"Wir sind keine Helden"

Im Mai in Salerno (Italien) an Bord der "Aquarius". Nach Angaben von SOS Mediterranee kamen mit dem Schiff 1004 Flüchtlinge. Foto: Michele Amoruso/Pacific Press via ZUMA Wire/dpa
Seenotrettung im Mittelmeer "Es kann nur richtig sein, Menschen aus Lebensgefahr zu retten"

Welchen Hafen sollte man gesehen haben?

Oh, das sind viele. Zu den schönsten zählen New York, San Francisco, Rio de Janeiro, Hongkong ...

Das sind alles Millionenstädte. Ist da der Kontrast zur Einsamkeit des Meeres besonders stark?

Es fängt schon an bei der Fahrt entlang der Küste. Oft passiert man erst ein Labyrinth aus Inseln, auf denen sich schon Siedlungen befinden, der Verkehr auf dem Wasser nimmt immer weiter zu. Während wir unter der Verrazano-Narrows-Brücke durchfahren und Manhattan vor uns liegen sehen, sind wir auf dem Schiff noch ganz für uns. Es dauert Stunden, bis wir an der Pier festmachen, doch die Stadt ist bereits zum Greifen nah.

Für einen Jungen, der in Heidelberg aufwuchs, ist es nicht naheliegend, zur See zu gehen.

Meine Familie stammt aus Hamburg. Nach der Schule wollte ich ein Jahr lang praktisch arbeiten. Der Bau wäre naheliegend gewesen. Doch dann sah ich auf dem Weg zu meinen Großeltern die Schiffe im Hafen und nahm mit 18 als Erstes einen Stückgutfrachter nach Indonesien. Es ging ganz um Afrika herum. Damals war nach dem Sechs-Tage-Krieg noch der Suez-Kanal gesperrt.

Wann wurde Ihnen mal so mulmig auf See, dass Sie sich für Ihre Berufswahl verfluchten?

Kein einziges Mal! Einmal sind wir im Pazifik in einen Taifun geraten. Mehr als zwei Tage gab es nichts anderes, als den Sturm zu bestehen. Dann öffnete die Welt sich wieder.

Als Sie in den 70er Jahren im Südchinesischen Meer unterwegs waren, flohen die sogenannten Boatpeople zu Tausenden auf überladenen Holzdschunken aus Vietnam.

Damals durften wir nicht retten. Ich bekam Albträume: Ich sah mich in einem Boot sitzen, im Wasser vor mir waren viele Köpfe, eine endlose Kette. Ich versuchte, den Vordersten zu greifen, er entwischte mir. Und ich sah, wie der Hinterste sich von der Kette löst, dann noch einer, immer einer mehr. Sie trieben alle ab, und sie ertranken.

Wer hatte die Anweisung gegeben, nicht zu retten?

Mein damaliger Kapitän. Ich war junger Nautiker, Zweiter Offizier. Als er mir die Aufgabe übertrug, einen Kurs durch das Gebiet auszuarbeiten und ich einen Strich dicht unter der vietnamesischen Küste zog, das wäre die kürzeste Route gewesen, da sagte er, dass wir einen Bogen darum machen würden. Wir sahen keines der Flüchtlingsboote. Tausende hätten wir retten können.

Sie haben auch Geschichte studiert, promoviert und als Wissenschaftler am Max-Planck-Institut gearbeitet. Wie sehr hat die Tätigkeit als Historiker Ihren Entschluss, Seenotretter zu werden, beeinflusst?

Einer meiner Schwerpunkte war die Gewaltforschung. Also auch die Frage, warum im 20. Jahrhundert so viel Vernichtungsenergie freigesetzt wurde. Mich interessieren die Traumata, die über Generationen hinweg wirken, und die Frage nach der „selektiven Empathie“. Es gibt Grenzen des Mitgefühls, unsere befindet sich im Mittelmeer.

An welche Traumata denken Sie?

Das Haus, in dem mein Vater in Hamburg-Barmbek aufwuchs, wurde im Krieg von Bomben getroffen. Mein Vater war damals 13 Jahre alt. Als er mit seinen Eltern nach dem Bombenangriff zurückkehrte, stand an der Hauswand mit Kreide geschrieben „Alle leben“. Am Nachbarhaus stand: „4 Tote“. Haus für Haus waren die Zahlen notiert. Für mich ist dieses „Alle leben“ ein Glück, das man für sich und alle wünscht.

Denken Sie zuweilen, dass nichts, was Sie tun, gut genug ist?

Es ist eine Kunst, nach einem Einsatz in ein normales Leben zurückzufinden. Wir sind keine Helden, werden es auch nicht sein. Jeder sollte mit dem Gefühl bei der Sache sein, dass sein Job auch von seiner Ablösung gut erledigt werden kann.

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