"Sie treiben die Leute mit Gewehren in die Boote"

Das frühere Fischereischutzboot MS "Aquarium" kann bis zu 500 Flüchtlinge aufnehmen. Foto: Michele Amoruso/Pacific Press via ZUMA Wire/dpa
Seenotrettung im Mittelmeer "Es kann nur richtig sein, Menschen aus Lebensgefahr zu retten"

Sie denken in Kategorien eines mediterranen Kulturraums. Was macht Sie da zuversichtlich?

Erst vor wenigen Tagen haben sich die wichtigen Führer Europas mit einflussreichen afrikanischen Regierungschefs beim G-7-Gipfel in Taormina getroffen. Es gibt also ein wachsendes Bewusstsein.

Während dieses Treffens wurden über 1000 Menschen vor Libyen von der Aquarius geborgen. Das ist das Doppelte der Menge, auf die Sie ursprünglich eingestellt waren.

Wir konnten ja keinen zurücklassen. Wegen des Gipfels war Sizilien für das Schiff gesperrt. Es musste bis nach Salerno bei Neapel weiterfahren, um die 1000 Menschen an Land zu bringen.

Da Ihre Schiffsposition im Internet verfolgt werden kann, könnten die libyschen Banden ihre Schlauchbootladungen direkt in Ihre Arme dirigieren. Besteht also doch ein Zusammenhang zwischen Hilfe und Flucht?

Keiner von uns geht davon aus, dass die Schlepper mit dem automatischen Positionssystem operieren. Die haben Gewehre und Knüppel, mit denen sie die Leute in die Boote treiben. Im Übrigen brauchen die Rettungsschiffe das System zur Koordination untereinander. Wir müssen wissen, wo sich jedes Schiff aufhält. Nichtschwimmer, die sich in einem überfüllten Schlauchboot aufs Meer begeben, haben den Tod unmittelbar vor Augen. Das Risiko ist so hoch, dass die Erwartung einer Rettung ein ganz anderes Gewicht hat.

Frontex und die im Mittelmeer operierende Marine sammeln Daten über Schleuser. Stehen Sie unter Druck, den Behörden Informationen zu liefern?

Nein. Nach allem, was wir wissen, befinden sich auf den Schlauchbooten keine Schleuser. Die Boote werden einfach losgeschickt. Einem wird die Pinne in die Hand gedrückt und gesagt: Immer geradeaus. Als wir nach einer der ersten Rettungen in Lampedusa ankamen, blickte ein Flüchtling staunend auf das Meer und meinte: „What a big river.“

Zuletzt hat die libysche Küstenwache Flüchtlinge beschossen, ausgeraubt und eine Bergungsaktion behindert.

Wir haben nicht den Eindruck, dass die Küstenwache das umsetzt, wofür sie von europäischer Seite zum Teil bezahlt und ausgebildet wird.

Es gibt Berichte, wonach Auffanglager in Süditalien von der Mafia betrieben werden sollen. Dann läge es nahe, dass Ihre Organisation von Menschenhändlern als „Shuttle-Service“ benutzt würde, wie es CDU-Innenexperte Stephan Mayer ausdrückt.

Wir haben ein Schlauchboot gerettet mit 120 Personen, davon 60 nigerianische Frauen. Die müssen gemeinsam gekommen sein. Sollte unsere Hilfsbereitschaft auf diese Art missbraucht werden, können wir dennoch die Rettung nicht aufgeben.

Sondern?

Dass skrupellose Gangster mit Geflüchteten Geschäfte machen, kann nicht bedeuten, diese Menschen ihrem Schicksal zu überlassen. Wir müssen verhindern, dass sie in die Fänge der Menschenhändler in Libyen geraten.

Wie könnte das gelingen? Haben Sie eine Idee?

Die EU könnte morgen in jedem afrikanischen Land nördlich des Äquators Büros eröffnen, in denen über die Lage in Libyen und im Mittelmeer wahrheitsgetreu informiert wird. In den Büros sollte die Möglichkeit angeboten werden, in begründeten Einzelfällen humanitäre Visa zu erhalten. Wir brauchen sichere Korridore als Alternative zu der mörderischen Route über Libyen. Wenn es so etwas gäbe, verbunden mit der Möglichkeit, sich für einen Job in der EU zu qualifizieren, hätten wir eine andere Lage.

Im Moment sieht es nicht danach aus. Sehnen Sie sich da nicht in Ihren alten Beruf des Kapitäns eines Containerschiffs zurück?

Ja. Meine Arbeit vermisse ich. Vor allem, dass die 22 Leute an Bord wirklich in einem Boot sitzen. Anders als bei vielen anderen Unternehmungen, bei denen die Chefs allmählich den Kontakt zur Realität verlieren, ist der Kapitän auf dem Schiff immer dabei, es herrscht eine über Jahrhunderte gewachsene Aufgabenteilung. Wenn man in schwierigen Situationen Hand in Hand arbeitet und sich die Zusammenarbeit bewährt, ist das jedes Mal erfüllend.

Haben Sie eine Lieblingsroute?

Von Hamburg über den Nordatlantik in die Karibik, durch den Panama-Kanal, die Westküste der USA hinauf bis San Francisco, von dort mit dem Großkreis quer über den Pazifik nach Japan, China, Südkorea. Schließlich denselben Weg zurück. Das dauert etwa drei Monate.

Zur Startseite