In Österreich hatte er keine Chance

Bei Olympia 2018 in Pyeongchang trug Breitfuss Kammerlander die bolivianische Flagge. Foto: Rob Schumacher-USA TODAY Sports
Simon Breitfuss Kammerlander Er ist Ski-Profi, er ist langsam - und gibt nicht auf

420 Mal im Jahr finden in La Paz Straßenfeste statt. „Es ist fast schwieriger, nicht bei einer Fiesta zu landen“, sagt Breitfuss Kammerlander. Bei seiner ersten begegnet er einem Mann, der ihn anspricht, weil er fremd aussieht. Sie unterhalten sich, der Mann sagt, er sei vom bolivianischen Skiverband. „Und ich bin der Simon und fahr gern Ski“, sagt der Simon.

In La Paz treffen sich durch Zufall Angebot und Nachfrage. Der Verband sucht einen Skiläufer. Breitfuss Kammerlander sucht eine Eintrittskarte zu Weltcupskirennen. In Österreich hatte er keine Chance, in Bolivien gibt es außer ihm niemanden. Einziges Problem: Er ist kein Bolivianer.

Er bleibt im Land, klettert manchmal auf den 5390 Meter hohen Charquini in den Anden. Es gibt zwar keinen Skilift in Bolivien, aber der Schnee dort oben bildet eine schöne Kruste, auf der Breitfuss Kammerlander ein paar Schwünge fährt. Mit professionellem Skitraining hat das wenig zu tun, das geht nur in Argentinien oder Chile. Zukünftig hält er sich lieber fit, studiert – und wartet. Nach drei Jahren bekommt er die Staatsbürgerschaft. Weil es in Bolivien üblich ist, zwei Nachnamen zu haben, den des Vaters und den der Mutter, hängt er das Kammerlander hinter das Breitfuss. Der Prozess, bis er eine Startlizenz vom Internationalen Skiverband bekommt, dauert weitere drei Jahre. Im Jahr sechs nach der Fiesta in La Paz darf sich Simon Breitfuss Kammerlander bolivianischer Skirennläufer nennen. Er ist da bereits 24. Andere geben in diesem Alter auf, weil sie keine Hoffnung mehr haben. Er beginnt jetzt.

Seine ersten Skirennen fährt er in Argentinien

Im Hotelzimmer in Mandling, 18 Stunden bis zum Start des Slaloms, sucht er nach einer Erklärung für seine Leidenschaft. „Das ist so meine Art: Wenn ich sag’, jetzt mach’ ich das, dann mach’ ich das.“

Seine ersten Skirennen fährt er damals in Argentinien. Er kauft sich einen alten Lada Niva und legt 15 000 Kilometer in fünf Wochen zurück, von Wettkampf zu Wettkampf. Mitten in der Atacama-Wüste wechselt er das Öl, auf dem Beifahrersitz auch damals sein Vater. Die ersten Wettkämpfe in Europa fährt er in Norwegen, in Hemsedal. Er erreicht das Ziel als 80. beim Riesenslalom, bei einem Schwung schmerzt das Knie. Der Arzt sagt ihm, er habe sich den Meniskus umgestülpt. Als es gerade losgehen soll, muss Breitfuss Kammerlander erst mal wieder Pause machen. Ein Jahr später tritt er bei seinem ersten Weltcup in Sölden an. Er wird Viertletzter.

Fünf Stunden bis zum Start in Schladming. Breitfuss Kammerlander hat gut geschlafen, Vater Rainer hat die Skier gewachst und geschliffen, jetzt stehen sie beide am Trainingshang, Simon will zwei Probefahrten absolvieren. Er trägt seinen grüngelben Rennanzug, den er selbst entworfen hat, dazu den grünen Helm und seine Slalomskier von Völkl. Die machten ihm in den bisherigen Wettkämpfen ein bisschen zu schaffen. Weil er die Marke erst seit diesem Jahr fährt, hat er die perfekte Abstimmung zwischen Ski und Schuh noch nicht gefunden. „Das Setup passte nicht zu 100 Prozent“, sagt Rainer. Er hat die Idee, die Kanten noch schärfer zu schleifen, der Ski beißt jetzt schon in den Schnee, wenn Simon nur leicht kantet, das sorgt für Grip, also für mehr Halt. Das fehlende Detail?

Wie sollen sie mit den Besten mithalten?

Um bei Skirennen Erfolg zu haben, müssen viele Faktoren stimmen. Talent spielt eine große Rolle, Technik, Fitness, Ausrüstung, Ernährung, Tagesform, Psyche des Athleten. Skisport verzeiht keine Fehler, die Uhr läuft. Wer ganz vorn landen will, muss alle externen Störquellen eliminieren. Darum reisen Profis wie der Österreicher Marcel Hirscher mit einem ganzen Team an, einer kümmert sich um den Winkel der Stahlkanten an den Skiern, ein anderer um die richtige Härte der Skischuhe. Hirscher fliegt im Privatjet zu Skirennen, um sich lange Autofahrten zu sparen und ausgeschlafener zu sein, er wohnt in den besten Hotels, hat einen Koch und einen eigenen Physiotherapeuten.

Simon hat vor allem Papa Rainer, der Kanten schleift, Videos dreht von seinen Fahrten, analysiert, Sponsoren auftreibt, das Auto fährt und seinen Sohn vor den Rennen motiviert. Zusammen sind sie in der ersten Saison mit dem Wohnmobil von Land zu Land gereist, um sich die Hotelkosten zu sparen. Eine Saison koste ihn etwa 150 000 Euro, sagt Simon. Nur einen Teil dieser Summe übernehmen Sponsoren.

Zuerst haben sie gekocht, dann die Töpfe weggeräumt und das Skiwachs rausgeholt. Als sie bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr die Skimarke Atomic baten, ihnen bessere Abfahrtsski zur Verfügung zu stellen, sagte der Ausrüster, er habe keine übrig – dabei hätten 17 Paar in einer Garage im Zielraum gestanden, erzählt Rainer. Wenn die Breitfuss Kammerlanders ein Problem beseitigt haben, wartet das nächste. Im Super-G von Kitzbühel ging der Ski kaputt. Beim Far East Cup in China hat sich Simon vier Sehnen im Rücken gerissen. „Aber das hält uns nicht ab, das stärkt uns nur“, sagt der Vater. Vor Olympia fiel Rainer beim Schneeschaufeln vom Dach. Im Fernseher sah er, wie sein Sohn die bolivianische Flagge ins Stadion trug. Wie sollen sie mit den Besten mithalten?

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