"Wir haben eine unglaublich vulgäre Volkspartei"

Martin Suter, 69, mochte schon als kleiner Junge Krawatten, damals noch mit Gummizug. Foto: imago/Sven Simon
Schriftsteller Martin Suter "Ich kann aus einem Shirt eine Shorts machen"

Sie sind inzwischen 69, sind Sie altersmilde ?

Mit dem Erfolg werde ich zumindest bescheidener. Früher habe ich manchmal arrogante Sachen gesagt. Als man mich genervt hat mit Fragen wie: Haben Sie Schreibblockaden? Da habe ich geantwortet: Ein Schreiner kann sich auch keine Hobelblockade leisten. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Inzwischen weiß ich ja, dass es einem durchaus passieren kann.

Ihnen eher nicht. Kritiker nennen Sie „Romanfabrik“, weil Sie zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk Bücher veröffentlichen. Alle zwei Jahre etwa. Wo kommt der Eifer her?

Es ist mein Beruf. Und das Alter. Ich möchte gern noch ein paar Bücher schreiben. Mit 24 kann man leicht Pause machen, aber bei mir werden die Räume enger, wie man im Fußball sagt. Vielleicht ist es aber auch der Zwinglianer in mir.

Huldrych Zwingli, der Zürcher Reformator?

Bei uns Protestanten darf es nicht zu übermütig werden. Da spielt die Angst vor dem Neid der Götter hinein. Deshalb hängen wir unsere Erfolge nicht an die große Glocke. Das geht vielen Westeuropäern so. Darum verachten wir auch diesen Trump aus noch tieferem Herzen als andere Nationen.

In Italien schätzt man das Prahlen durchaus.

Dort gibt es viele feinsinnige Leute – und Berlusconi. Er war einer der Pioniere in der Übernahme der Politik durch die Vulgarität.

Sie sehen darin einen weltweiten Trend?

Ja, auch bei uns in der Schweiz. Wir haben eine unglaublich vulgäre Volkspartei, inzwischen stärkste Kraft. Deren Wahlwerbung ist unterste Schublade. Vor Kurzem ging es in einer Abstimmung darum, ob man Kindern der dritten Generation von Einwanderern die Einbürgerung erleichtern sollte. Eine absolute Selbstverständlichkeit. Die SVP hat eine flächendeckende Kampagne dagegen gemacht, auf den Plakaten sah man nur die Augenschlitze einer Frau in der Burka. Das war reine Stimmungsmache mit der Angst vor dem Unbekannten. Die Partei ist aber in hohem Bogen abgeschifft. 60 Prozent haben gesagt, ja, die sollen leichter eingebürgert werden. Das gibt mir Hoffnung.

Für die SVP sitzt Roger Köppel im Bundeshaus, der Chefredakteur der „Weltwoche“. Da haben Sie früher Ihre erfolgreiche Kolumne „Business Class“ geschrieben. Heute bezeichnet man Sie dort als „profitmaximierend“ und „von Erfolg getrieben“. Verstehen Sie die Kehrtwende?

Ich lese die „Weltwoche“ seit Jahren nicht mehr. Ich kenne auch niemanden, der das tut, seit sie rechtspopulistisch und ein Parteiblatt wurde. Oh, jetzt habe ich Ihre Frage vergessen vor lauter Schock, dass Sie die „Weltwoche“ lesen.

Wie Sie sich die Kritik erklären.

Ich stelle mir vor, dass sie ein bisschen nachtragend ist, weil ich gekündigt und alle Anfragen für Porträts abgelehnt habe.

Wir hatten Sie bislang gar nicht als politischen Autor wahrgenommen.

Ich bin auch nur ein politischer Mensch.

Sie haben sich zumindest oft für die Abschaffung des Wehrdienstes ausgesprochen.

Ich war 1968 in der Rekrutenschule. Man sagt ja immer, das habe noch keinem geschadet. Ich bin der Meinung, das hat noch jedem geschadet. Vorher wissen die meisten jungen Männer nicht, wie die Mechanismen von Machtausübung und Unterdrückung funktionieren. Da lernen sie es dann. Wer sich nicht unterwirft, bekommt Urlaubssperre, darf die Freundin am Wochenende nicht sehen. Schon allein die Drohung, dass wir nicht mehr ins nächste Dorf dürften, wo wir uns mit dem billigsten Bier, das wir fanden, betranken, genügte, um uns gefügig zu machen. Deshalb wird man ja so früh dahin geschickt, mit 19, weil man da noch formbar ist.

Danach, in Ihrer Jeans-Zeit, haben Sie eine Weltreise unternommen und mit dem Schreiben angefangen. Was haben Sie gesucht?

Abenteuer. Allerdings nicht ganz so happige, wie ich sie dann erlebt habe. Ich hatte damals keine Existenzängste. Ich hätte nie, wie die jungen Leute heute, gedacht: Wenn ich jetzt den Job aufgebe, finde ich keinen mehr. Das waren die Zeiten der Vollbeschäftigung. Meine erste Frau und ich hatten mit knapp 20 geheiratet. Wir stellten uns vor, wir steigen in Basel in den Landrover, fahren durch die Sahara, den kongolesischen Dschungel, die Serengeti, ganz auf uns selbst angewiesen, jeden Abend Service machen, den Ölfilter reinigen.

Klingt romantisch.

Bis wir schon in Kalabrien überfallen wurden. Wir hatten gerade in einem Olivenhain campiert, ich hatte den ganzen Tag an einem Stück Olivenholz geschnitzt und davon eine Sehnenscheidenentzündung. Mit Mühe und Not habe ich mich einhändig ausgezogen, da kam ein junger Bandit mit bloßem Oberkörper, Dreieckstuch im Gesicht, Knarre und rief: Hände hoch! Sie glauben nicht, wie schnell man barfuß rennen kann, wenn es ums Leben geht.

Er hat Sie nackt erwischt.

Man kann aus einem T-Shirt zur Not eine Shorts machen. Das weiß ich jetzt. Mit Autostopp und Verstärkung kamen wir zum Wagen zurück, zum Glück war die Petrolfunzel ausgegangen und der Junge ohne unsere Wertsachen geflohen.

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