Viele im Berliner Nachtleben nehmen ihre Getränke mittlerweile lieber mit auf die Tanzfläche, als dass sie diese unbeaufsichtigt stehen lassen würden.  Foto: Sophia Kembowski/dpa
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Sicherer unterwegs im Nachtleben Ein neues Armband soll gegen K.-o.-Tropfen helfen

Wie viele Opfer von K.-o.-Tropfen es gibt, weiß auch die Polizei nicht - die Dunkelziffer ist hoch. Ein Armband testet Getränke auf Liquid Ecstasy.

Lieber einen Schluck verschütten, als ein Opfer von K.-o.-Tropfen werden: Viele im Berliner Nachtleben nehmen ihre Getränke mittlerweile lieber mit auf die Tanzfläche, als dass sie ihren Gin Tonic unbeaufsichtigt stehen lassen würden. Ein bereits offenes Getränk von einem Fremden annehmen? Ausgeschlossen. So empfiehlt es auch die Polizei zum Schutz vor den geschmacks- und geruchlosen Wirkstoffen, die immer wieder Getränken beigemischt werden – zum Beispiel in Clubs, auf Stadtfesten, Weihnachtsmärkten oder in der Kneipe.

Die Opfer werden wehrlos. Den Tätern sind sie ausgeliefert. Wie viele Fälle es bundesweit bereits gab, bleibt im Dunkeln. Denn die farblosen Tropfen mit dem Wirkstoff GBL (Gamma-Butyrolacton) oder GHB (Gammahydroxybutyrat) sind nur wenige Stunden nach der Einnahme in Blut oder Urin nachweisbar.

„Wir vermuten bei Straftaten in Zusammenhang mit der Verabreichung sogenannter K.-o.-Tropfen ein hohes Dunkelfeld“, sagt Thilo Cablitz, Pressesprecher der Berliner Polizei. Es sei anzunehmen, dass viele Opfer aus Scham auf eine Anzeige verzichten. Außerdem gehe die Verabreichung von K.-o.-Tropfen „oft mit dem Konsum alkoholischer Getränke einher“. Mögliche Opfer erklärten sich teilweise eventuelle Gedächtnislücken oder körperliche Beschwerden mit den Folgen des Alkohols und vermuteten gar nicht, „dass ihnen etwas verabreicht wurde“.

Ratschläge sind zu wenig

Der Ratschlag, vorsichtig zu sein, war Kim Eisenmann, Geschäftsführerin von Xantus in Karlsruhe, zu wenig. Nachdem eine gute Bekannte von ihr bei einem Stadtfest von K.-o-Tropfen ausgeknockt, vergewaltigt und schwer verletzt wurde, vertiefte sich die 25-jährige Eisenmann in das Thema. „Es gab einfach nix, um die Substanzen in Getränken nachzuweisen“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Partner Sven Häuser und in Zusammenarbeit mit einem Chemiker entwickelten sie ein Papierarmband: Mit dem Finger wird etwas Flüssigkeit auf eines von zwei Testfeldern auf dem Armband aufgetragen. Wenn es sich innerhalb von zwei Minuten blau färbt, ist der Test positiv und das Getränk enthält GHB – auch bekannt als Liquid Ecstasy.

In acht Monaten brachten Eisenmann und Häuser ihr Produkt namens Xantus auf den Markt, seit April wird es im online-Shop der Drogeriekette dm angeboten. Aufgrund der hohen Nachfrage sei es nach kurzer Zeit nicht mehr verfügbar gewesen, berichtet Sebastian Beyer, dm-Geschäftsführer im Ressort Marketing und Beschaffung. Mittlerweile sind die Armbänder im 2er- und 4er-Pack (5,45 und 9,95 Euro) wieder vorrätig, die Nachfrage werde darüber entscheiden, ob sie auch in den Märkten direkt verkauft werden. Bisher zeigt das Armband nur den Wirkstoff GHB an. Damit bietet es also keinen hundertprozentigen Schutz – zum Beispiel vor Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Im Karlsruher Start-up wird deshalb weitergeforscht. Außerdem sieht Kim Eisenmann das Band als klares Signal: Wer es am Handgelenk trägt, schrecke mögliche Täter vielleicht ab.

„K.o.-Tropfen sind ein großes Thema in der Partystadt Berlin“, sagt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Sie würden hauptsächlich genutzt, um Gewalt gegen Frauen auszuüben. Kalayci finde es unerträglich, dass Gamma-Butyrolacton frei im Internet zu bestellen sei. Sie fordert deshalb die Bundesregierung auf, die Vergabe „dieses Tatmittels endlich zu regulieren“. Ein entsprechender Antrag sei für die Gleichstellungsministerkonferenz in der kommenden Woche sei auf den Weg gebracht. Kalayci: „Neue Tatmittel verlangen neue Formen der Prävention, um Frauen und Mädchen besser zu schützen.“

Hohe Dunkelziffer

GBL fällt derzeit – anders als GHB – nicht unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), sondern ist frei erhältlich und kann im Internet bestellt werden. Aus der Senatsverwaltung für Gesundheit heißt es, die Bundesregierung halte die Regelungen des Gesetzes nicht zur Regulierung von GBL geeignet, weil es sich dabei um eine Massenchemikalie handele, die industriell zum Beispiel zu Nagellackentferner verarbeitet werde.

Wegen der hohen Dunkelziffer bei den Opfern fordert Berlin von der Bundesregierung außerdem die Erstellung einer Studie zur bundesweiten Verbreitung von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung mit K.-o.-Tropfen. Dabei geht es durchaus nicht nur um Frauen. Auch Schwulenprojekte berichten, dass sich Raubüberfälle und Vergewaltigungen unter Einsatz von K.-oTropfen häufen, heißt es bei dem Berliner Projekt Lara, einem Verein gegen sexuelle Gewalt. Und die Polizei verweist darauf, dass es sich zwar meist um Sexualdelikte handele, aber auch Raub und Diebstähle auf das Konto derer gehen, die andere mit den Tropfen wehr- und willenlos machen.

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