"Es ist einfacher, wenn man nicht drei Haushalte hat"

Martin Suter, 69, mochte schon als kleiner Junge Krawatten, damals noch mit Gummizug. Foto: imago/Sven Simon
Schriftsteller Martin Suter "Ich kann aus einem Shirt eine Shorts machen"

Ihre Lektion daraus: Jetzt erst recht weiterfahren.

Er hat uns die Reise ziemlich verdorben, meine Frau hatte seitdem einen Tinnitus. Unsere Unbesorgtheit war weg. Wir campierten nur noch bei Polizeistationen oder Entwicklungshelfern.

Der Kongo war 1973 wohl kaum sicherer als Italien.

Es war schon ein bisschen brenzlig. Der Bürgerkrieg war zwar vorbei, doch Benzin konnte man nur auf dem Schwarzmarkt kaufen. Schmale Wege führten durch den Dschungel. Wenn da ein Lastwagen stecken blieb, hingen wir drei, vier Tage fest. Und überall waren Beamte oder Polizisten, die bestochen werden wollten. Da war ich ganz Schweizer: Gibt nichts! Als wir nach ein paar Monaten Nairobi erreichten, dachte ich: Jetzt müsste ich die gleiche Reise nochmals machen. Ohne Angst.

Sind Ihre Eltern in Zürich vor Sorge durchgedreht?

In Tunesien habe ich beim Tauchen Miesmuscheln entdeckt und geerntet, tagelang haben wir die gegessen. Wir lasen keine Zeitung und wussten nicht, dass dort eine Cholera-Epidemie wütete und man die Einheimischen davor gewarnt hatte, Muscheln zu essen. So schrieben wir meinen Eltern heim: Wunderbar, jeden Tag Miesmuscheln. Und die konnten uns nicht zurückschreiben.

Nach Afrika kamen Indien, Sri Lanka, Teheran.

Das Heilsarmee-Hotel in Bombay war die erste Station der Hippies. Auf der Straße davor starben die Menschen einfach so weg. Jeden Morgen konnte man Laster beobachten, die Toten wurden reihenweise reingekippt. Die Hippies hingen da rum und sagten: „Man, feel the vibes! Isn’t that great?“

Sie müssen sich auf Ihre Rückkehr gefreut haben.

Ja! Mein Bruder holte uns am Flughafen Kloten in Zürich ab. Mit einem Cervelat, also einer Wurst, und zwei Flaschen Hürlimann-Bier. So hatte ich das schriftlich von ihm bestellt.

Ein Weltenbummler sind Sie geblieben, haben als Reporter ferne Länder bereist, die letzten Jahre abwechselnd in Ibiza, Guatemala und der Schweiz gelebt. Sie sagten: „Ein typischer Schweizer ist einer, der ins Ausland geht.“ Warum sind Sie nun doch zurückgekehrt?

Wir hatten in Zürich immer ein Pied-à-terre, eine Zweitwohnung, einen Fuß in der Tür. Jetzt brauchte unsere zehnjährige Tochter Ana ein bisschen Stabilität. Guatemala kam nicht als Schulort infrage. Früher habe ich alle ausgelacht, die fragten: Fehlt euch das nicht, Theater, Kino, Ausstellungen? Dann ertappte ich mich dabei, zu denken: Diese Einladung hätte ich nicht abgesagt. Und es ist ein bisschen einfacher, wenn man nicht drei Haushalte hat. Meine Frau muss jetzt nicht mehr Buch darüber führen, was von unseren Sachen gerade in welchem Haus ist.

Sie sagen, Sie seien ein schlechter Kofferpacker.

Geben Sie meiner Frau und mir die gleiche Menge Kleider, sie wird’s in den Koffer reinbringen. Ich nicht.

Was die Rekrutenschule zu lehren vergaß?

Ich konnte mit einer gewissen Anzahl bestimmter militärischer Utensilien eine Vollpackung machen, in einem Rucksack. Nur: Mit einem solchen Rucksack bin ich seither nie wieder verreist.

Ihre Frau ist auch Ihre Erstleserin. Wie schlagen Sie die angespannte Zeit tot, während sie mit der Lektüre Ihres neuen Werks beschäftigt ist?

Es gibt zum Glück immer ein wenig was aufzuräumen. Ich kümmere mich um unsere Tochter, tigere in der Wohnung umher. Dabei versuche ich im Gesicht meiner Frau abzulesen, wo es hingeht. Sie lässt sich zu keinem Kommentar verführen.

Sie könnten Ihre Tochter zur Leserin erziehen.

Sie hat bislang nur eines meiner Bücher angefangen, „Lila lila“, eine Liebesgeschichte, aber sie hat nicht gern böse Menschen und traurige Enden. Sie ist wohl noch etwas zu jung dafür. Das Buch ist sonst beliebt bei Teenies, spektakulär, wie viele da zu den Lesungen kamen.

Martin Suter, gefeiert wie ein Boygroup-Mitglied.

Bei „Montecristo“, dem letzten Buch, war das ähnlich. Zur Premiere im Schauspielhaus kamen Teenies, darunter eine Gruppe von vier Mädchen, Chicks von 16 Jahren. Die hatten alle so kesse Nuttennamen aus den 30er Jahren, Lulu, Chichi, Mimi. Ich kam mir vor wie der Johannes Heesters.

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