntagsinterview „Ich hätte lieber einen lebenden Vater“


Ihre Geschwister mussten Zwangsarbeit leisten, Sie selbst als Kind Leichen in ein Massengrab werfen. Reden Sie darüber?
Nein. Man muss respektieren, ob jemand reden will oder nicht. Es gibt 1,7 Millionen Tote und noch mehr zerstörte Leben. Das sind sehr viele Formen der Traurigkeit, und jedes Leid erfordert eine eigene Therapie. Wie wollen Sie jemandem garantieren, dass es ihm besser geht, wenn er redet?


Besteht nicht die Gefahr, dass die Geschichte der Opfer totgeschwiegen wird?
Ich mische mich nicht ein, wie eine Familie das handhabt, nicht einmal bei meiner eigenen. Wie können Eltern einem Kind erklären, warum es Insekten, Rinderhaut, Blätter essen musste? Warum es das Leben eines Höllentieres führte? Es ist schwer für Überlebende, zu reden, weil sie bis zu einem gewissen Grad keine Menschen mehr waren. Eine Familie muss die Seele zur Ruhe bringen, ihre Würde wiederfinden. Es gab eine Kultur vor den Roten Khmer, die auferstehen kann. Man kann wieder kochen, Filme machen, seine Kinder zur Schule schicken. Es ist wichtig, dass nach einem Genozid der Geschmack des Lebens wiederkehrt.


Sie selbst suchten, als Sie in Paris lebten, einen Psychiater auf. Konnte er Ihnen helfen?
Ich litt an Schlaflosigkeit und Panikattacken. Bei mir um die Ecke gab es einen Arzt, einen Psychoanalytiker. Es stellte sich heraus, dass er Jude war und seine Eltern im KZ ermordet wurden. Ich fand ihn sehr sensibel. Er sagte, das wird nie mehr normal, aber man muss das Leben fortsetzen.


Wie kann man so etwas überleben?
Ich glaube an die Banalität des Guten. Es gab tapfere und gute Leute, die andere retteten. Der Mann, der meinem Vater sagte, er solle seine Krawatten verstecken. Der Funktionär, der im Krankenhaus, wo ich arbeiten musste, sagte: Hör auf, die Medikamentenpackungen zu lesen, sonst wirst du denunziert. Er wurde später exekutiert. Und da war meine Mutter, die immer sagte: „Geh weiter!“ Und weitergehen heißt, sich aufrecht zu halten, den Horizont im Auge zu behalten. Ohne diesen Satz „Geh weiter!“ wäre ich nicht mehr am Leben.


Der Soziologe Harald Welzer schreibt in seiner Studie „Täter“, es habe in Kambodscha ein „System einer totalen Gewaltherrschaft“ gegeben, „deren Vollstrecker systematisch zum Töten erzogen wurden“.


Damals unterschied man zwischen dem alten Volk, dem mit der glorreichen Vergangenheit, und dem neuen Volk, den Leuten aus der Stadt, den Intellektuellen. Es gab eine neue Kategorie von Mensch, nicht mehr Mann, Frau, Kind, sondern neu und alt. Es wurde genau gewählt, wer töten darf und wer getötet wird.


Einmal haben Sie und andere Jungen einem Soldaten mit einer Machete aufgelauert. Sie griffen ihn nicht an. „Nicht jeder kann töten“, schreiben Sie.
Der Mann hatte Dorfbewohner umgebracht, aber ich war nicht in der Lage, ihn zu töten. Selbst ein Henker braucht Gesetze und Vorschriften, um jemandem das Leben zu nehmen. Doch ich kann nicht sagen, was passiert wäre, wenn die Roten Khmer zwei Jahre länger an der Macht geblieben wären. Vielleicht hätten sie mich rekrutiert.


Wie sieht das Leben eines Jugendlichen im heutigen Kambodscha aus?
Wenn seine Eltern reich sind, hat er alles, er kann studieren, reisen. Wenn man auf dem Land lebt, hat man keine Bibliotheken, kein Internet. Kambodscha ist das Land der Jugend, 70 Prozent sind jung. Wir müssen dafür sorgen, dass sie Bildung erhalten, sich für unsere Kultur interessieren.


Interessieren sich die Jungen für die Vergangenheit?
Inzwischen ja. Viele kommen in das „Audio Visual Ressource Center“, wo ich Filme, Fotos und Tondokumente sammle. Sie gucken Dokus über Pol Pot, und eines Tages werden sie ihren Eltern Fragen stellen. Wo sind meine Großeltern? Warum wurden sie ermordet? Wer waren die Roten Khmer? Man kann nicht alles erklären, aber man kann einen Teil der Geschichte zugänglich machen.


Sie konnten vor den Roten Khmer erst nach Thailand fliehen, später nach Paris.

Ich bin nicht nach Thailand geflohen. Ich bin freiwillig gegangen, ich wollte meine Familie treffen, eine Zeit lang weg sein, durchatmen.


Seit 1990 leben Sie wieder in Phnom Penh. Wie war es, zurückzukommen?
Ich schaffe es, weil ich mich dafür entschied. Es ist kein Fest, ich komme ja nicht mit einer olympischen Medaille in meine Heimat zurück, sondern mit einer schwierigen Geschichte. Ich bin dort, weil ich nützlich sein kann. Weil ich dazu beitragen will, die Erinnerung an die Toten zu bewahren.


Ihr neuer Film „The Missing Picture“, in dem Sie anhand von Tonfiguren und Archivbildern Ihre Kindheit rekonstruieren, wurde in Cannes geehrt. Wie kamen Sie zum Film?
Ich habe eine Form gesucht, die es mir erlaubt, zu arbeiten. Ich habe erst gemalt, dann habe ich gemerkt, dass Malen teuer ist, die Farbe, das Atelier. Ich hatte kein Geld und habe keine Technik gefunden. Eines Tages borgte mir ein Freund seine Kamera, und voilà.


Für Ihren Film „S-21 – Die Todesmaschine der Roten Khmer“ haben Sie dessen Leiter Kaing Guev Eav, genannt „Duch“, im Gefängnis interviewt. Wie haben Sie ihn erlebt?
Er ist ein Mann, der denkt, liest, schreiben kann, mehrere Sprachen spricht. Ein Mensch, kein Monster. Das war schwer. Wäre er ein Monster, wäre es einfacher gewesen. Er versuchte ständig, sich mit mir zu verbrüdern, sagte, ich wäre ein guter Chef von S-21 gewesen. Seine Botschaft war klar: Du bist wie ich, du hättest an meiner Stelle sein können. Ich entgegnete: Das hast du gewählt, nicht ich. Im Leben entscheidet man sich für Dinge. Manchmal ist es eine leichte Entscheidung, manchmal kostet eine Entscheidung das Leben, wie bei meinem Vater.


Sie sehen Duch als Bürokraten, der Listen der Gefolterten führte, den Folterern ein penibles Regelwerk auferlegte. Verkörpert er die Banalität des Bösen?
Wenn das Böse banal, also in uns allen ist, bin ich dann wie er? War Duch dann ein Opfer? Nein, mein Vater war ein Opfer. Es gab Leute, die ermordet wurden, weil sie Widerstand leisteten und versuchten, ihre Würde zu behalten. Das will ich für die nachfolgenden Generationen festhalten.

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